RANDSTÄNDIGE: «Diese Menschen ecken an»

Was sie brauchen, sei Wertschätzung und nicht «falsche» Hilfe, sagt der Luzerner Gassenarbeiter Arjen Faber. Er kritisiert dabei auch die zuständigen Behörden.

Interview Beatrice Vogel
Drucken
Teilen
Arjen Faber (Mitte) kennt die Sorgen der Gassenleute. Beim Busbahnhof Luzern ist ein beliebter Treffpunkt; hier mit Roger Blättler (links) und Stefan Erni. (Bild Eveline Beerkircher)

Arjen Faber (Mitte) kennt die Sorgen der Gassenleute. Beim Busbahnhof Luzern ist ein beliebter Treffpunkt; hier mit Roger Blättler (links) und Stefan Erni. (Bild Eveline Beerkircher)

Arjen Faber (46) hat in den letzten 20 Jahren mit Schwerstabhängigen gearbeitet. Einen guten Teil seiner Erfahrung hat er als Mitarbeiter und Leiter der Gassechuchi gesammelt. Faber kennt die Menschen auf der Gasse und weiss, was sie beschäftigt. Sein Vorschlag für eine drogenfreie «Gassechuchi» sorgt für Diskussionen.

Arjen Faber, Sie haben über 20 Jahre Erfahrung mit Suchtkranken. Wie erleben Sie diese Menschen?

Arjen Faber: Für Süchtige hat das Leben zwei Seiten. Einerseits geniessen und brauchen sie den Rausch. Andererseits sehen sie auch, welche negativen Auswirkungen die Sucht auf ihr Leben hat. Alles wird durch die Sucht bestimmt. Deshalb möchten sie manchmal davon loskommen. Auch Süchtige brauchen den Kontakt zu anderen Menschen. Nur wenn sie Wertschätzung und Gemeinschaft erfahren, haben sie eine gute Chance, von der Sucht loszukommen.

Wie ist der Drogenkonsum heute?

Faber: Hauptsächlich werden Heroin und Kokain konsumiert. In Luzern gibt es heute etwa 1000 Drogensüchtige. In den letzten Jahren hat die Qualität des Stoffs extrem abgenommen. Hinzu gekommen sind Narkosemittel, die durch wenige Ärzte verschrieben und auf der Strasse verdealt werden. Sehr beliebt ist Dormikum. Es dämpft die Entzugserscheinungen. Und Alkohol ist natürlich immer ein Thema.

Auf der Gasse sind nicht nur Drogensüchtige – man spricht oft von Randständigen. Was sind das für Menschen?

Faber: Randständige sind Menschen, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden. Viele von ihnen sind süchtig, andere haben psychische Probleme oder sind vereinsamt.

Wieso landen sie auf der Gasse?

Faber: Dafür gibt es im Prinzip zwei Gründe. Die eine Gruppe von Randständigen hat in ihrer Vergangenheit Missbrauch oder Verwahrlosung erfahren. Sie haben nie Bindung und eine echte Gemeinschaft zu Hause erlebt. Die anderen sind «Geniessertypen». Sie probieren Drogen aus und geraten so immer tiefer in den Sumpf. Diese zweite Gruppe kommt oft aus intakten Familienverhältnissen und hat in der Arbeitswelt relativ gut funktioniert. Generell ist es so, dass diese Menschen überall anecken und den Ansprüchen der Gesellschaft nicht entsprechen. Da bleibt nur die Gasse als Subgesellschaft.

Gibt es Leute, die es schaffen, von der Gasse wegzukommen?

Faber: Ich weiss von etwa fünfzig Personen, die es geschafft haben. Das waren Leute, die ausserhalb der Szene noch Beziehungen hatten. Ein gutes soziales Umfeld ist das Fundament, um wieder herauszukommen.

Mit welchen Problemen sind Randständige tagtäglich konfrontiert?

Faber: Sie werden abschätzig behandelt und beleidigt. Viele sind einsam – manche werden psychisch krank. Sie sind wehrlos, werden manchmal verprügelt. Den Dealern sind sie ausgeliefert. Einige Frauen gehen auf den Strich und können sich nicht vor ihren Freiern schützen. Hinzu kommt die Repression durch die Polizei.

Verschlechtert sich die Situation im Winter – etwa für Obdachlose?

Faber: Der Tod ist im Winter viel näher, wegen der Kälte und Erkrankungen wie Lungenentzündungen. Andererseits ist das Wohlwollen der Gesellschaft gerade in der Adventszeit viel grösser. Auch die gassennahen Institutionen arbeiten im Winter enger zusammen. Und die Randständigen werden kreativer: Sie machen Therapien, sitzen Bussen im Gefängnis ab, finden Unterschlupf bei Freunden und Familie. Was die Obdachlosen betrifft, muss man differenzieren. Es gibt in Luzern etwa 150 bis 200 Wohnungslose, die meistens vorübergehend irgendwo unterkommen – sei es bei Freunden, Verwandten oder in der Notschlafstelle. Wirkliche Obdachlose gibt es nur etwa 15 in der Stadt. Diese haben das meistens selbst gewählt.

Warum entscheidet man sich bewusst für ein Leben auf der Strasse?

Faber: Diese Leute können oder wollen den Ansprüchen des Sozialamts nicht nachkommen. Sie erfahren das als Schikane. Sie wollen lieber frei sein und distanzieren sich bewusst vom System.

Es gibt viele Institutionen, die Randständige unterstützen. Trotzdem werden deren Angebote nicht alle gleich intensiv genutzt. Der Bedarf scheint gar nicht so gross zu sein.

Faber: Doch, dieser Bedarf besteht. Diese Angebote dürften aber keine Abstinenzansprüche an die Besucher stellen. Süchtige sind sehr scheu. Mit Beratungsangeboten kann man sie nicht locken. Lösungsvorschläge verscheuchen sie nur. Man muss sie nehmen, wie sie sind, und Gemeinschaft stiften, in der Vertrauen wächst. Das hat eine heilende Wirkung.

Ratschläge sind nicht erwünscht – wie kann man denn überhaupt helfen?

Faber: Indem man zuhört und einen Raum für Begegnung bietet. Der Bedarf besteht hier auch für Süchtige und ehemalige Süchtige, die keinen Kontakt mehr zu Drogen wollen oder sich vorübergehend davon distanzieren. Das ist eine Zielgruppe, die in vielen Treffs nicht willkommen ist. Sie brauchen einen Wohlfühlort, an dem sie Zuspruch und Wertschätzung erhalten. Die Gassechuchi war einmal ein solcher Ort. Aber durch die Nähe des Fixerraums ist dort eine enorme Hektik entstanden – es dreht sich alles nur noch um Drogenkonsum und -deal, nicht mehr um den sozialen Kontakt. Es gibt Randständige, die dort mit Drogen angefangen haben. Deshalb braucht es eine drogenfreie Alternative. Aber auch Süchtige haben heute nicht mehr viele Treffpunkte in der Stadt. Manche treffen sich beim Bahnhof, andere am Kasernenplatz. Da die Gassechuchi so stark von Drogen geprägt ist, wissen sie nicht, wohin gehen, wenn sie einmal keine Drogen konsumieren wollen. So sind sie heute über die ganze Stadt verstreut.

Wie hat sich die Arbeit mit Süchtigen in den letzten Jahren verändert?

Faber: Die Zusammenarbeit der gassennahen Institutionen wurde viel enger. Auch die Zusammenarbeit mit der Polizei ist besser. Die Fachkräfte haben sich professionalisiert. Und die Gesellschaft ist sensibler geworden. Heute werden Süchtige viel weniger stigmatisiert. Die Angst vor ihnen hat abgenommen. Gleichzeitig ist der Pioniergeist bei den Gassenarbeitern verschwunden. Behörden und Gremien glauben, das Problem im Griff zu haben, und erkennen nicht, dass sich die Bedürfnisse verändert haben. Wenn man etwas am Status quo ändern will, wird man schräg angeschaut.

Was müsste sich denn ändern?

Faber: Das Problem ist, dass die Leute an der Front, die direkt mit den Randständigen zu tun haben, keinen Kontakt zu den Behörden haben. Dazwischen stehen immer Geschäftsleitungen. In kirchlichen Vereinen steht oft ein aus der Kirche gewählter Vorstand dazwischen, der für die Suchthilfe nicht genügend qualifiziert ist. Wenn es den Geschäftsleitungen nicht gelingt, die Informationen von der Front abzuholen, entsteht eine schwer zu überbrückende Kluft: So dringt das Fachwissen nicht bis zu den Behörden durch. Deshalb sollten Kadergremien aus Fachleuten bestehen, die Erfahrung in der Arbeit mit Randständigen haben. Ein weiteres Problem ist, dass die gassennahen Institutionen zwar untereinander in Kontakt stehen, sich aber viel zu wenig über ihre Klienten austauschen. Wenn beispielsweise eine schwangere Drogensüchtige von der Gassechuchi ins Paradiesgässli geschickt wird, müsste abgeklärt werden, ob sie auch wirklich dort angekommen ist. Es bräuchte eine behördliche Triagestelle, die diese Prozesse koordiniert und die Randständigen ihren Bedürfnissen entsprechend auf die Angebote verteilt. Mit einer drogenfreien Gassenküche, einer behördlichen Triagestelle und mit Fachkräften in den Kadergremien könnte langfristig die Zahl der Süchtigen reduziert werden.

Der Umgang mit Randständigen ist für die Bevölkerung nicht einfach. Wie soll man sich verhalten, wenn man auf der Strasse um Geld angeschnorrt wird?

Faber: Man sollte versuchen, Empathie zu zeigen. Wenn man Zeit hat, kann man zuhören und fragen, warum die Person das Geld braucht. Den Entscheid, Geld zu geben oder nicht, muss jeder selbst fällen. Wenn man Geld gibt, muss einem aber klar sein, dass es für Drogen ausgegeben wird. Manche Leute kaufen den Randständigen stattdessen etwas zu essen. Ausserdem gibt es die Essensbons der Gassechuchi, die man kaufen und verschenken kann.