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Weihnachtszeit: Oh, du Stressige!

Unser Autor Raphael Zemp sinniert über weihnächtliche Begleiterscheinungen, jenseits von Liebe und Harmonie.
Raphael Zemp
Grafik: Oliver Marx

Grafik: Oliver Marx

Das Fest der Liebe, der Besinnung und des gediegenen Essens? Mag sein. Das jährliche Jubiläum der Geburt Christi ist aber weitaus mehr. Etwa die Zeit ...

... der (zu grossen) Erwartung

Freuen sich Kinder auf das neuste Rennauto, so rücken mit zunehmendem Alter andere Ansprüche an das Weihnachtsfest ins Zentrum: Geborgenheit, Wärme, Harmonie. Danach sehnt sich jeder von uns zumindest ein bisschen, selbst der professionelle Keulenschwinger, die notorische Radautante. Ganz besonders gilt das für die Zeit der Dunkelheit. Dann, wenn uns morgens beim Verlassen der Wohnung jene Schwärze grüsst, die sich auch abends über alles gelegt hat, lange bevor wir von der Arbeit zurückkehren. Ohne das grosse Blangen auf Weihnachten, das Versprechen schlechthin auf jede Menge Licht und Harmonie, stünden viele den Winter kaum durch. Umso wohltuender, dass Weihnachten auch die Zeit ist ...

... der Erinnerung

Nicht nur Grossmütter und -väter sinnieren, wie schön es doch damals war, als an Weihnachten draussen noch hüfthoch Schnee lag und man mit Holzlatten den Hang runterrutschen musste. «Direkt vors Kirchentor, um doch noch rechtzeitig zum Mitternachtsgottesdienst zu kommen!» Jeder verbindet Erinnerungen mit Weihnachten. Wie verheissungsvoll doch das Geschenkpapier geraschelt hat, beim Auspacken des neusten Lego-Technics-Sportwagens. Wie himmlisch der Schmorbraten geduftet hat! Wie herzerwärmend der Familienverbund die Stille der Nacht besungen hat, um den erleuchteten Weihnachtsbaum versammelt, begleitet von himmlischen Flötenklängen. Auch wenn der Bruder in Tat und Wahrheit bloss übereifrig in den Holzknebel gespuckt und dabei nur selten einen Ton getroffen hat. Ja, das liebe Gedächtnis, es glättet viele Wogen aus den Erinnerungen. Auch so wird Weihnachten eine Zeit ...

... der Flucht

Ob in Gedanken in eine unversehrte und unschuldige Vergangenheit oder mit dem Jet nach Südasien, um dort die Seele in seichtem Meerwasser und billigem Alkohol aufzulösen – Weihnachten bietet eine willkommene Verschnaufpause. Für mindestens zwei, drei Tage darf man aus dem Hamsterrad klettern, und wer hierzulande ausharrt, darf sich nicht nur mit edlen Tropfen, sondern auch mit Harmonie und Wärme volllaufen lassen. Für einmal vergessen ist der Arbeitsmarkt, die unzähligen Herausforderungen und Restrukturierungen, vergessen auch der zermürbende Druck des Wettbewerbs, die Konkurrenz, selbst jene aus Fernost. An Weihnachten, ja da vergessen wir gerne auch mal, dass der Chinese angeblich nie schläft. Und doch ist es auch eine Zeit ...

... des Stresses

Zwar rückt die Büez an Weihnachten ein paar Tage in den Hintergrund. Entspannung ist deswegen noch lange nicht angesagt. Denn meist gilt es vor den Feiertagen nicht nur im Geschäft besonders viel zu erledigen. Auserlesene Geschenke haben sich nun plötzlich zu materialisieren, ebenso wie sämtliche Ingredienzien für einen Festschmaus, der erst noch den verschiedensten Essvorlieben und -störungen gerecht werden muss. Zudem machen selbst in der besinnlichsten Zeit weder Perfektionismus noch Selbstoptimierung Pause. Und nicht vergessen: Dieses Jahr hat Weihnachten gefälligst besonders harmonisch auszufallen! Kein Wunder ist Weihnachten eine Zeit ...

... der dünnen Nervenkostüme

Gerade bei den Organisatorinnen und Strippenziehern liegen die Nerven oft blank. Um es allen Recht zu machen, um die grösstmögliche Harmonie herzustellen, wenden sie so viel Energie auf, dass bereits ein zu nüchtern geratenes Lob als Kränkung aufgefasst wird. Wer also von Natur aus nur unzulänglich vom weihnachtlichen Geist erfüllt ist, der empfindet diese Jahreszeit denn auch als eine ...

... des Zwangs

Kulanz ist Trumpf, in Kauf genommen wird so einiges, um den Hausfrieden zu wahren. Auch wenn die überzogene Erwartungshaltung häufig zu Ansprüchen führt, die mit der Realität nur wenig zu tun haben. Plötzlich darf die Familie nicht mehr ein zusammengewürfelter Haufen von Individualisten sein. Nein, an Weihnachten wird es warm in den hiesigen Stuben, es herrschen Verhältnisse wie in Süditalien: die Familie, ein eingefleischter und unzerstörbarer Verbund, in dem jeder jedem hilft. Bedingungslos. Das gilt auch für den erweiterten Kreis. Kein Wunder ist Weihnachten also auch die Zeit ...

... des Alibigesprächs

Aha! Mmmmh. Nein, das ist aber interessant. Erzähl mir bitte noch mehr! Floskeln und geheuchelte Interessensbekundungen haben Hochkonjunktur an weihnächtlichen Familientreffen. Weil gemäss dem unerbittlichen Harmonie-Regime sein muss, was häufig nicht ist. Und wehe, dagegen wird aufbegehrt! Dann wird Weihnachten immer mal wieder eine Zeit ...

... des Konflikts

Denn es gibt immer (mindestens) ein schwarzes Schaf in der Familie, das sich nicht einfügen will. Das trotz oder gerade wegen der allgegenwärtigen Harmonie schlecht gelaunt ist, sich vom Weihnachtszauber nicht infizieren lässt, vielleicht die Mailänderli, aber sonst nur wenig runterschluckt. Der Braten ein wenig zu trocken geraten? Rumgemecker! Statt des gewünschten Plüschpyjamas liegt eines aus Samt unter dem Baum? Aufstand! Daneben gibt es aber auch gewisse Konstellationen, die wirken selbst an den Festtagen wie ein Sauerstoff-Wasserstoff-Gemisch gepaart mit Feuer: äusserst explosiv. Ist ein erstes Glas Rotwein noch dem gegenseitigen Verständnis an der Festtafel zuträglich, so fliegen spätestens beim Kaffee mit Seitenwagen die Fetzen, schiessen Asyl-Kritiker Onkel Franz und Flüchtlingshelferin Tante Sonja scharf aufeinander, aus ihren jeweiligen Schützengräben, die ebenso unverrückbar wie ausgetreten sind. Kein Wunder ist Christus Geburt auch eine Zeit ...

... der Enttäuschung

Sie ist eine chronische Begleiterscheinung von Weihnachten. Es weint das Mädchen, weil das Christkind die aufwändig zusammengekleisterte Wunschliste nicht verstanden hat, die Hälfte der verlangten Geschenke wohl unterwegs vergessen hat. Es schmollt der Gatte, weil die Ehefrau das teure Bügeleisen nicht als willkommene Arbeitserleichterung verstehen will, sondern als unverhohlene Aufforderung, Hemden zu bügeln. Es sitzt die Mutter mit hängenden Schultern inmitten von Rauchschwaden des erloschenen Weihnachtsbaums, weil trotz grösster Anstrengungen nicht funktioniert hat, worauf sie so lange gehofft hat: ein einvernehmliches Essen mit der gesamten Familie. Ohne Meckern, ohne Drama, dafür mit Fingerspitzengefühl und Verständnis füreinander. Trost dürfte ihr spenden, dass Weihnachten letztlich aber auch eine Zeit ist ...

... der Versöhnung

Volksmund und -sängerinnen können nicht falsch liegen: Irgendeinmal lichtet sich auch der heftigste Schneesturm, scheint wieder die Sonne. Zwar kann gerade an Weihnachten, dieser Zeit häufig angespannter Nerven und krampfhaft gesuchter Harmonie, einiges schieflaufen. Es gibt aber kaum eine bessere Gelegenheit für eine Entschuldigung, für einen Neuanfang als eben jene Zeit, in der man sich oft nicht ausweichen kann. Haben Sie den zwischenmenschlichen Weihnachtsbaum angezündet? Streuen Sie sich die Asche übers Haupt, bitten Sie um Vergebung und hoffen Sie auf die Weihnachtsmagie. Auf dass alle Betroffenen es so handhaben mögen wie der Lehrer nach Unterrichtsende mit der Wandtafel: Schwamm drüber!

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