RATHAUSEN: Neues Kompetenzzentrum für Menschen mit schwerer Behinderung

Die Stiftung für Schwerbehinderte Luzern (SSBL) hat in Rathausen drei neue Wohnhäuser mit 90 Wohnplätzen sowie das sanierte und umgebaute Kloster eröffnet. Die neue Infrastruktur setzt in der Betreuung von behinderten Menschen neue Massstäbe.

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Blick in einen der Aufenthaltsräume in einem der Wohngebäude, die im Januar bezogen werden. (Bild: Pius Amrein / LZ)

Blick in einen der Aufenthaltsräume in einem der Wohngebäude, die im Januar bezogen werden. (Bild: Pius Amrein / LZ)

Es riecht noch nach frischer Farbe, wenn man durch die neuen Gänge des Kompetenzzentrums für Menschen mit Behinderung in Rathausen läuft. Alles ist neu, alles ist hochmodern und auf dem bestmöglichen Standard. Überall blickt man in glückliche Gesichter, und die Vorfreude auf den Bezug im Januar ist förmlich spürbar. Mit der gestrigen Eröffnungsfeier wurde das jahrelange Projekt «Masterplan Rathausen» nun endgültig verwirklicht.

Drei neue Wohnhäuser bieten Menschen mit schwerer Behinderung 90 Wohnplätze an, und im sanierten Kloster können bis zu 260 Menschen mit Behinderung einer täglichen Beschäftigung nachgehen – 100 mehr als noch vor der Renovierung. Stiftungsratspräsidentin Margrit Fischer-Willimann freut sich, dass das jahrelange Projekt nun beendet werden konnte: «Für uns ist das ein spezieller Tag, denn es ist ein sehr grosses Projekt, das wir vor 12 Jahren angefangen haben zu planen.» 52,4 Millionen Franken hat das Grossprojekt gekosten. Finanziert wurde es durch Spenden, die Denkmalpflege, den Lotteriefonds und durch Eigenmittel und Kredite.

Spezialisierung auf hohen Pflegebedarf

In den drei Wohngebäuden entstehen jeweils sechs Wohngemeinschaften mit fünf oder zehn Bewohnern. Die grosszügigen Räumlichkeiten beherbergen unter anderem eine geräumige Küche, eine Terrasse und ein grosses Wohnzimmer. Jeder Bewohner verfügt über ein eigenes Zimmer mit Balkon. Von den 90 neuen Wohnplätzen werden 30 an Menschen mit auffälligem Verhalten und 60 an Menschen mit hohem Pflegebedarf vergeben. «Die SSBL hat sich ein besonderes Fachwissen angeeignet, und das können wir im neuen Kompetenzzentrum anwenden.» Auch für Direktor Rolf Maegli ist das neue Zentrum mehr als nur eine Erweiterung an Plätzen: «Wir machen einen Quantensprung in der Betreuungsqualität. Wir haben wesentlich spezialisiertere Wohngruppen und Plätze. Es ist nicht nur einfach eine mengenmässige Ausweitung.»

Neben den neuen Wohngebäuden wurde auch das Kloster durchgehend saniert und umgebaut. In verschiedenen Ateliers können bis zu 260 Menschen mit Behinderung dabei einer regelmässigen Tätigkeit nachgehen und so ihre Zeit strukturiert verbringen. «Die neuen Arbeitsplätze sind sehr wichtig, weil es den behinderten Menschen eine Tagesstruktur gibt. Wie bei jedem anderen Menschen ist das für die betreuten Menschen wichtig. Der Mensch definiert sich auch darüber, was er machen kann», so Maegli.
Das Kloster verfügt neben den zahlreichen Ateliers zudem über verschiedene Nasszellen und Ruheräume. Ab Januar können die neuen Wohnungen bezogen werden. Über die Hälfte der Bewohner wird dabei umziehen, für die SSBL ein logistischer Grossaufwand, den man aber gerne in Kauf nimmt.

Plätze werden in Zukunft noch gefragter sein

Mit der hohen Nachfrage nach Plätzen in Rathausen hätte man jeden Platz mehrfach belegen können. Dies hat gemäss Rolf Maegli mit einem Wandel in der Gesellschaft zu tun: «Es ist ein demografischer Wandel im Gang, und wir müssen damit rechnen, dass der Bedarf immer grösser wird. Ich bezweifle, dass die Finanzszenarien vom Kanton das berücksichtigen.» Maegli spricht die geplanten Sparmassnahmen des Kanton Luzerns an, der in den Jahren 2017 bis 2019 rund330 Millionen Franken weniger ausgeben will. 10,5 Millionen Franken sollen dabei auf die Kosten der sogenannten SEG-Institutionen fallen, also auf jene sozialen Institutionen, die dem kantonalen Gesetz unterstellt sind, auch die SSBL. «Die Sparmassnahmen betreffen auch uns. Aber die Regierung hat in den letzten Jahren fast jedes Jahr Sparpakete angekündigt. Mit der Auslastung der neuen Wohngebäude werden wir finanziell vorläufig abgesichert sein», erklärt Fischer.

Das Augenmerk gilt nun aber zuerst der Aktualität. Am Samstag findet auf dem gesamten Areal des Kompetenzzentrums ein Tag der offenen Tür statt, an dem sich jeder selbst ein Bild der neuen Räumlichkeiten der SSBL machen kann. Dabei können sich die Besucher in den verschiedenen Räumen auch über den Umgang mit behinderten Menschen informieren.

Bourbaki-Soldaten im Kloster

In der Zukunft soll das neu sanierte Klostergebäude in Rathausen vor allem für die Beschäftigung von beeinträchtigten Menschen genutzt werden. Ein neues Kapitel einer Geschichte, die bis ins 13. Jahrhundert zurückgeht. 1251 wurde das Kloster von Nonnen des Zisterzienserordens gegründet. Das Kloster wurde in den folgenden Jahrhunderten immer wieder ausgebaut. Der 225 Hektaren grosse Grundbesitz erregte zu Beginn des 19. Jahrhunderts den Neid der Obrigkeit sowie der Luzerner Regierung, was bis zur Klosteraufhebung im Jahr 1848 führte. Der Besitz wurde liquidiert, der Erlös diente zur Bezahlung der Schulden aus dem Sonderbundskrieg.

In der Folge wurde das Kloster als kantonales Lehrerseminar genutzt. Während des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 wurden zudem Soldaten der Bourbaki-Armee dort untergebracht. 1882 beschloss der Grosse Rat (heute Kantonsrat), in Rathausen eine Verpflegungs- und Erziehungsanstalt für arme Kinder zu errichten, die 1951 in die Stiftung Erziehungsheim Rathausen umgewandelt wurde. Während vieler Jahre wurden im Heim teils massive Übergriffe gegen Kinder verübt. 1989 wurde dieses aufgelöst und der Stiftung für Schwerbehinderte Luzern (SSBL) übergeben. Seither finden dort Menschen mit geistiger Behinderung ein Zuhause.

Roger Amberg

Tag der offenen Tür in Rathausen am Samstag

red. Die neuen Wohnhäuser und das sanierte Kloster können am Samstag, 19. November,  von 10 bis 16 Uhr auf einem Rundgang besichtigt werden. Dass Programm umfasst neben Fachvorträge auch  musikalischer Unterhaltung, einem Besuch von FCL-Stars, Ponyreiten sowie Verpflegungsangebote.

Weitere Infos: www.ssbl.ch/willkommen.

Blick in einen der Aufenthaltsräume in einem der Wohngebäude, die im Januar bezogen werden. (Bild: Pius Amrein)
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Nasszelle im neuen Wohntrakt. (Bild: Pius Amrein)
Blick in eines der neuen Wohngebäude. (Bild: Pius Amrein)
Die grosszügigen Räumlichkeiten beherbergen unter anderem eine geräumige Küche, eine Terrasse und ein grosses Wohnzimmer. (Bild: Pius Amrein)
Blick ins erste Stockwerk des Klosters, wo sich neu Atelierräume befinden. (Bild: Pius Amrein)
Im sanierten Kloster können bis zu 260 Menschen mit Behinderung einer täglichen Beschäftigung nachgehen - 100 mehr als noch vor der Renovierung. (Bild: Pius Amrein)
Jedes Stockwerk im neuen Gebäude hat eine eigene Farbgebung. (Bild: Pius Amrein)
In den drei Wohngebäuden entstehen jeweils sechs Wohngemeinschaften mit fünf oder zehn Bewohnern. (Bild: Pius Amrein)
2,4 Millionen Franken hat das Grossprojekt gekosten. Finanziert wurde es durch Spenden, die Denkmalpflege, den Lotteriefonds und durch Eigenmittel und Kredite. (Bild: Pius Amrein)
Jeder Bewohner verfügt über ein eigenes Zimmer mit Balkon. Von den 90 neuen Wohnplätzen werden 30 an Menschen mit auffälligem Verhalten und 60 an Menschen mit hohem Pflegebedarf vergeben. (Bild: Pius Amrein)
Die neue Aussenfassade des Klosters. (Bild: Pius Amrein)
Stiftungsratspräsidentin Margrit Fischer-Willimann freut sich, dass das jahrelange Projekt nun beendet werden konnte: «Für uns ist das ein spezieller Tag, denn es ist ein sehr grosses Projekt, das wir vor 12 Jahren angefangen haben zu planen.» (Bild: Pius Amrein)
Auch für Direktor Rolf Maegli ist das neue Zentrum mehr als nur eine Erweiterung an Plätzen: «Wir machen einen Quantensprung in der Betreuungsqualität. Wir haben wesentlich spezialisiertere Wohngruppen und Plätze. Es ist nicht nur einfach eine mengenmässige Ausweitung.» (Bild: Pius Amrein)
Luftaufnahme von Rathausen im September 2016. (Bild: PD / Josef Ehrler / panorama-factory.ch)

Blick in einen der Aufenthaltsräume in einem der Wohngebäude, die im Januar bezogen werden. (Bild: Pius Amrein)

Blick in eine Nasszelle in einem der Wohngebäude, die im Januar bezogen werden. (Bild: Pius Amrein (LZ))

Blick in eine Nasszelle in einem der Wohngebäude, die im Januar bezogen werden. (Bild: Pius Amrein (LZ))

Luftaufnahme von Rathausen im September 2016. (Bild: PD/Josef Ehrler/panorama-factory.ch)

Luftaufnahme von Rathausen im September 2016. (Bild: PD/Josef Ehrler/panorama-factory.ch)