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Rathausen: Studie spricht sogar von Folter

Misshandlungen in Kinderheimen des Kantons Luzern sind in der Vergangenheit publik geworden. Eine neue Untersuchung zeigt jetzt das wahre Ausmass.
Ansicht des Klostergebäudes in Rathausen. (Bild: Archiv Pius Amrein/Neue LZ)

Ansicht des Klostergebäudes in Rathausen. (Bild: Archiv Pius Amrein/Neue LZ)

Die Situation für die Kinder in Luzerner Heimen zwischen 1930 und 1970 war niederschmetternd. Dass Kirchenleute dabei mitwirkten, wirft ein Schatten auf das Engagement der Kirche. In Luzern wurden am Mittwoch zwei Berichte von Kanton und katholischer Kirche vorgestellt. Ausgelöst wurde die Aufarbeitung der Vergangenheit der Kinder- und Jugendheime von Stadt und Kanton Luzern 2010 durch den vom Schweizer Fernsehen ausgestrahlten Dokumentarfilm «Das Kinderzuchthaus» von Beat Bieri. Darin ging es um die Erziehungsanstalt Rathausen bei Luzern.

Die Luzerner Regierung reagierte umgehend, richtete eine Anlaufstelle für Betroffene ein und gab bei Professor Markus Furrer von der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz einen Bericht in Auftrag.

Professor Markus Ries. (Bild: Keystone)

Professor Markus Ries. (Bild: Keystone)

Schon 2008 hatte die katholische Kirche des Kantons Luzern eine Analyse bei Professor Markus Ries von der Universität Luzern in Auftrag gegeben. Das Fazit ist niederschmetternd. Zwar berichten die 54 befragten ehemaligen Heimkinder auch von positiven Erlebnissen, doch dominieren die negativen Erinnerungen deutlich. Es fehlte an Zuwendung, sie fühlten sich ohnmächtig und alleingelassen, diskriminiert und zurückgesetzt. Mehr als die Hälfte der Befragten berichteten von sexueller Gewalt.

Ein Opfer eines Kinderheims spricht. (Bild: Keystone)

Ein Opfer eines Kinderheims spricht. (Bild: Keystone)

Stigmatisierte Heimkinder

Ein Problem ortet der Bericht des Kantons in der Geringhaltung der Kosten, die sich auf die Qualität der Heimerziehung auswirkte. Zu wenig Personal betreute zu viele Kinder. Und diese sollten möglichst noch für Einnahmen sorgen, während die Schulbildung nur einen geringen Stellenwert hatte. Dazu kamen Behördenwillkür, unklare Zuständigkeiten und Verfilzungen bei der Aufsicht. Heimkinder, beispielsweise von alleinstehenden Müttern, wurden stigmatisiert. Sie galten als «mitschuldig» und sie verinnerlichten die Schuldgefühle. Schliesslich herrschte ein repressives, militärisches Strafwesen, das auch vor Foltermethoden wie dem Unterwasserdrücken des Kopfes nicht zurückschreckte.

Das Kinderheim Rathausen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. (Bild: Staatsarchiv)

Das Kinderheim Rathausen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. (Bild: Staatsarchiv)

Das breite kirchliche Engagement in den Heimen wurde durch den Sparkurs der öffentlichen Hand begünstigt: Ordensleute arbeiteten für «Gotteslohn». 15 Kinder- und Jugendheime gab es von 1930 bis 1970 im Kanton Luzern; sie betreuten zwischen 540 und 750 Kinder. In mindestens zehn Heimen arbeitete Ordenspersonal.

Katholische Pädagogik trug zur Misere bei

Der Bericht der katholischen Kirche sieht die Ursachen für die Misshandlungen in einer generellen Geringschätzung der Heimkinder, in fehlendem und unqualifiziertem Personal sowie ungenügender Infrastruktur. Das Wohl der Kinder kam erst an zweiter Stelle. Nicht zuletzt aber trug die katholische Pädagogik, zu der wesentlich das Strafen und Leiden gehörte, zum Leiden bei. Ordensleute übertrugen das spirituelle Ideal der Demut auf die Kinder und zwangen es ihnen auf. Abhängigkeiten sowie eine unreflektierte oder unreife Sexualität begünstigten den Missbrauch.

Regierungsrat Guido Graf. (Bild: Keystone)

Regierungsrat Guido Graf. (Bild: Keystone)

Der Luzerner Sozialdirektor Guido Graf ist überzeugt, dass der Kanton mit der Aufarbeitung den richtigen Weg gewählt hat. Allerdings seien die Handlungen verjährt, ein Anspruch auf Entschädigung bestehe nicht, sagte er. Schon 2011 habe sich die Regierung bei den Betroffenen entschuldigt. Geplant sei überdies ein Ort des Erinnerns, wahrscheinlich in Rathausen.

Bitte um Entschuldigung

Der Kirche empfiehlt Ries, «Schuld und Schuldige zu benennen». Darüber hinaus sei eine Auseinandersetzung über die Sexualität notwendig.

Bischofsvikar Ruedi Heim. (Bild: Keystone)

Bischofsvikar Ruedi Heim. (Bild: Keystone)

Bischofsvikar Ruedi Heim vom Bistum Basel drückte sein Bedauern über das Unrecht aus und bat um Entschuldigung. Endlich sei die Sicht der Opfer dokumentiert. Viele von ihnen hätten die Erfahrung gemacht, dass man ihnen nicht geglaubt habe. Der Luzerner Synodalrat Jörg Trottmann wies darauf hin, dass die Täter nicht befragt worden waren. Viele seien nicht bekannt oder schon verstorben. Er gab auch zu bedenken, dass es fast ausnahmslos Kirchenleute waren, die sich überhaupt für die Heimkinder einsetzten. Mit ihren Bitten um mehr Personal und bessere Bedingungen hätten sie kein Gehör gefunden.

Zufrieden zeigte sich am Rande der Medienkonferenz Armin Meier, ein ehemaliges Heimkind. Es sei gründlich recherchiert und gute Arbeit geleistet worden. Er sei froh um diese Aufarbeitung. Für ihn sei die Sache damit abgeschlossen.

pd/shä

Ein Opfer eines Kinderheimes spricht anlässlich einer Medienkonferenz zu den Vorkommnissen in Kinderheimen im Kanton Luzern. (Bild: Keystone)

Ein Opfer eines Kinderheimes spricht anlässlich einer Medienkonferenz zu den Vorkommnissen in Kinderheimen im Kanton Luzern. (Bild: Keystone)

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