RATHAUSEN: Tragödie bewegt noch immer

Vor 70 Jahren ertranken in der Reuss fünf Pontoniere. Der Vorfall stand im Schatten eines viel grösseren Weltereignisses.

Hugo Bischof
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Heute steht eine Gedenktafel für die Verstorbenen an der Reuss. (Bild Manuela Jans/VBS)

Heute steht eine Gedenktafel für die Verstorbenen an der Reuss. (Bild Manuela Jans/VBS)

Etwa 150 Meter flussabwärts unterhalb des Stauwehrs Rathausen auf der linken Reussseite, auf Emmer Boden, steht er: ein gut mannshoher Gedenkstein. «In treuer Pflichterfüllung opferten während des Aktivdienstes dem Vaterland ihr junges Leben», ist darin eingraviert. Dann folgen fünf Namen und das Datum 6. Juni 1944. Ganz oben befindet sich das alte Signet der Flusspontoniere mit Anker, Ruder, Stachel und Tau.

Manch ein Wanderer ist wohl schon am Stein vorbeigegangen, ohne seine Geschichte zu kennen. Er erinnert an ein tragisches Geschehen, das sich heute vor genau 70 Jahren ereignete: Zwei Boote des Pontonierbataillons 3 der Schweizer Armee kenterten damals beim Passieren des Rathausen-Wehrs in der Reuss. Fünf Wehrmänner ertranken.

Bei der Wehrdurchfahrt bei Rathausen geschah das Unglück. (Bild: Manuela Jans / Neue LZ)

Bei der Wehrdurchfahrt bei Rathausen geschah das Unglück. (Bild: Manuela Jans / Neue LZ)

6. Juni 1944: Das Datum hat noch eine ganz andere, weltpolitische Dimension. Im Morgengrauen dieses Tages, dem D-Day, begann die Landung der alliierten Streitkräfte in der Normandie – es war der mit Tausenden Toten umkämpfte Wendepunkt im Zweiten Weltkrieg. Alle Schlagzeilen der Weltpresse am folgenden Tag galten diesem Grossereignis. Die Tragödie in Rathausen, bei der fünf Aktivdienstler in der Schweiz ihr Leben verloren, ging dabei völlig unter.

Kurznotiz drei Tage später

Dem heute 82-jährigen Hans Achermann hat die Geschichte keine Ruhe gelassen. Der frühere Luzerner Amtsstatthalter ist seit 1956 Mitglied des Pontonier-Sportvereins Luzern. «Ich war nicht Zeuge des Unfalls, aber ich hatte Kameraden, die damals persönlich dabei waren; sie sind inzwischen aber alle gestorben», erzählt er. Achermann hat sich auf Spurensuche gemacht – und dabei Erstaunliches festgestellt.

Erst drei Tage später (!), am 9. Juni, erschien in den Luzerner Tageszeitungen eine kleine Notiz zur Tragödie von Rathausen. Bei allem Wissen um die Weltsituation berühre es doch «sehr eigenartig, dass ein Militärunfall mit fünf Todesopfern erst drei Tage danach mit einer äusserst knappen und nichts sagenden Pressemeldung veröffentlicht wird», sagt Achermann. «Heute hätte ein solches Ereignis seitenlange Zeitungsberichte und Leserbriefe wegen unverantwortlicher Gefährdung des Bürgers im Militärdienst zur Folge.»

Laut Achermann hatte der Unfall auch keine juristischen Konsequenzen. Um herauszufinden, was genau geschah, liess sich Achermann vom Bundesamt für Genie und Festungen den damaligen Untersuchungsbericht zustellen. Demnach wurde das Pontonierbataillon 3, das zuvor im Kanton Uri im Einsatz war, am 6. Juni 1944 über die Reuss von Luzern in den Kanton Aargau versetzt. Nicht weniger als 57 von Hand geruderte Boote machten sich im Abstand von jeweils 100 Metern in Luzern auf Talfahrt – jedes mit 11 bis 15 Mann Besatzung, mit Helm, Karabiner, Brotsack sowie Patronentaschen mit Munition.

40 Boote hatten das Wehr bei Rathausen bei hohem Wasserstand bereits passiert, als es zur Katastrophe kam. Die Boote 41 und 42 hatten beim Passieren des Wehrs zu viel Vorderlast und zu wenig Fahrt, kippten deshalb nach der Wehrpassage auf der ersten Welle nach vorn, wurden von den nachfolgenden Wellen mit Wasser gefüllt und kenterten. Der Befehlshaber, der auf der Brücke des Wehrs stand, sperrte sofort die Durchfahrt für die weiteren Boote.

Einige retteten sich schwimmend

Das motorisierte Boot des Bataillonskommandanten konnte zwölf Mitglieder der gekenterten Boote unterhalb des Wehrs bergen. Einige weitere retteten sich schwimmend ans Ufer. Für fünf kam aber jede Hilfe zu spät. Einer von ihnen war Nichtschwimmer. Schwimmwesten waren damals offenbar noch nicht vorgeschrieben. Zwei Leichen wurden Tage später geborgen, für die drei weiteren blieb der Fluss das nasse Grab.

Die Schweizer Armee hat nach wie vor ein Pontonierbataillon mit rund 800 Mann. Seine wichtigste Aufgabe im Kriegsfall: die Errichtung von Schwimmbrücken, um Kampfbrigaden über Gewässer zu transportieren. Dazu gibt es laut Achermann schweizweit 42 Pontonier-Sportvereine. Der Pontonier-Fahrverein (heute Pontonier-Sportverein Luzern) wurde 1885 gegründet. Er hat heute 25 aktive Mitglieder. Sein Bootshaus befindet sich seit 1972 im Flussbereich der SBB-Brücke Luzern–Zürich im Lochhof. Der Verein führt Trainings durch, bietet Kurse an, nimmt an Wettfahrten teil und macht Talfahrten auf Flüssen in der Schweiz und im Ausland.

Noch heute gibt es laut Achermann jährlich ein bis zwei Durchfahrten beim Rathausen-Wehr. Sie müssen vorher bei den CKW angemeldet werden, damit diese den Wasserstand anpassen können. «Das Kraftwerk muss dafür primär die mittlere Schütze ganz hochziehen (die Bootsdurchfahrt erfolgt in der Wehrmitte) und zum Wasserausgleich auch die linke und die rechte Schütze etwas aufziehen», erklärt Achermann. «Damit wird der Wasserdruck ausgeglichen und der Wasserstand oberhalb des Wehrs abgesenkt.» Schützen sind bewegliche Wehrteile, die eine Wasserregulierung ermöglichen.