Als Luzerner die Nazis bejubelten

Vor 80 Jahren marschierte die Wehrmacht in Österreich ein. Journalist Hans Stutz ergründete, warum dieser Schritt auch in Luzern auf Sympathien stiess – und weshalb der öffentliche Protest quasi ausblieb.

Raphael Zemp
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Marsch der Frontisten mit Fahnen der Nationalen Front auf der Luzerner Seebrücke.

Marsch der Frontisten mit Fahnen der Nationalen Front auf der Luzerner Seebrücke.

Stadtarchiv Luzern, F2a_Publikationen_05_01-01-D und 05_01-03-D

In diesen Tagen jährt sich der Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland zum 80. Mal. Wider Erwarten stiessen die Nazis bei ihrer Quasi-Annexion auf keinen Widerstand, vielmehr feierten grosse Teile der Bevölkerung den Einmarsch der deutschen Wehrmacht. Allein Hitlers Rede am 15. März 1938 vom Hofburg-Balkon bejubelte über eine Viertelmillion Menschen.

Auch in der offiziell neutralen Schweiz äusserten Nazis und Fröntler offen ihre Sympathien für nationalsozialistisches Ideengut. Hans Stutz, grüner Kantonsrat und Journalist, hat dieses Geschichtskapitel 1997 für Luzern aufgearbeitet im Buch «Frontisten und Nationalsozialisten in Luzern 1933–1945».

Hans Stutz, grosse Teile der österreichischen Bevölkerung bejubelten den «Anschluss» an Nazi-Deutschland. Welchen Rückhalt genossen Nazis und ihre Ideen in der Luzerner Be­völkerung?

Es muss klar unterschieden werden zwischen den Fröntlern, also Schweizer NS-Sympathisanten einerseits, und den National­sozialisten, den deutschen Mitgliedern der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) andererseits. In Luzern und der Schweiz allgemein spielen Fröntler zum Zeitpunkt des Anschlusses keine Rolle mehr – weder politisch noch gesellschaftlich.

Daneben gab es aber auch Nazis in Luzern – vor allem in der Stadt.

Ja. In Luzern gab es eine NSDAP-Ortspartei, die erst Anfang Mai 1945 verboten wurde. Sie zählte bis zu 100 Mitglieder, ­ausschliesslich hier wohnhafte Deutsche. Ihre Anlässe – häufig im Kunsthaus – wurden aber oft von mehreren hundert Leuten besucht, teils auch von Schweizer Fröntlern. Aber in Luzern als deutscher Nazi bekannt zu sein, war geschäftsschädigend. Es gab mehrere Läden, geführt von deutschen Nazis, die aufgeben mussten, weil die Kundschaft fernblieb. So auch der Fotograf August Ahrens, bis Herbst 1938 Ortsgruppenleiter der Luzerner NSDAP.

Frontisten und Nazis hatten in Luzern also bloss geringen politischen Einfluss?

Das kann man so sagen. Aber öffentlich gegen die Nazis ausgesprochen haben sich die politischen Exponenten selten. Auch weil die Deutschen in Luzern die grösste Touristengruppe stellten. Es gab 1938 zum Beispiel politische Vorstösse des Tourismusverbands, um Äusserungen ge­gen Nazis zu verhindern.

Unmittelbare Reaktionen rief der Anschluss Österreichs nicht hervor?

Doch. Zum einen ist eine kleine Truppe um den Luzerner Frontisten Emil Sonderegger unverzüglich nach Österreich gereist, um den Einmarsch der Wehrmacht zu bestaunen. Andererseits gab es in Luzern auch eine grosse Kundgebung mit rund 2000 Besuchern gegen die Nazis, organisiert von Sozialdemokraten, den Freigeldwirtschaftlern und Links-Katholiken.

Und die Bürgerlichen?

Sie lehnten eine Teilnahme ab, aber beteiligten sich rund vier Wochen später an einer Kundgebung im Kunsthaus, organisiert vom Unteroffiziersverein. Eingeladen waren diesmal auch die Sozialdemokraten. Aber an dieser Kundgebung sprach man sich nicht gegen die Nazis aus, sondern betonte ausschliesslich die Eigenständigkeit der Schweiz – ganz im Sinne der geistigen Landesverteidigung.

War das tatsächlich «bloss» der Anbiederung deutscher Touristen geschuldet?

Zumindest bei den Freisinnigen gab es zu den Nazis wenig ideologische Anknüpfungspunkte. Ihnen war an der Verteidigung des Bundesstaates von 1848 gelegen, den sie nicht grundsätzlich in Frage stellten. Anders als etwa die Fröntler – aber auch die Katholisch-Konservativen.

In diesem Zusammenhang sprechen Sie von einer «ideologischen Pirouette», welche die Katholisch-Konservativen (seit 1970 CVP) vollbracht hätten. Was meinen Sie damit?

Die Katholisch-Konservativen haben zwar immer wieder proklamiert: Wir sind gegen die Fröntler. Wir sind gegen die Nazis. Aber dann gerne angefügt: Auch wir finden, der bürgerliche Staat soll autoritärer werden. Auch wir finden, die Juden spielen eine zu wichtige Rolle in unserer Gesellschaft. Auch wir finden, dass Gewerkschaften, der Kommunismus und Bolschewismus zurückgedrängt wenn nicht verboten gehören. Mit Fröntlern haben die Katholisch-Konservativen allerdings nie zusammengearbeitet, die Jungkonservativen hingegen unterstützten die Volksinitiative der Fröntler für eine neue autoritäre Bundesverfassung.

Sie sagen also, die Katholisch-Konservativen begegneten vielen nationalsozialistischen Ansichten – aus heutiger Sicht – erschreckend wohlwollend.

Ja. Vereinzelt diskutierten sie gar über eine Unterstützung, auch im «Vaterland», dem Organ der Katholisch-Konservativen. Zwei katholisch-konservative Expo­nenten waren sich beispielsweise uneins darüber, ob die Schweiz die Nazis in ihrem Kampf gegen die Sowjetunion, gegen den Bolschewismus unterstützen sollte oder nicht.

Nebst in der Schweiz lebenden Deutschen, die NS-Organisationen Geld spendeten oder dann regulär in der Wehrmacht dienten, gab es auch Schweizer, die als Freiwillige der Waffen-SS beitraten.

Das waren nicht wenige, je nach Zählweise zwischen 800 und 1100. Nebst solchen, die bereits in zweiter oder dritter Generation im «Dritten Reich» wohnten, gab es auch jene, die illegal die Grenze zu Deutschland überquerten und sich dann der Waffen-SS anschlossen. Auch aus der Region Luzern sind solche Fälle bekannt. Etwa Otto Löliger, Krienser Zeughausmitarbeiter, eine – Entschuldigung – absolute Knalltüte, später bei der Heilsarmee aktiv. Oder auch Franz Riedweg, der aus einer Luzerner Hoteliers-Familie stammte und in der Waffen-SS zum zweithöchsten Schweizer aufstieg. Lebenslang ein knallharter Nazi, der fast 100-jährig 2005 in München verstarb.

Was war Ihr Antrieb, sich jahrelang mit dieser Materie auseinanderzusetzen?

Ich war Mitte der 1980er-Jahre überzeugt, dass es auch in Luzern Fröntler und Nazis zu entlarven gäbe, richtige «Berühmtheiten». Nur: Wie weit lässt sich das recherchieren? Erst habe ich systematisch Zeitungen aus dieser Zeit durchgelesen, auch die Fröntlerblätter. Danach habe ich mich nach und nach in die verschiedenen Archive eingearbeitet: Stadtarchiv, Staatsarchiv, Bundesarchiv und auch ein wenig in deutsche Archive.

Den grossen Skandal haben Sie nicht gefunden. Wie reagierten die Luzerner damals auf die Veröffent­lichung Ihres Buches?

Als skandalös empfanden einige einflussreiche Nachkommen, dass ich ihrer Annahme widersprach, ihre bürgerlichen Vorfahren hätten stets kompromisslos und uneingeschränkt gegen die Nazis und ihr Gedankengut gekämpft. Fakt ist: Die Luzerner Freisinnigen bekämpften zwar das Entstehen von starken Fröntler-Ortsgruppen, wollten aber aus wirtschaftlichen Gründen keine öffentliche Opposition gegen Nazi-Deutschland. Bei den Katholisch-Konservativen war es besonders die verbreitete Akzeptanz antisemitischer Positionen. Auch namhafte Historiker aus dem Umfeld der Universität Freiburg blendeten lange Zeit in ihren Arbeiten diese Frage aus. Erst durch die Geschichtsdebatten der 90er-Jahre kam auch Urs Altermatt, inzwischen emeritierter Geschichtsprofessor und früherer Rektor der Uni Fribourg, zur Erkenntnis, dass Antisemitismus ein konstitutiver Bestandteil der damaligen katholisch-konservativen Weltsicht war.

Mitglieder der NSDAP-Ortsgruppe Luzern mit Reichsfrauenführerin Gertrud Scholtz-Klink (Zweite von links) auf dem Sonnenberg im Jahr 1937. Das dortige Hotel hisste dafür eigens die Hakenkreuzfahne.

Mitglieder der NSDAP-Ortsgruppe Luzern mit Reichsfrauenführerin Gertrud Scholtz-Klink (Zweite von links) auf dem Sonnenberg im Jahr 1937. Das dortige Hotel hisste dafür eigens die Hakenkreuzfahne.

(Bilder: Stadtarchiv Luzern, F2a_Publikationen_05_01-01-D und 05_01-03-D)