REFORMIERTE: Pfarrer Hänni: «Luzern ist ein Musterbeispiel für die Integration der Reformierten»

500 Jahre nach der Reformation sind die Glaubenskämpfe Geschichte. Luzern sei ein Musterbeispiel für die Integration der Reformierten, findet Pfarrer Beat Hänni – und wünscht sich heute dasselbe für Muslime.

Robert Knobel
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Pfarrer Beat Hänni (63) in seinem Büro im Myconiushaus. Bild: Dominik Wunderli (Luzern, 7. März 2017)

Pfarrer Beat Hänni (63) in seinem Büro im Myconiushaus. Bild: Dominik Wunderli (Luzern, 7. März 2017)

Interview: Robert Knobel

robert.knobel@luzernerzeitung.ch

Beat Hänni, Sie haben sich intensiv mit dem Luzerner Reformator Myconius auseinandergesetzt. Was würde er wohl sagen, wenn er seine Glaubensgenossen heute sehen würde?

Als engagierter Lehrer würde er wahrscheinlich sagen, die Reformierten könnten mehr tun für die junge Generation. Er wäre froh, dass reformierte Pfarrpersonen heiraten dürfen. Auch die hervorragende Zusammenarbeit mit den Katholiken sowie die interreligiösen Begegnungen in Luzern würden ihn freuen, unterstützte er doch schon seinerzeit in Basel die Herausgabe einer lateinischen Übersetzung des Korans.

Mit Myconius’ Wegweisung 1522 aus Luzern schien das Thema Reformation erledigt. Blieb Luzern während all der Jahrhunderte wirklich unberührt von den Ereignissen, die wenige Kilometer entfernt stattfanden?

Wegen der harten Haltung der Mächtigen in Kirche und Staat verliessen neben Myconius noch viele andere Humanisten und Reformorientierte den Kanton. Luzern fand während 37 Jahren kaum mehr Lehrer. Das behinderte die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung Luzerns, bis die Jesuiten engagiert werden konnten. Durch die Gegenreformation kam es dann doch zu Reformen. Übrigens: Ein wichtiger Grund, weshalb sich in der Innerschweiz die Reformation nicht durchgesetzt hat, ist, dass sich damals schon viele Gemeinden eine relativ grosse Autonomie erkämpft hatten. Damit waren dringende Anliegen der Reformation wie die Mitwirkung bei der Pfarrwahl bereits erfüllt.

Trotzdem dauerte es bis 1826, bis in der Stadt Luzern die erste reformierte Gemeinde gegründet wurde. Wie lange dauerte es danach, bis die Reformierten wirklich integriert waren?

1826 war die Regierung Luzerns an den Reformierten interessiert, weil sie sich von ihnen neuen Unternehmergeist und wirtschaftlichen Aufschwung erhoffte. Nach der Gründung der Reformierten Kirchgemeinde Luzern ging die Integration auf vorbildliche Weise voran. Stadtpfarrer Müller übernahm Anfang des 19. Jahrhunderts die Beerdigung von Reformierten, weil sie noch keinen Pfarrer hatten. Bei diesen Gelegenheiten predigte er deutsch, um die Sitten der Reformierten zu respektieren. Beide Seiten sind sehr rücksichtsvoll aufeinander zugegangen. Trotz der Offenheit der Verantwortlichen von Luzern machten Reformierte bis in die 1980er-Jahre zum Teil schwierige Erfahrungen wegen ihres Glaubens.

Heute tun wir uns vor allem mit der Integration der Muslime schwer. Gibt es Parallelen zur Situation der Reformierten von damals?

Muslime müssen heute die gleichen Schritte der Integration gehen: Rechtspersönlichkeit, Land kaufen, bauen, Finanzen klären, muslimischer Friedhofteil, Schulfragen. Ich bin jedes Mal froh, wenn Stadtrat und Bevölkerung ihnen so offen begegnen, wie sie es im 19. Jahrhundert den Reformierten gegenüber getan haben.

Die Reformierten stehen heute schweizweit im Schatten der katholischen Kirche, welche die Öffentlichkeit polarisiert. Über die Reformierten spricht man kaum. Kommt hinzu, dass die Katholiken dank der Migration im Aufwind sind, während die Reformierten Mitglieder verlieren. Sogar in Zürich gibt es heute mehr Katholiken als Reformierte. Hat der Protestantismus noch Zukunft?

Es kommt darauf an, wie man das sieht: In absoluten Zahlen sind die Reformierten im Kanton Luzern stabil bis leicht wachsend. Wichtiger als Zahlen sind mir die Anliegen, die die Reformierten und ihre Kirche vertreten: Die Unterscheidung von Gottes Wort und Menschenwort, ihre Sensibilität für die Bilderfrage, ihre Erkenntnis, dass der Lebenssinn nicht durch die Leistung kommt, sondern durch die Anerkennung, die Gott uns durch Jesus Christus schenkt; die Gleichberechtigung der Geschlechter auch in der Kirche; der Einsatz für die Ökumene, das Wächteramt der Kirche vom biblischen Wort her dem Staat gegenüber – all das sind Themen, die bleiben und gerade heute sehr wichtig sind. Da schmerzt es allerdings, dass der amerikanische Präsident Donald Trump aus der reformierten Glaubensgemeinschaft stammt.

Was bedeutet «reformiert sein» heute genau?

Reformierte hören mehr auf das göttliche Wort, das ihnen aus der Bibel begegnet, als auf die Worte ihrer Kirche. Daher betonen sie die Glaubens- und Gewissensfreiheit. In der reformierten Kirche haben alle die gleichen Rechte. Reformierte bauen ihre Kirchgemeinden konsequent von unten auf. Sie sind in allen Belangen demokratisch strukturiert. Dadurch ist die Bandbreite der Haltungen breit. Das mag als Mangel erscheinen, aber es liegt eine besondere Glaubwürdigkeit darin.

Die Luzerner Reformierten haben das Wort «Protestanten» aus der neuen Kirchenverfassung verbannt. Ist Protest nicht mehr nötig?

Ich denke, Protest und Empörung sind angesichts dessen, was wir gegenwärtig erleben, nötiger denn je. Aber soll man das gleich im Namen vor sich hertragen? «Evangelisch-reformiert» ist befreiender und vorwärtsgerichteter.

Sie erwähnten die gute Zusammenarbeit mit den Katholiken. In letzter Zeit scheint die Ökumene aber etwas ins Stocken zu geraten. Wie ist die Situation in Luzern?

Die engagierte Ökumene in Luzern wurde 2004 von den drei öffentlich-rechtlich anerkannten Kirchen in der Carta oecumenica verbindlich erklärt. Seither gilt, dass man nicht mehr begründen muss, warum etwas ökumenisch durchgeführt wird. Man muss begründen, warum etwas nicht ökumenisch gemacht wird. Im Jahre 2008 wurde das erste Mal im Kanton Luzern eine ökumenische Synode durchgeführt. Eine weitere steht an. Schön wäre es, wenn bei Pfarrwahlen ein katholischer Vertreter in der Wahlkommission Einsitz nehmen könnte und umgekehrt.

Das 500-Jahr-Jubiläum wird ja vor allem aus Deutschland gepusht – in Erinnerung an Luthers Thesenanschlag 1517. Wieso machen die Schweizer Reformierten bei diesem Jubiläum überhaupt mit?

Aus Schweizer Sicht würde das 500-Jahr-Jubiläum am 1. Januar 2019 beginnen. Dann jährt es sich zum 500. Mal, dass Zwingli sein Amt als Leutpriester im Grossmünster in Zürich angetreten hat. Aus praktischen Gründen und in Respekt vor den deutschen Glaubensgeschwistern feiern wir Schweizer Reformierte auch schon 2017. Es wird aber über dieses Jahr hinaus in der Schweiz weitere Gedenkfeiern geben. Wer weiss: 2019 zum Amtsantritt von Oswald Myconius als Lateinlehrer an der Hofschule in Luzern?

Hinweis

Beat Hänni (63) ist Pfarrer an der Luzerner Matthäuskirche. Heute Abend hält er einen Vortrag über Myconius. 19.30–22.30 Uhr im Myconiushaus, St.-Karli-Strasse 49.