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REGEN: Als in Luzern das Zeughaus einstürzte

Vor genau 450 Jahren erlebte die Schweiz einen verheerenden Sommer. Wochenlanges Hochwasser sorgte auch in Luzern für grosse Schäden. Zwei zentrale Bauwerke mussten danach neu errichtet werden.
Christian Peter Meier
Als Martin Martini 1597 seinen Luzerner Stadtprospekt anfertigte, waren die Hochwasserschäden bereits behoben. Die Spreuerbrücke ist die linke der zwei Brücken, das Zeughaus liegt links davon. (Bild: Karte Staatsarchiv Luzern)

Als Martin Martini 1597 seinen Luzerner Stadtprospekt anfertigte, waren die Hochwasserschäden bereits behoben. Die Spreuerbrücke ist die linke der zwei Brücken, das Zeughaus liegt links davon. (Bild: Karte Staatsarchiv Luzern)

Christian Peter Meier

Dieses Jahr scheint der Frühsommer ins Wasser zu fallen. Das ist mühsam – doch harmlos im Vergleich zu früheren Wetterereignissen, die unsere Region in regelrechte Katastrophengebiete verwandelten. Vor genau 450 Jahren durchlebte die Schweiz einen solch grauenvollen Sommer; er führte auch in Luzern zu grosser Not und zu eklatanten Schäden.

Regen und schmelzender Schnee

Das Jahr 1566 begann mit einem beinharten Winter, mit heftigen Schneefällen bis in die Niederungen und bis weit in den Frühling hinein. «Der Winter», schildert die Schaffhauser Chronik, «war so grimmig kalt, dass nicht allein der merthail Reben, sondern auch das geflügel und gewild, als hirzen, hasen, rehe erfruoren.» Was man damals noch nicht wusste: Die kleine Eiszeit sollte in den folgenden Jahren für weitere besonders strenge Winter sorgen.

Im Frühsommer führten Wolkenbrüche zusammen mit der Schneeschmelze zu Überschwemmungen, die immer verheerendere Ausmasse annahmen. Erst recht, als im Juli die gestiegenen Temperaturen den in den Bergen immer noch meterdick liegenden Schnee noch schneller dahinschmelzen liessen (siehe Box). Viele Städte standen unter Wasser. Unzählige Todesopfer waren zu beklagen – auch weil mit dem Hochwasser Seuchen einhergingen. Unter anderem soll die Pest verstärkt gewütet haben. Ausserdem führten Ernteausfälle für verbreiteten Hunger und weitere Todesfälle.

Einstürzende Neubauten

Auch in Luzern schlug die Katastrophe mit voller Wucht zu. Schon im Juni standen beträchtliche Teile der Kleinstadt aufgrund des hohen Pegelstandes des Vierwaldstättersees unter Wasser. Die Schifflände konnte nicht mehr benutzt werden, was die Handelsströme einschränkte. Einen Monat später spitzte sich die Lage zu: Am 16. Juli 1566 brachte die reissende Reuss das Zeughaus zum Einsturz. Auch die benachbarte Spreuerbrücke wurde stark beeinträchtigt. Der Schaden muss für die Stadt einschneidend gewesen sein – und gerade mit Blick auf das Zeughaus auch frustrierend. Denn das repräsentative Steingebäude war neu: Italienische Steinmetze hatten es zwischen 1546 und 1549 erbaut. In seinem Erdgeschoss wurden Waffen gelagert; das Obergeschoss diente als Kornspeicher.

Zum Einsturz kam das Zeughaus, nachdem die Wassermassen die linksseitigen Ufermauern unterspült hatten. Destabilisiert wurden auch die beiden Pfeiler in der Reuss, auf denen der südliche Teil der Spreuerbrücke ruht. Die Fundamente sanken ein, worauf sich auch die Holzkonstruktion senkte und in der Mitte brach. Trotz der starken Beschädigung hielt die Brücke, deren Geschichte bis ins 13. Jahrhundert zurückreicht, einigermassen stand. Sie war aber aus Sicherheitsgründen nicht mehr bedenkenlos nutzbar.

Beim Wiederaufbau setzten die Behörden die Prioritäten auf das Zeughaus. Das Gebäude wurde in nur zwei Jahren direkt nach der Katastrophe neu erstellt. Da das Gewicht des Korns für den Einsturz mitverantwortlich gemacht wurde, trennte man beim Neubau das Zeughaus und die Kornkammer. Seither konnten die Naturgewalten dem Komplex nichts mehr anhaben: Er steht noch heute und beherbergt bekanntlich seit 1986 das Historische Museum Luzern.

Bürger leisten Frondienst

Die offenbar weniger dringliche Reparatur der Brücke fand dann in den Jahren 1568 und 1569 statt. Die Stadt musste die Steinpfeiler in der Reuss wie auch die darauf ruhende Brücke für teures Geld neu aufbauen, wobei Spezialhandwerker die Mauerarbeiten ausführten und die heute noch bestehende Holzkonstruktion mit doppeltem Hängewerk bauten. Bei den Arbeiten an den Fundamenten mitten im Fluss hatten allerdings auch die Bewohner der Stadt ihren Beitrag zu leisten: Sie wurden aufgeboten, in Frondienst Wasser zu schöpfen.

Stadtschreiber sichtet Drachen

Das Schreckensjahr 1566 muss die damalige Bevölkerung erschüttert und sich auch ins kollektive Gedächtnis gebrannt haben. Das illustriert etwa der Luzerner Apotheker und Stadtschreiber Renward Cysat. Jahrzehnte später erinnert er sich an eine Erscheinung, die er als Bub erblickt haben will: «Ich selbs hab noch Anno 1566 allhie zuo Lucern einen Drachen gesehen, von einem Berg jn den andern schiessen, namlich uss dem Rigeberg in Pylati Berg hinüber. Das war abends zo angender Nacht eben in dem Sommer, da allhie und anderstwo ein unerhörte Wassergrösse gewesen.»

Hinweis

Quellen: Karl Heinz Burmeister: «Die zweite Sündfluth»; Liselotte Wechsler: «Die Spreuerbrücke in Luzern».

«Eine zweite Sündfluth»

Hochwasser cpm. Besonders verheerend war das Hochwasser von 1566 in der Bodenseeregion und entlang des Rheins. «Die Leute glaubten, eine zweite Sündfluth stehe bevor», hielt ein Chronist fest, und ein anderer beschrieb, dass der Bodensee «drey Claffter hocher gewesen weder er andere Jahr bj menschen gedenckhen gesechen worden». Ein Klafter entspricht 1,90 Meter. Der Bodensee stand also rund 5,70 Meter über dem üblichen Pegel. Nur einmal sollte er seither noch höher steigen – beim Hochwasser von 1817.

Der Rhein überflutete Basel, Breisach, Strassburg und andere Orte. Ein ähnliches Bild zeigte sich entlang der Donau sowie vieler anderer Flüsse in Mitteleuropa. Auch auf der Alpensüdseite gab es verheerende Überschwemmungen.

Etwas später – im August – wurde das Inntal vom Oberengadin bis ins Tirol von Wassermassen heimgesucht.

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