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REGEN: Das Reusswehr in Luzern steht weit offen

Der Pegel des Vierwaldstättersees steht derzeit hoch, aber noch klar unter der Schadengrenze. Das ist dem Reusswehr zu verdanken – einem ausgeklügelten System.
Guy Studer
Derzeit fliesst sehr viel Wasser aus dem Vierwaldstättersee. Vom Wehr in der Reuss ist entsprechend wenig zu sehen. (Bild Nadia Schärli)

Derzeit fliesst sehr viel Wasser aus dem Vierwaldstättersee. Vom Wehr in der Reuss ist entsprechend wenig zu sehen. (Bild Nadia Schärli)

Guy Studer

Der Sommer will einfach nicht in Fahrt kommen. Statt Badi- und Grillplausch liegt das Augenmerk derzeit auf den hohen Pegelständen von Seen und Flüssen. Die Bilder im Kopf vom Hitzesommer 2015 weichen jenen vom Hochwassersommer 2005. Und gemäss den Prognosen lässt Glace- und Sandalenwetter auch weiterhin auf sich warten.

Wehrreglement gibt den Takt vor

Dass die Region um den Vierwaldstättersee bisher von grösseren Überschwemmungen verschont blieb, ist auch der Regulierung des Seepegels zu verdanken. Und das geschieht bekanntlich durch das Reusswehr bei der Spreuerbrücke in der Stadt Luzern. Was einfach klingt – Klappe auf bei viel Wasser, Klappe zu bei wenig –, ist in Tat und Wahrheit eine hochkomplexe Angelegenheit. Unzählige Faktoren müssen beachtet werden, um abzuschätzen, welche Wassermengen in die Reuss abfliessen sollen. So erklärt Miriam Asanger, Bereichsleiterin Siedlungsentwässerung und Naturgefahren bei der Stadt Luzern: «Es gibt eine klare Vorschrift, bei welchem Seestand das Wehr wie weit geöffnet werden muss.» Da gäbe es grundsätzlich keinen Ermessensspielraum. «Das ist kein Bauchentscheid.» Die Zuständigkeiten sind so geregelt, dass die Stadt vom Kanton Luzern angewiesen wird, wie das Wehr zu bedienen ist.

Grundlage ist das Wehrreglement. Dieses ist während mehrerer Jahre ausgearbeitet worden. Die fünf Seeanrainerkantone Luzern, Schwyz, Nidwalden, Obwalden und Uri haben es schliesslich genehmigt. 2011, nach der Inbetriebnahme des neuen Reusswehrs, ist es in Kraft getreten. Albin Schmidhauser, Abteilungsleiter Naturgefahren bei der Dienststelle Verkehr und Infrastruktur des Kantons Luzern, erklärt: «Das Reglement ist ein Kompromiss, um gleichzeitig die Schifffahrt sicherzustellen, den Hochwasserschutz zu gewähren und Feuchtgebiete nationaler Bedeutung am See zu erhalten und zu fördern.» Gemäss Reglement muss das Wehr so eingestellt sein, dass bei «normalem» Pegelstand zwischen 433,45 und 434 Meter über Meer so viel Wasser abfliesst, wie wenn das Wehr nicht da wäre. Das heisst: Es ist leicht geschlossen. Wird die Marke von 434 Metern überschritten, was aktuell der Fall ist, gibt ein automatisches System den Befehl, das Wehr weiter zu öffnen. Wird der Wert unterschritten, muss es wieder graduell geschlossen werden.

Auch Schneedecke spielt eine Rolle

Wie weit wann geöffnet oder geschlossen wird, ist wiederum eine komplexe Rechnung, die 2011 an eine Computersoftware delegiert wurde. Schmidhauser: «Die Hauptfaktoren dabei sind der aktuelle Pegelstand, dessen Veränderung innerhalb der letzten 24 Stunden sowie die Höhe der Schneedecke am Stichdatum 1. März.» Die Schneedecke wird jeweils an 20 Standorten im Einzugsgebiet der vier Zuflüsse Reuss, Muota, Sarneraa und Engelbergeraa gemessen. Aufgrund der Daten errechnet das System eine Prognose für die nächsten 6, 12 und 24 Stunden und entscheidet darauf, wie das Wehr zu bedienen ist.

Der Befehl landet dann beim städtischen Tiefbauamt. Mitarbeiter der Stadt Luzern führen ihn aus. Anhand der Bauweise ist auch das nicht ganz simpel: «Für jeden Pegelstand gibts verschiedene Konstellationen für das Seiten- und das Stirnnadelwehr sowie die Optionen ‹offen›/‹zu› für das Längsnadelwehr, und dies unter Beachtung des Kraftwerkbetriebs», erklärt Schmidhauser weiter.

Mitarbeiter können «nachjustieren»

Wird bei der Seeregulierung also gänzlich dem Computer vertraut? Nicht ganz, wie Bernhard Jurt, stellvertretender Leiter des städtischen Tiefbauamts, auf Anfrage sagt. «Grundsätzlich erhalten wir den Befehl, wie weit beispielsweise das Stirnwehr oder das Seitenwehr geöffnet werden muss.» Gleichzeitig würden auch eigene Erfahrungen einfliessen: «Wir fragen uns stets auch: Können wir die Anweisung nachvollziehen?» Je nach Situation könne es vorkommen, dass Mitarbeiter der Stadt das Wehr noch nachjustieren würden. «Wenn der Computer etwas völlig Falsches vorgeben würde, etwa den Befehl, nach ergiebigem Regen das Wehr zu schliessen, würden wir das natürlich hinterfragen.» Schliesslich sei die langjährige Erfahrung mit dem alten Wehr auch heute noch nützlich, so Jurt. «Doch das neue, automatische System funktioniert grundsätzlich sehr gut, wie sich bisher gezeigt hat.»

Wie sich die Seeregulierung durch das neue Wehr, das Reglement und das automatische System geändert hat, zeigt der Blick zurück. «Früher war es eine ganz andere Sache, das Reusswehr zu bedienen», sagt Jurt. Man habe selber über die Bedienung entscheiden müssen – aufgrund des Pegelstandes, des Wetterberichts, der Schneehöhen in den Alpen und des Zuflusses durch die Reuss in den Urnersee. «Dazu mussten wir wissen, wie voll bereits die Stauseen wie etwa der Lungerersee im Einzugsgebiet sind.» Hinzu kam die Erfahrung, die man im Laufe der Jahre gesammelt hatte.

Ein Grossprojekt, das künftig zeitweise ebenfalls Einfluss auf die Seeregulierung haben dürfte, ist der Hochwasserstollen, der im Kanton Obwalden bis 2022 gebaut wird. Das 111-Millionen-Franken-Projekt sieht einen 6,6 Kilometer langen Stollen vor, der unterirdisch zwischen dem Sarnersee und dem Wichelsee bei Alpnach verlaufen wird. Bei Bedarf soll er die Sarneraa entlasten und so verhindern, dass Sarnersee und Sarneraa über die Ufer treten wie beim verheerenden Hochwasser 2005. Das Obwaldner Stimmvolk hat die Vorlage im Herbst 2014 an der Urne überdeutlich angenommen.

Luzern will mitreden können

Der Stollen würde aber auch mehr Wasser in den Alpnachersee befördern und hätte damit auch direkte Auswirkungen auf die Situation am Reusswehr. Wie reagiert man auf die kommende Herausforderung? «Wie für das Reusswehr braucht es auch für den Stollen ein Wehrreglement», klärt Albin Schmidhauser auf. Dieses sei in Erarbeitung. «Und wir haben dabei die Forderung nach einem Risikoausgleich eingebracht.» Dies bedeutet im Wesentlichen, dass der Kanton Luzern so etwas wie ein Einspracherecht hat: «Grundsätzlich soll durch den Stollen in Obwalden so viel Wasser abgelassen werden dürfen, dass es nicht zu einem Hochwasser kommt», erläutert Schmidhauser. «Dadurch aber kann sich das Risiko- und Schadenpotenzial am Vierwaldstättersee erhöhen.» Deshalb will der Kanton Luzern, dass im Reglement für den Stollen ein Wert definiert wird, bei dem die Luzerner sinngemäss «Stopp!» rufen können.

Gefahr ist derzeit «mässig»

Durch das von 2009 bis 2011 neu gebaute Reusswehr konnte der Hochwasserschutz am Vierwaldstättersee markant verbessert werden. Gemäss dem Bundesamt für Umwelt wird damit statistisch gesehen statt alle 4 bis 5 Jahre nur noch alle 18 bis 20 Jahre erwartet, dass der Seepegel die Schadengrenze von 434,45 Metern über Meer erreicht. Ab dieser Marke gilt die Gefahrenstufe 4 («grosse Gefahr»). Zum Vergleich: Beim Hochwasser im August 2005 erreichte der Pegel gar einen Stand von 435,23 Metern und damit die höchste Stufe 5 (ab 434,75 Metern). Davon ist man derzeit ein gutes Stück entfernt: Den höchsten Pegelstand erreichte der See mit 434,13 Metern bislang am späten Samstagabend. Seither ist er wieder leicht gesunken und lag gestern Mittag auf 434,09 Metern. Damit gilt für den Vierwaldstättersee derzeit Gefahrenstufe 2 («mässige Gefahr»). Unter 434 Metern gilt die tiefste Stufe 1 («keine oder geringe Gefahr»).

Hinweis: Infos zu den aktuellen Pegelständen gibts unter www.hydrodaten.admin.ch

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