REGIERUNGSRAT: Die Wahlauftritte im Härtetest

«Alles austauschbar»: Starwerber Frank Bodin beurteilt die Plakate der acht Kandidaten der Luzerner Regierungsratswahl.

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Wahlplakate für die Regierungsratswahlen. (Bild Neue LZ)

Wahlplakate für die Regierungsratswahlen. (Bild Neue LZ)

Jetzt lächeln sie wieder von den Plakatwänden, die Frauen und Männer, die sich für einen Sitz in der Luzerner Regierung beziehungsweise im Parlament bewerben. Doch was wollen sie ihren potenziellen Wählern mit ihrem Auftritt (siehe unten) im Hinblick auf den Wahlsonntag vom 29. März überhaupt sagen?

Wir haben Frank Bodin gefragt, er ist einer der bekanntesten Werber im Land. Bodin führt in Zürich und Genf die Agenturen Havas Worldwide AG und präsidiert den ADC, die Vereinigung der führenden Kreativen der Kommunikationswirtschaft. Er hat die Plakate der acht Regierungsratskandidaten genauer unter die Lupe genommen: Sein Urteil fällt hart aus. «Angesichts dieser Plakate muss man sich über die Politikverdrossenheit – insbesondere bei der jüngeren Wählerschaft – und über eine tiefe Stimmbeteiligung nicht wundern», sagt Bodin. «Alles ist beinahe austauschbar und vor allem sehr langweilig.» So kommentiert der Starwerber die einzelnen Plakate:

  • Marcel Schwerzmann, Paul Winiker und Felicitas Zopfi: «Die Porträts vor neutralem Hintergrund sind allesamt etwas steril und gestellt. Sie wirken für mich nicht authentisch.»
  • Robert Küng und Michael Töngi: «Diese zwei Kandidaten haben sich für ein Porträt in einer Umgebung, also mit Hintergrund, entschieden. Das kann eine Lösung sein, wenn der Hintergrund einen erkennbaren Sinn ergeben würde. Das unscharfe Regierungsgebäude hinter Küng können die Luzerner vielleicht wiedererkennen. Und Töngi will zeigen, dass er ein Mensch des Dialogs ist, wobei die allein gelassene Frau im Hintergrund für mich keinen Sinn macht.»
  • Guido Graf und Reto Wyss: «Die beiden CVP-Vertreter versuchen es wenigstens mit einer eigenen Idee und spielen mit der bekannten Jassregel ‹Stöck-Wyys-Stich›. Ob sie jedoch als Under stechen werden, das sehen wir bei den Wahlen Ende März. Jassen hat mit etwas Strategie und viel Kartenglück zu tun – ob das die richtige Analogie für eine erfolgreiche Politik ist, bezweifle ich.»
  • Irina Studhalter: «Diese Kandidatin fordert die Stimmbürger auf, ‹anders zu wählen›. Warum aber macht sie dann nicht ein Plakat, das anders ist als diejenigen der etablierten Parteien? Wenigstens hier hätte die Jungpolitikerin doch die Chance ergreifen können, etwas Neues zu zeigen.»
  • Alles ist blau: «Auffallend ist, dass bei mehreren Kandidaten die blaue Farbe im Plakat dominiert – wohl in Anlehnung an das Luzerner Wappen. Es gäbe sicher relevantere Möglichkeiten, einen Bezug zum Kanton oder zu Aktualitäten herzustellen.»

Ideenmangel – kein Einzelfall

Bodin, der immer mal wieder auch Politiker berät, stellt fest, dass oftmals nicht das Wahlkampfbudget zu klein sei, sondern dass es vor allem an guten Ideen mangelt. Da sei Luzern kein Einzelfall, in der ganzen Schweiz sieht er Nachholbedarf. Am Anfang jeder Wahlkampagne stehe eine klare Strategie und eine klare Positionierung des Kandidaten. «Wenn es aber bereits hier hapert, kann nie ein gutes Plakat entstehen», erklärt Bodin. Die Parolen der acht Luzerner Kandidaten etwa würden sehr beliebig wirken.

Vielen Politikern falle es schwer, sich klar zu positionieren, wohl aus der Befürchtung heraus, dass sich nicht alle Wähler vom Wahlkampf-Motto angesprochen fühlten. «Doch es geht nicht darum, allen Stimmbürgern zu gefallen», sagt Frank Bodin. «Man muss mit einem guten Plakat die eigene Zielgruppe, sein Wählerpotenzial, mobilisieren können.»

Weiter bemängelt er, dass die Plakate nicht mit anderen Wahlkampf-Kanälen, wie etwa die Homepage, Facebook oder Twitter, vernetzt sind. «Will der Wähler mehr über einen Kandidaten erfahren, wird er beim Anblick der meisten Plakate ratlos und allein zurückgelassen.» Vier Kandidaten (Küng, Töngi, Studhalter und Zopfi) führen auf ihrem Plakat ihre Internetadresse auf.

Vom Jasstreff zum Pingpong

Doch das Plakat allein macht noch keinen Wahlkampf aus. Deshalb haben wir die acht Regierungsratskandidaten noch detaillierter über ihre Wahlkampf-Strategie befragt (siehe Übersicht unten). Dabei zeigt sich, dass die meisten Kandidaten auf die bekannten Instrumente wie Flyer, Inserate, Standaktionen und den Besuch von Veranstaltungen setzen. Und diese Terminliste kann durchaus sehr lang werden. Küng etwa sagt: «Ich besuche rund 50 Veranstaltungen.» Und Graf ist bis Ende März «im Durchschnitt rund drei Abende pro Woche unterwegs, dazu kommt ein Tag am Wochenende.»

Drei Kandidaten fallen mit etwas spezielleren Ideen auf: Das CVP-Duo Graf und Wyss organisiert gemeinsam einen «Ratsherren-Jass». Und auch der Grüne Töngi spielt: nicht mit Karten, sondern mit einem Pingpongschläger.

Flurina Valsecchi

Achtfacher Wahlkampf: Plakate, Mottos und Aktionen

GUIDO GRAF, CVP, BISHER

Motto: «Graf, Wyss, Stich.» Graf: «Ich mache es nicht allen recht, aber recht für alle!»
Spezielle Aktionen:«Ratsherren-Jass» am 7. März in Sempach. Jasskarten als Give-away mit dem Konterfrei auf der Rückseite. Kandidat kann als Gast für Veranstaltungen «gebucht» werden.
Kosten: «Ich investiere zwischen 15 000 und 20 000 Franken, inkl. Wahlbeitrag an die CVP.»
Mehr Infos:www.guidograf.ch

RETO WYSS, CVP, BISHER

Motto: «Graf, Wyss, Stich.» Wyss: «Wer uns wählt, weiss, dass er zwei bisherige Regierungsmitglieder wählt, die gerne am Tisch sitzen, um für Luzern die besten Trümpfe auszuspielen.»
Spezielle Aktionen:«Ratsherren-Jass» am 7. März in Sempach. Jasskarten als Give-away mit dem Konterfrei auf der Rückseite. Kandidat kann als Gast für Veranstaltungen «gebucht» werden.
Kosten: «Ich investiere ca. 20 000 Franken, wobei da ein Beitrag an den Wahlkampf der Partei eingeschlossen ist.»
Mehr Infos: www.reto-wyss.ch

MARCEL SCHWERZMANN, PARTEILOS, BISHER

Motto:«Verantwortungsvoll handeln». Schwerzmann: «Ich will als Finanzdirektor nicht mit der grossen Kelle anrichten, sondern das Geld sehr sparsam und zielgerichtet einsetzen. Beste Wahlwerbung ist, einen guten Job zu leisten.»
Spezielle Aktionen: Wortbildmarke «MarcelSchwerzmann.ch» mit Persönlichkeiten aus den verschiedensten Berufssparten. Bei Standaktionen Zahnbürsten als Give-aways.
Kosten:«Weit von sechsstellig entfernt.»
Mehr Infos: www.marcelschwerzmann.ch

MICHAEL TÖNGI, BISHER

Motto: «Der Ball liegt bei dir.» Töngi: «Ich möchte die Leute animieren, nach den intensiven politischen Diskussionen um die Finanzen nun soziale und ökologische Fragen zu wählen und für eine Veränderung zu sorgen.»
Spezielle Aktionen:Aktion «Wünsch dir was», wo Bürger ihre Anliegen auf einen grossen Pingpongschläger notieren. Standaktionen mit Pingpong-Match. Youtube-Film. Barbetrieb in Kriens.
Kosten:«Für den Regierungsrat besteht ein Budget von 50 000 Franken, ich beteilige mich mit 5000 Franken.»
Mehr Infos:www.toengi-regierungsrat.ch

FELICITAS ZOPFI, SP, NEU

Motto: «Klar. Sozial.» Zopfi: «Der Kanton braucht einen Regierungsrat, in dem alle politisch relevanten Kräfte eingebunden sind, auch die Linke und die Frauen.»
Spezielle Aktionen:Telefonaktion mit 140 Wahlhelfern, Standaktionen mit Give-aways.
Kosten: Persönlich ca. 10 000 Franken, Überparteiliches Unterstützungskomitee ca. 10 000, Partei ca. 28 000 Franken.
Mehr Infos:www.felicitas-zopfi.ch

IRINA STUDHALTER, JUNGE GRÜNE, NEU

Motto: «Wähl anders». Studhalter: «Ich stelle das Gegenteil der anderen Kandidierenden dar und kann damit Neues und frischen Wind in die Politik bringen.»
Spezielle Aktionen:Strassenaktionen, Facebook-Fanpage, Twitter.
Kosten:«Die Kosten von 2600 Franken werden vollständig aus der Parteikasse finanziert.»
Mehr Infos: www.irinastudhalter.ch

PAUL WINIKER, SVP, NEU

Motto: «Luzern braucht eine starke Regierung. Für einen starken Kanton mit starken Gemeinden.» Winiker: «Ich möchte Wählerinnen und Wähler aus Stadt und Land, alle im Kanton ansprechen.»
Spezielle Aktionen:Überparteiliches Komitee, Standaktionen, Auftritte an Veranstaltungen.
Kosten:«Das Budget ist noch in Arbeit, Aufteilung ca. 60 Prozent bezahlen ich und mein Komitee, 40 Prozent bezahlt die Partei.»
Mehr Infos: www.paulwiniker.ch

ROBERT KÜNG, FDP, BISHER

Motto:«weitsichtig und bewährt». Küng: «Der Leitsatz bietet die Gelegenheit, zurück- und nach vorne zu blicken.»
Spezielle Aktionen:Er lässt an einer Hausfassade am Luzerner Bahnhof ein Grossplakat aufhängen, es gibt einen beschrifteten PW-Anhänger sowie Wahlaufrufe über Mail und den Gratis-SMS-Dienst WhatsApp.
Kosten: «Das ist meine Privatangelegenheit.»
Mehr Infos: www.robert-kueng.ch

HINWEIS
Podium: Wie präsentieren sich die acht Kandidatinnen und Kandidaten für den Luzerner Regierungsrat in der direkten Debatte? Unsere Zeitung veranstaltet an diesem Mittwoch (19.30 Uhr; Auditorium Neue LZ, Maihofstrasse 76, Luzern) eine Podiumsdiskussion (Eintritt frei, mit Apéro).Achtfacher Wahlkampf: Plakate, Mottos und Aktionen

Werbefachmann Frank Bodin. (Bild: Keystone)

Werbefachmann Frank Bodin. (Bild: Keystone)