Autobahnausbau Luzern
«Nutzlos, schädlich, unzumutbar»: Gegner formieren sich und fordern Bypass-Verzicht

15 Organisationen und Verbände wollen keine zusätzlichen Autobahntunnels unter dem Sonnenberg. Sie hoffen auf viel Support, denn mehr als Druck ausüben mit Aktionen bleibt ihnen wohl nicht.

Roman Hodel
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Fast zwei Milliarden Franken will der Bund für das Megaprojekt Bypass ausgeben, das die heutige Autobahn zwischen Emmen–Süd und Luzern–Kriens mit zwei zusätzlichen Tunnels entlasten soll. Viel zu viel Geld für etwas, das nicht gebraucht wird. Dies finden zumindest die Gegner des Projekts. Sie haben sich zum Komitee «Bypass Nein» formiert und fordern unter dem Motto «Bye Bypass» von Bund und Kanton den Projektabbruch.

«Der Bypass ist nutzlos, schädlich und unzumutbar», sagte Dominik Hertach, Geschäftsleiter des VCS Luzern und Koordinator des Komitees «Bypass Nein», an einer Medienkonferenz am Montag. Diese fand nicht zufällig neben dem Pilatusplatz, auf der inzwischen etwas ergrünten Brache des ehemaligen Wirtshauses zur Schmitte, statt:

An der Medienkonferenz informierten (von links): Dominik Hertach, Felix Kaufmann, Jörg Häfliger und Milena Hess.

An der Medienkonferenz informierten (von links): Dominik Hertach, Felix Kaufmann, Jörg Häfliger und Milena Hess.

Bild: hor

Einerseits war es durch den regen Verkehr ziemlich lärmig. Was könnte die negativen Seiten desselbigen besser demonstrieren? Andererseits soll der Autobahnverkehr laut Hertach «in der Bypass-Bauzeit während fast dreier Jahre durch die Stadt umgeleitet werden». Er sagte es so:

«Vom holländischen Camper auf dem Weg nach Rimini über den bulgarischen Lastwagenfahrer bis zum Stanser, der in den Hornbach nach Littau fährt, würden alle den Verkehr in der Stadt permanent an die Grenze des Zusammenbruchs bringen.»

Gemäss Projektbericht zum Ausführungsprojekt Bypass ist indes gar nicht vorgesehen, den Verkehr über die Stadt umzuleiten. Aber: Man nehme in Kauf, dass der Ausweichverkehr der Autobahn in Bauzeit phasenweise hier durchführen dürfte. Um diesem beizukommen, sind Massnahmen wie etwa die Dosierung des Verkehrs mittels Ampeln vorgesehen.

Das sind die Hauptgründe für Aufforderung zum Bypass-Verzicht:

  • Der Autobahnausbau Bypass widerspreche sämtlichen Vorgaben und Zielen aus dem Klima- und Verkehrsbereich.
  • Statt der notwendigen Vermeidung und Verlagerung des motorisierten Individualverkehrs hin zum ÖV, Fuss- und Veloverkehr bewirke der Bypass das Gegenteil – einen massiven Ausbau des Autoverkehrs.

32'000 Fahrzeuge zusätzlich pro Tag

Zur Veranschaulichung lieferte Hertach Zahlen aus den Projektunterlagen: Der Bypass erhöhe die Kapazität für den Autoverkehr massiv: 32'000 Fahrzeuge zusätzlich pro Tag sollen 2040 hier durchrollen. Hinzu kämen «Kollateralschäden» wie die Aufhebung des Spielplatzes Dammgärtli, der Notabluftschacht mitten im Gütschwald sowie die Beeinträchtigungen in Kriens und Emmen. «Es braucht mehr Klimaschutz und lebenswerte Quartiere statt eine zweite Autobahn durch Luzern.»

Die A2 heute in Kriens.

Die A2 heute in Kriens.

Bild: Pius Amrein (20. Januar 2020)

Ähnlich argumentierte Jörg Häfliger, Präsident WWF Luzern: «Wenn die Schweiz ihr Klimaziel 2050 erreichen will, muss sie die Mobilität neu denken. Mehr motorisierter Individualverkehr und mehr Autobahn sind nicht kompatibel mit Klimaschutz.» Daran würden auch E-Autos nicht viel ändern.

Neben dem VCS und WWF, die bereits bei der öffentlichen Auflage letztes Jahr den Projektverzicht forderten, sind dem Komitee «Bypass Nein» weitere 13 Organisationen und Verbände beigetreten: Unter anderem ist Klimastreik Zentralschweiz mit dabei. Sprecherin Milena Hess mahnte, dass der Verkehr mit rund einem Drittel des CO2-Ausstosses zu den grössten Klimasündern zähle:

«Trotzdem soll hier in Luzern eine zweite Autobahn gebaut werden, die sehr viel mehr Autoverkehr erzeugt – im vollen Wissen der schädlichen Konsequenzen für uns alle. Das ist ganz einfach ein Verbrechen gegenüber allen heutigen und künftigen Generationen.»

Auch die Gegenbewegung Spange Nord gehört dem Komitee an. Deren Sprecher Felix Kaufmann sagte: «Wir haben ein Mandat der Bevölkerung, wonach sie nicht noch mehr leiden darf, dass man ihre Wohnqualität erhalten und auch ausbauen muss.» Es sei ihre Pflicht, gegen den Bypass zu kämpfen. Denn dieser werde zusätzlichen Verkehr generieren.

Einspracheverhandlungen zu Bypass laufen

Für das Megaprojekt Bypass laufen zurzeit die Einspracheverhandlungen mit dem Bund. Grundsätzlich unterstützen die betroffenen Gemeinden den Bau der Autobahn. Dennoch haben sie im Rahmen der öffentlichen Auflage Einsprachen gemacht. So will beispielsweise der Luzerner Stadtrat eine Busspur im Zentrum erreichen, die Stadt Kriens eine komplette Überdachung der Autobahn und die Gemeinde Emmen – wie auch alle anderen betroffenen Kommunen – verträgliche Bauarbeiten. Das generelle Projekt für den Bypass Luzern wurde im Herbst 2016 vom Bundesrat genehmigt. Anfang 2017 wurde mit der Erarbeitung des Ausführungsprojektes begonnen. Der Bau des neuen Autobahnstücks dürfte zwölf Jahre dauern und 1,8 Milliarden Franken kosten. Zum Projekt gehören zwei neue Tunnels für den Transitverkehr sowie ein Ausbau der Verzweigung Rotsee und der Autobahn A14 Richtung Buchrain–Zug. (hor)

Politische Parteien sucht man im Komitee allerdings vergebens – etwa SP und Grüne, die sich bereits ablehnend zum Bypass geäussert haben. «Wir setzen zum Start bewusst auf den Support verschiedener Organisationen und wollen nicht gleich in die parteipolitische Schublade gedrängt werden», sagte Hertach. «Aber selbstverständlich freuen wir uns über Unterstützung von Parteien, übrigens auch aus der Mitte.»

Erfolgreicher Bürger-Widerstand in Biel dient als Vorbild

Nun kann man einwenden, dass der Zeitpunkt, sich zu wehren, etwas spät kommt. Hertach sagt: «Das Projekt ist zwar weit fortgeschritten, doch Details sind erst seit der Projektauflage bekannt.» Jetzt sei wohl der letzte Moment für einen Verzicht. Zwar habe es 2014 bereits einmal ein Gegner-Komitee gegeben. Dieses habe aber seine Aktivitäten auf den Widerstand gegen die Spange Nord konzentriert. Gemäss Hertach hofft das Komitee nun auf viele Unterstützende, um möglichst breit und mit Aktionen Druck auf die Behörden auszuüben. Er ist optimistisch und verweist auf Biel. Dort hat eine Bürgerbewegung letztes Jahr den geplanten Westast der Autobahn gebodigt. Nur: Dabei handelt es sich nicht um eine europäische Nord-Süd-Transitachse. Ein Argument, das Hertach nicht gelten lässt: 80 Prozent des Autobahnverkehrs in Luzern sei regional und nicht Transit, sagt er.

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Quelle: Astra, maps4news | Grafik: Janina Noser | Umsetzung: Janick Wetterwald

Video: Sophie Müller / Tele 1