REGION LUZERN: Ein Mädchen zwischen zwei Fronten

Ein Pflegevater kümmert sich um ein Kind seiner Ex-Frau, bis diese es trotz gültigem Vertrag wieder zu sich nimmt mit dem Segen der Behörden. Der Mann fühlt sich ungerecht behandelt.

Drucken
Teilen
Für das Wohl des Kindes muss die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde oft rasche Entscheidungen treffen. (Symbolbild / Keystone)

Für das Wohl des Kindes muss die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde oft rasche Entscheidungen treffen. (Symbolbild / Keystone)

Alexander von Däniken

Die Kritik an den Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden (Kesb) reisst nicht ab. In der öffentlichen Wahrnehmung geht dabei oft vergessen, dass die Kesb teils schwierige Fälle zu behandeln hat: Familienschicksale, bei denen behördliche Entscheide bei der einen Partei Erleichterung, bei der anderen Partei Enttäuschung und Wut auslösen.

So zum Beispiel im Fall eines Mädchens aus der Region Luzern. Es ist der 19. Oktober 2014. K.* wartet in seiner Wohnung auf die Rückkehr seines 8-jährigen Sohnes und seiner 10-jährigen Pflegetochter. Doch am Ende des Besuchswochen­endes bringt die Ex-Frau von K. und Mutter der beiden Kinder nur den gemeinsamen Sohn zurück, nicht aber das Mädchen, von dem K. nicht der Vater ist, das sich aber bei ihm in einem Pflegeverhältnis aufhält.

K. ist enttäuscht und wütend. Schliesslich hat die Ex-Frau bei einer Anhörung vor Abschluss des Pflegevertrags gegenüber der damaligen Vormundschaftssekretärin erklärt, ihr Wille sei, dass der Sohn und die Tochter gemeinsam bei K. aufwachsen können. Sie besuche die Kinder jeweils am Wochenende. Es sei ihr ausdrücklicher Wunsch, die Betreuung ihrer Kinder so aufrechtzuerhalten, heisst es im Schreiben vom 19. März 2012, bestätigt und unterzeichnet von der Ex-Frau. Kopien des Schreibens und des Pflegevertrags liegen unserer Redaktion vor.

Kesb: Sorgerecht vor Pflegerecht

Nachdem die Pflegetochter nicht mehr zu ihm zurückgekehrt ist, meldet sich K. bei der zuständigen Kesb. Diese hat ihn informiert, dass ein Pflegeverhältnis bestehe, das jederzeit kündbar ist. Dazu komme, dass er nicht der leibliche Vater sei. Das Sorgerecht liege weiterhin bei der Ex-Frau, sei K. gesagt worden. Für ihn ist es unverständlich, dass die Kesb sich über einen gültigen Pflegevertrag hinwegsetzt. Das Mädchen sei für ihn wie seine eigene Tochter. Auch der Kontakt zwischen dem Mädchen und ihrem Halbbruder sei sehr eng. Nun seien die Kinder getrennt. K. sagt, er mache sich grosse Sorgen um das Mädchen. Er hält die Ex-Frau für keine gute Mutter.

Kurz nach der Scheidung mit K. sei die Ex-Frau in die Westschweiz zu einem neuen Partner gezogen. Mittlerweile habe sich die Ex-Frau aber mit ihrem neuen Mann in der Region Luzern angemeldet, wo auch das Mädchen wohnt und zur Schule geht. K. schildert, dass seither die verschiedenen Kesb in der Region und in der Westschweiz die Verantwortung hin- und herschieben würden. «Die Kesb hat mir mehr geschadet als geholfen.» Ursprünglich habe K. das Mädchen adoptieren wollen, was die Behörden aber abgelehnt hätten.

Behörden laut Ex-Frau informiert

Aus dem Kreis der Frau heisst es, sie habe die Kesb stets vorgängig über alle Schritte informiert. Die Kesb und auch die Gemeinde hätten keine Einwände gehabt. Auch K. sei «kein Engel». Am liebsten würde man auch den Buben aufnehmen. Man respektiere aber, dass K. der leibliche Vater und damit sorgeberechtigt sei, heisst es aus der Familie der Ex-Frau.

Neben der psychischen Belastung kämpft K. auch mit finanziellen Nöten. Gemäss «Zusatzvereinbarung zum Pflegevertrag» müsste die Ex-Frau nicht nur 200 Franken pro Monat Pflegegeld für das Mädchen auf das Konto von K. überweisen, sondern auch 500 Franken Alimente für den gemeinsamen Sohn. Seit dem letzten Oktober hat die Ex-Frau aber überhaupt keine Zahlungen mehr geleistet, sagt K. Immerhin erhalte er seit Dezember die Alimente von der Inkasso-Stelle. Er arbeitet derzeit temporär. Mit der Wohnungsmiete sei er im Rückstand. K. vermutet denn auch, dass die Ex-Frau das Mädchen aus finanziellen Gründen zu sich genommen hat.

Ebenfalls finanzielle Gründe gibt die Familie der Ex-Frau an: So wolle K. das Mädchen nur zurück, um das Pflegegeld zu erhalten. Die Alimente bezahle die Ex-Frau, sobald sie in der Region eine Arbeit gefunden habe. Die gegenseitigen Anschuldigungen gehen weiter, die Fronten sind verhärtet.

Pflegevertrag jederzeit kündbar

Die zuständige Kesb erklärt, dass in erster Linie sorgeberechtigte Eltern über den Aufenthalt ihres Kindes bestimmen. «So haben sie jederzeit auch die Möglichkeit, ein Pflegeverhältnis aufzulösen, auch wenn es für Pflegeeltern einschneidend und schwierig sein kann.» Ist in einer solchen Angelegenheit eine Kesb involviert, «so hat sie alle involvierten Personen anzuhören, insbesondere auch die Meinung der Kinder zu berücksichtigen».

Liegen der Behörde keine Gründe vor, die gegen eine Rückkehr des Kindes zu den leiblichen Eltern sprechen, hat die Behörde den Entscheid der sorgeberechtigten Eltern nicht in Frage zu stellen. Für die Erteilung der Pflegeplatzbewilligung sowie die Begleitung der Pflegeeltern ist die Gemeinde am Wohnsitz der Pflegeeltern zuständig und nicht die Kesb, stellt die Behörde klar.

* Namen der Redaktion bekannt