REGION LUZERN: Gelbe Füsse ersetzen Fussgängerstreifen

Gelbe Schuh­abdrücke auf dem Trottoir zeigen neuerdings, wo man die Strasse überqueren soll. Um die Wirksamkeit zu testen, werden die Fussgänger per Video überwacht.

Beatrice Vogel
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Hier warten: In Gisikon zeigen gelbe Markierungen, wo man die Strasse überqueren soll. (Bild Nadia Schärli)

Hier warten: In Gisikon zeigen gelbe Markierungen, wo man die Strasse überqueren soll. (Bild Nadia Schärli)

Wer sich als Fussgänger in einer Tempo-30-Zone bewegt, findet dort keine Fussgängerstreifen. Denn die gelben Streifen sind nur dort erlaubt, wo die Autos mindestens 50 km/h fahren (siehe Kasten rechts). Doch es stellt sich die Frage, wo man dann in einer 30er-Zone die Strasse überqueren soll. Immer öfter sind deshalb gelbe Fussabdrücke auf dem Trottoir zu sehen. Die sogenannten «bfu-Füsse» sollen geeignete Stellen zur Überquerung der Strasse kennzeichnen.

Ohne Streifen ists sicherer

In der Region befinden sich solche Fusspuren seit einiger Zeit beispielsweise an der Berglistrasse in der Stadt Luzern und seit Ende Juli auch in Gisikon an der Wissehrlistrasse in der Nähe des Schulhauses. Auch an der Stationsstrasse in Rothenburg gibt es solche «bfu-Füsse» – hier allerdings in einer Tempo-50-Zone. Denn der Trend geht dahin, schwach frequentierte Fussgängerstreifen zu entfernen. Die gelben Füsse bieten sich da als Alternative an. «Bei zu geringen Fussgänger- und Verkehrsfrequenzen ist ein freies Queren ohne Streifen sinnvoller», erklärt Patrick Wicki, Projektleiter Verkehrsmassnahmen beim Kanton Luzern.

Der Grund sind Sicherheitsüberlegungen. Denn da Fussgänger auf Fussgängerstreifen Vortritt haben, passen sie oftmals weniger auf. Ohne Zebrastreifen haben hingegen die Fahrzeuge Vortritt – was dem Fussgänger mehr Aufmerksamkeit abverlangt. Gemäss Patrick Wicki sind Autofahrer und Fussgänger aufmerksamer und stellen öfter Blickkontakt her, wenn ein Fussgängerstreifen fehlt. Besonders in Tempo-30-Zonen funktioniere das sehr gut. Das hat sich auch nach der Aufhebung des Fussgängerstreifens beim Schulhaus Gisikon gezeigt. «Die Kinder stellen sich auf die ‹bfu-Füsse›, schauen links und rechts, warten bis das Fahrzeug hält und queren dann die Strasse», teilt die Gemeinde Gisikon auf ihrer Homepage mit. Und: «Wollen Kinder die Strasse queren, halten beinahe ausnahmslos alle Fahrzeuge an.» Dies, obwohl sie dazu nicht verpflichtet wären. Gemeinderat Josef Lötscher, der zunächst skeptisch gegenüber der Aufhebung des Zebrastreifens beim Schulhaus war, ist überrascht: «Es funktioniert einwandfrei – das Verhalten der Kinder ist äusserst vorbildlich.»

Eltern dürfen Video sehen

Wie die Schulkinder am Strassenrand warten, erkennt man auf Videoaufnahmen, die der Kanton beim Übergang an der Wissehrlistrasse gemacht hat. Die Aufnahmen wurden einige Wochen nach der Inbetriebnahme der neuen Querung gemacht, um das Verhalten der Verkehrsteilnehmer zu beobachten – allerdings ohne diese darüber zu informieren. Gemäss Patrick Wicki wurde auf die Information verzichtet, damit die Leute sich natürlich verhalten. Zudem sei beim Filmen auf die Anonymität der Verkehrsteilnehmer geachtet worden. «Kontrollschilder sind nicht lesbar und Gesichter für unbeteiligte Dritte nicht erkennbar», so Wicki. «Die Daten sind grundsätzlich nicht öffentlich zugänglich und nur für den dienstlichen Gebrauch bestimmt.» Ausserdem werde nur ein Videozusammenschnitt für Schulungszwecke weiterverwendet – die Originalaufnahmen seien gelöscht worden. Laut Josef Lötscher können skeptische Eltern bei der Gemeindeverwaltung den Videozusammenschnitt ansehen: «Das Video beweist, dass sich alle vorbildlich verhalten.» Allerdings seien manche Leute auf dem Video durchaus identifizierbar – zumindest, wenn man sie kennt, räumt Lötscher ein.

Ähnliche Videoaufnahmen wurden auch schon in der Stadt Luzern durchgeführt. So zum Beispiel kürzlich nach den Umbauarbeiten am Bundesplatz. Patrick Wicki betont, dass diese nur zur Beobachtung der Wirksamkeit der Verkehrsmassnahmen gemacht werden.

Wie stehts mit dem Datenschutz?

Trotzdem werfen solche Videoaufnahmen Fragen bezüglich Datenschutz auf – besonders wenn die Verkehrsteilnehmer nicht wissen, dass sie gefilmt werden. Ob die Aufnahmen im Fall Gisikon zulässig seien, müsse im Detail abgeklärt werden, so Wolfgang Sidler, Mitarbeiter des Datenschutzbeauftragten des Kantons Luzern. «Bisher ging diesbezüglich keine Anfrage bei uns ein.» Falls jemand Bedenken habe, solle man sich direkt an den Datenschutz wenden, sagt Sidler.

Fussgängerstreifen sind verboten

Auf Strassen, wo Tempo 30 herrscht, gibt es grundsätzlich keine Fussgängerstreifen. In einer Verordnung zum Strassenverkehrsgesetz heisst es explizit: «Die Anordnung von Fussgängerstreifen ist unzulässig.» Fussgänger dürfen die Strasse überall überqueren – haben aber nie Vortritt. Autos müssen nicht anhalten, wenn ein Fussgänger am Strassenrand wartet. Fussgänger müssen somit warten, bis die Strasse frei ist. Das gilt auch dann, wenn «BfU-Füsse» auf den Boden gemalt sind.

Ausnahme bei Schulen

In speziellen Fällen, etwa in der Nähe von Schulen und Heimen, sieht das Gesetz für Tempo-30-Zonen Ausnahmen vor: Dort können Fussgängerstreifen unter Umständen erlaubt werden. Anders ist es in Begegnungszonen (Tempo 20). Dort gibt es zwar ebenfalls keine Fussgängerstreifen, doch Fussgänger haben grundsätzlich immer Vortritt.