REGION: Pokern mit dem günstigen Geld

Die tiefen Zinsen verlocken die Gemeinden, nun Kredite aufzunehmen. So offensiv wie Horw können aber nur wenige vorgehen.

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60 Millionen Fremdkapital hat Horw in den letzten Monaten aufgenommen. (Symbolbild Neue LZ)

60 Millionen Fremdkapital hat Horw in den letzten Monaten aufgenommen. (Symbolbild Neue LZ)

Christian Glaus

Die Gemeinde Horw hat die Gunst der Stunde genutzt. Weil in den nächsten Jahren ohnehin grosse Investitionen anstehen, hat sich die Gemeinde vorzeitig im grossen Stil Geld beschafft. Insgesamt 60 Millionen Franken. Gut ein Drittel davon für die Refinanzierung von Krediten und knapp zwei Drittel für Investitionen. Das Geld hat Horw Anfang dieses Jahres und im letzten Jahr aufgenommen, obwohl die Zahlungen erst im Verlauf dieses Jahres fällig werden. «Wir haben genügend bewilligte Projekte, für die wir das Geld verwenden können. Sonst hätten wir das nicht gemacht», sagt Meinrad Hermann, Leiter Finanzen. Als Beispiele nennt er die Sanierung und Erweiterung des Oberstufenschulhauses (30 Millionen Franken) oder die Sanierung des Gemeindehauses (6 Millionen). Die letzte Kredittranche von 30 Millionen Franken erhielt Horw zu einem Zins von sagenhaften 0,25 Prozent. «Dank unserer guten Finanzlage erhalten wir bessere Angebote», sagte Gemeinderat Hans-Ruedi Jung am 18. April in unserer Zeitung.

Nur bei sehr guter Bonität möglich

Vorzeitig Geld aufnehmen für Investitionen, die erst geplant, bei denen also noch keinerlei Zahlungspflichten vorhanden sind? Diese Vorgehensweise bricht mit den bekannten finanziellen Gebräuchen der Kommunen. Ein solches Vorgehen sei nicht üblich, bestätigt Christoph Lengwiler. Er ist Leiter des Instituts für Finanzdienstleistungen Zug (IFZ) der Hochschule Luzern und beobachtet die Entwicklung der Gemeindefinanzen. «Das können Gemeinden nur machen, wenn das aufgenommene Geld garantiert gebraucht wird und wenn sie eine sehr gute Bonität haben.» Im Beispiel von Horw sei dies offenbar der Fall, und die Risiken seien dank der sehr tiefen Zinsen gering. «Im schlimmsten Fall würde die Gemeinde das Geld gar nicht benötigen und müsste für die aufgenommenen Mittel trotzdem jahrelang Zinsen bezahlen», sagt Lengwiler.

Gemeinden, welche in den nächsten ein bis zwei Jahren einen Zinsanstieg erwarten, haben noch andere Möglichkeiten, um die tiefen Zinsen schon heute anzubinden. Sie können für Darlehen, die in einigen Monaten oder Jahren auslaufen, mit den Banken eine Verlängerung aushandeln und die Zinsen für diese künftigen Darlehen im Voraus verbindlich fixieren, sagt Christoph Lengwiler. Er weiss: «Viele Gemeinden machen das so, und die Banken sind heute recht flexibel.»

«Nicht unnötig verschulden»

Die langfristigen Kredite von Gemeinden haben unterschiedlich lange Laufzeiten. Wie Hausbesitzer achten die Finanzverwalter auf einen guten Mix, um später nicht grosse Kreditvolumen auf einen Schlag zu möglicherweise hohen Zinsen refinanzieren zu müssen. Das heisst, in 5, 10 oder 20Jahren müssen sich die Gemeinden neues Kapital beschaffen. Besteht nicht die Gefahr, dass sich die Gemeinden von den tiefen Zinsen verlocken lassen und zu viel Fremdkapital aufnehmen? Das Risiko, dass die Zinsen langfristig steigen, sei zwar vorhanden, sagt Lengwiler. Aber bei einer guten Staffelung der Fälligkeiten werde der durchschnittliche Finanzaufwand bei einem Zinsanstieg zeitlich verzögert zunehmen. «Ich bin überzeugt, dass die Gemeinden trotz der tiefen Zinsen bei der Fremdfinanzierung zurückhaltend bleiben und sich nicht unnötig verschulden», sagt Lengwiler.

Andere Gemeinden in der Region haben, anders als Horw, nicht vorzeitig Geld aufgenommen. Ihr Vorgehen hängt vor allem von der jeweiligen Finanzlage ab. So musste die reichste Luzerner Gemeinde, Meggen, nicht auf dem Kapitalmarkt aktiv werden. Sie verfügt über ein Eigenkapital von 6 Millionen Franken und hat keine Schulden. Allerdings muss sich Meggen womöglich bald für grössere Investitionen Geld beschaffen. Dies unter anderem für die Sanierung und Erweiterung des Schulraums Hofmatt (Urnenabstimmung am 14. Juni). «Das Geld nehmen wir erst auf, wenn es nötig ist und die Investitionen beschlossen sind», sagt Stephan Lackner, Leiter Finanzen.

Aktiv auf dem Kapitalmarkt war Ebikon, eine Gemeinde mit einem gesunden Finanzhaushalt. Die Gemeinde hat laut Finanzvorsteher Herbert Lustenberger ein Kreditvolumen von 16 Millionen Franken erneuert und langfristig angelegt. Dabei handle es sich um neue Kredite, um ausgelaufene Festkredite und um Kredite, die vorzeitig erneuert wurden. Der Zinssatz für all diese Kredite bewegt sich zwischen 0,1 und 1 Prozent. Ebikon hat aber nicht vorzeitig für Investitionen Geld aufgenommen. «Wir haben das nicht getan, weil wir der Meinung sind, dass das Zinsniveau noch einige Zeit tief sein wird», erklärt Lustenberger.

Emmengeniesstzu wenig Vertrauen

Die Stadt Luzern hat ihr Fremdkapital im letzten Jahr abgebaut. Gleichzeitig hat sie bestehende Darlehen zu günstigeren Konditionen refinanziert. Die Zinsbelastung ist gesunken. «Die Beschaffung von notwendigen Mitteln und die Steuerung der Liquidität sind Daueraufgaben der Finanzverwaltung», sagt Roland Brunner, Chef der städtischen Finanzverwaltung. Auch Emmen hat die Zinsbelastung reduziert, indem die Gemeinde Kredite zu günstigeren Konditionen refinanziert hat. Anders als Horw kann sie sich aber nicht vorzeitig günstiges Geld beschaffen. «Wir erfüllen die Voraussetzungen nicht, um Geld im Voraus aufnehmen zu können», sagt Finanzvorsteher Urs Dickerhof. Emmen weist einen Bilanzfehlbetrag auf und ist überschuldet. Die Schulden betragen derzeit rund 134 Millionen Franken. Ziel sei es, die Schulden abzubauen.

Steigende Zinsen als Risiko

Schulden abbauen will auch Adligenswil. Trotzdem ist die Verschuldung letztes Jahr auf rund 29 Millionen Franken gestiegen, weil Adligenswil für den Kunstrasen Löösch und die Projektierung des Alters- und Gesundheitszentrums 1 Million Franken aufnehmen musste. Natürlich reizten die tiefen Zinsen, günstiges Geld aufzunehmen. Doch dies sei heikel, sagt Finanzvorsteher Markus Sigrist: «Die Zinsen fallen ja auch an, wenn man das Geld noch nicht braucht. Und wenn die Zinsen steigen, wird die laufende Rechnung wieder stärker belastet.»