REGION: Ziel: Weniger Pflicht-Parkplätze

Neubauten mit guter ÖV-Erschliessung sollen mit weniger Parkplätzen auskommen. Im Mattenhof wird dieses Prinzip bereits erprobt. Künftig soll es für die ganze Agglo Luzern gelten.

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Cyrill Wiget, Gemeindepräsident Kriens : «Ein Kollaps lässt sich nur vermeiden, wenn die Überbauungen wenig Mehrverkehr generieren.» (Bild: pd)

Cyrill Wiget, Gemeindepräsident Kriens : «Ein Kollaps lässt sich nur vermeiden, wenn die Überbauungen wenig Mehrverkehr generieren.» (Bild: pd)

Robert Knobel

Zu einem neuen Haus gehört auch ein Parkplatz: Dieser Grundsatz ist in den meisten Gemeinden in speziellen Parkplatzreglementen festgehalten. In Kriens beispielsweise ist für jede neu erstellte Wohnung mindestens ein Parkplatz vorgeschrieben, bei Einfamilienhäusern sogar zwei. Auch für Gewerbe- und Dienstleistungsbetriebe gilt die Parkplatzpflicht. In Kriens braucht es einen Parkplatz pro 50 bis 120 Quadratmeter Geschossfläche, je nach Art des Geschäftes. Wer die vorgeschriebene Anzahl Parkplätze nicht erfüllt, muss eine Ersatzabgabe zahlen. Die Ersatzabgabe ist umso teurer, je zentrumsnaher das Grundstück liegt. Das seien falsche Anreize, sagt allerdings der Krienser Gemeindepräsident Cyrill Wiget (Grüne).

Stadt Luzern dient als Modell

Die Gemeinde Kriens will deshalb zusammen mit Emmen, Ebikon, Horw und Luzern ein neues, regionales Parkplatzreglement ausarbeiten. Dabei sollen die heute ziemlich starren Berechnungsmodelle durch eine flexiblere Regelung ersetzt werden. Die Zahl der Pflicht-Parkplätze soll sich stärker an der Nutzungsart und dem Standort orientieren. Das heisst insbesondere: Bei Neubauten, die per ÖV sehr gut erschlossen sind, braucht es weniger Parkplätze als bei solchen in der Peripherie, die man nur mit dem Auto erreichen kann. In der Stadt Luzern wird diese Praxis bereits umgesetzt.

So kennt die Stadt zwar ebenfalls ein Parkplatzreglement mit ähnlichen Pflichtvorgaben wie in Kriens. Auch dort gilt der Grundsatz: 1 Parkplatz pro Wohnung. Zudem sieht das Reglement beispielsweise für ein Restaurant mit 30 Sitzplätzen vier Parkplätze für Gäste und Personal vor. Doch dabei handelt es sich nur um Maximalvorgaben, die für den grössten Teil der Stadt gar keine Geltung haben. Die Zahl der Pflicht-Parkplätze ist nämlich umso tiefer, je zentraler der Standort ist. Das Extrembeispiel ist dabei die Altstadt: Wer dort baut, darf überhaupt keine Parkplätze dazu erstellen.

Nur 330 statt 1350 neue Parkplätze

Eine ähnliche Regelung, die sich an geografischen Kriterien orientiert, sollen nun auch die übrigen Gemeinden der Agglomeration Luzern erhalten. Die Gemeinderäte und -parlamente werden nächstes Jahr darüber befinden.

Den Anfang machen werden Kriens und Horw, da die Überarbeitung der Parkplatzreglemente dort am weitesten fortgeschritten ist. Und bei der neuen Überbauung Mattenhof, im Grenzgebiet zwischen Kriens und Horw, wird die Praxis auch bereits erprobt.

Gemäss dem herkömmlichen Krienser Modell bräuchte es im Mattenhof insgesamt 1350 neue Parkplätze. Die Immobilienfirma Mobimo plant nun aber lediglich mit 330 neuen Parkplätzen. Hinzu kommen rund 500 Parkplätze, die bereits heute im Gebiet Mattenhof bestehen. Das macht total 830 Parkplätze, die für die künftige Überbauung zur Verfügung stehen werden. «Das genügt», sagt Claudia Siegle. Schliesslich sei der Mattenhof hervorragend per ÖV erschlossen. Die S-Bahn hält heute schon im Viertelstundentakt am Bahnhof Mattenhof und soll künftig noch regelmässiger fahren. Hinzu kommen Buslinien sowie der neue Veloweg, der den Mattenhof direkt mit dem Hauptbahnhof Luzern verbinden wird.

Bemerkenswert: Es waren ausgerechnet die zusätzlichen Parkplätze, welche die Gegner der Mattenhof-Überbauung in Kriens und Luzern als Argument herbeizogen, den Landverkauf an die Mobimo abzulehnen. Die Landverkäufe wurden in beiden Gemeinden bekanntlich grossmehrheitlich angenommen.

Effektive Parkplatzzahl noch tiefer

Der Bedarf von 830 Parkplätzen für den Mattenhof ergab sich aus einem Gutachten, das Mobimo durch Verkehrsplaner erstellen liess. Es handelt sich dabei um einen Maximalbedarf – gemäss jetzigem Planungsstand wird die effektive Parkplatzzahl sogar nochmals etwas tiefer sein. Doch weshalb wurde dies überhaupt von der Gemeinde Kriens bewilligt – zumal ja das alte Parkplatzreglement nach wie vor gültig ist? Die Gemeinde stützt sich dabei auf eine Klausel im Krienser Parkplatzreglement, die besagt, dass der Gemeinderat Ausnahmen beschliessen kann. Dies insbesondere dann, wenn die ÖV-Erschliessung sehr gut ist oder wenn die Strassenkapazität einen Mehrverkehr nicht zulässt.

Letzteres sei im Mattenhof der Fall, sagt Cyrill Wiget. «Die Strassenkapazität im Gebiet Schlund kommt bald an ihre Grenzen. Angesichts der starken Bautätigkeit lässt sich ein Kollaps nur vermeiden, wenn die neuen Überbauungen möglichst wenig Mehrverkehr generieren.» Auch bei anderen geplanten Grossprojekten im Gebiet Schlund ist die Parkplatzzahl deutlich tiefer als vom Krienser Reglement vorgesehen. So etwa im Schweighof (1000 Parkplätze) und Nidfeld (650 Parkplätze).

Mieter ohne Auto bevorzugt

Dennoch ist das Ziel, im Mattenhof mit 830 Parkplätzen auszukommen, ambitiös – schliesslich werden dort dereinst 2000 Personen wohnen und arbeiten. Deshalb versucht die Mobimo, die Nachfrage nach Parkplätzen gezielt zu steuern. Im Mobilitätskonzept, das Mobimo für den Mattenhof erstellt hat, heisst es beispielsweise: «Um das bestehende Parkplatzangebot bedingt aufzubrauchen, werden vorwiegend Mieter berücksichtigt, die keinen Parkplatzbedarf haben.» Genau deshalb werden im Mattenhof vor allem kleinere Wohnungen geplant. Deren Mieter, so die Hoffnung, werden eher ohne Auto auskommen können als beispielsweise Familien mit Kindern. Zudem soll es im Mattenhof eine Auto-Sharing- sowie eine Velo-Sharing-Station geben.

Mieter sollen Parkplatz teilen

Ein Dauerparkplatz soll in der Überbauung Mattenhof rund 150 Franken pro Monat kosten, und auch für Besucher soll das Parkieren kostenpflichtig sein. So stehts im Mobilitätskonzept der Mobimo. Ob es überhaupt Dauerparkplätze im klassischen Sinne geben wird, ist aber noch unklar. Claudia Siegle findet, die Zeiten, in denen jeder seinen eigenen Parkplatz hat, seien vorbei. «Es braucht neue Ansätze.» So sei etwa denkbar, dass sich im Mattenhof mehrere Nutzer einen Parkplatz teilen: Tagsüber steht er für die Mitarbeiter einer Firma zur Verfügung, und am Abend stellt dort ein Wohnungsmieter sein Auto ab, der von der Arbeit nach Hause kommt.

Supermarkt soll im Mattenhof einziehen

Weitere Synergien wären mit der geplanten Pilatus-Arena denkbar: Unmittelbar angrenzend an die Mattenhof-Überbauung soll bis 2018 eine regionale Saalsporthalle entstehen. Bei dem neuen Sportzentrum mit 4000 Sitzplätzen wird sich die Parkplatzfrage erneut stellen. Bei Mobimo könnte man sich deshalb vorstellen, beispielsweise bei Grossanlässen am Wochenende, einen Teil der Firmenparkplätze im Mattenhof für Besucher der Saalsporthalle zur Verfügung zu stellen. Die Halle soll von privaten Investoren, angereichert mit Beiträgen von Bund und Kanton, südlich der Mattenhof-Überbauung gebaut werden. Das Grundstück gehört der Stadt Luzern.

Supermarkt soll im Mattenhof einziehen

rk. Erste Vorbereitungsarbeiten haben bereits begonnen, Mitte 2017 starten dann die Bauarbeiten für die ersten Gebäude der Mattenhof-Überbauung. Die Mobimo AG investiert dort in den nächsten Jahren insgesamt rund 250 Millionen Franken in Wohnungen, Büros sowie Geschäftsflächen. Die 300 Wohnungen haben grösstenteils 21/2 und 31/2 Zimmer, durch eine teils abgestufte Bauweise gibt es zudem einige Wohnungen mit grossen Terrassen.

Grossfirma zeigt Interesse

Auch ein Hotel ist Teil der Überbauung, die bis 2019 fertig sein soll. Dieses wird von der Säntis Gastronomie AG unter der Marke Holiday Inn Express betrieben. Bereits unterzeichnet sei auch der Mietvertrag mit einem Sportgeschäft, erklärt Mobimo-Projektleiterin Claudia Siegle. Mit diversen weiteren Firmen stehe man noch in Verhandlung. So etwa mit einer Grossfirma, die interessiert ist, einen ganzen Bürokomplex von rund 9000 Quadratmetern zu mieten. Das zeigt, dass das Bedürfnis nach grossen, zusammenhängenden Büroräumlichkeiten tatsächlich da ist. Insbesondere der Luzerner Stadtrat beklagte sich wiederholt, dass solche grossen Flächen in der ganzen Region fehlen. Deshalb sei es so schwierig, internationale Firmen nach Luzern zu holen. Welche Grossfirma sich konkret für den Mattenhof interessiert, will Mobimo noch nicht sagen.

Gesundheitszentrum

Im Mattenhof sollen aber nicht nur Grossfirmen einziehen. Man strebe einen möglichst breiten Branchenmix an, sagt Claudia Siegle. Vorgesehen ist, dass auch ein kleiner Supermarkt mit 500 Quadratmetern im Mattenhof eröffnet. Zudem sind gemäss Siegle auch Coiffeurläden, Bäckereien oder Reinigungsgeschäfte willkommen. In einem der Neubauten könnte auch ein eigentliches Gesundheitszentrum entstehen. Dort soll es beispielsweise Arzt- und Therapiepraxen sowie andere Angebote im Bereich Gesundheit und Wellness geben. Ein weiterer Schwerpunkt könnte im Bereich «innovatives Wohnen» liegen, sagt Claudia Siegle. Ihr schwebt vor, verschiedene kleinere Einrichtungs- und Designergeschäfte an einem Ort zu vereinen.

HINWEIS
Weitere Informationen über den Stand der Planungen: www.mattenhofluzern.ch

So soll der Mattenhof aussehen. (Bild: Visualisierung PD/ Grafik Janina Noser)

So soll der Mattenhof aussehen. (Bild: Visualisierung PD/ Grafik Janina Noser)