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REGIONALMEDIEN: Chefredaktor der Luzerner Zeitung: «Wir sind und bleiben in der Region verwurzelt»

Bestimmt nun Aarau, was in der Zentralschweiz relevant ist? Wird nur noch journalistischer Einheitsbrei aufgetischt? Die Verantwortlichen des Joint Ventures und der Chefredaktor der «Luzerner Zeitung» zu Fakten, Ängsten und Vorurteilen.
Regula Weik
Jérôme Martinu

Jérôme Martinu

Regula Weik

Sitzt dein Chef nun in Aarau? Die Frage kam, noch bevor die Präsentation des Joint Ventures von NZZ-Mediengruppe und AZ Medien beendet war. Vor nicht allzu langer Zeit hatte die Frage noch gelautet: Kommt dein Chef nun aus St. Gallen? Die Fragen machen deutlich: Bei den Medien ist vieles im Fluss, und der Wandel macht vor der Zentralschweiz nicht halt. Im Gegenteil. Sie steht mittendrin. «Die Veränderungen im Markt sind riesig – dies seit Jahren. Und sie werden uns auch künftig begleiten», sagte Axel Wüstmann, aktuell CEO der AZ Medien und künftiger CEO des Joint Ventures, am Donnerstag vor den Medien. Doch was geschieht tatsächlich?

Die AZ Medien und die NZZ-Mediengruppe führen ihr regionales Mediengeschäft in einem Joint Venture zusammen. So wollen sich beide «die Unabhängigkeit und die Weiterentwicklung all ihrer regionalen Medienmarken in einem herausfordernden Marktumfeld» sichern. Ziel des neuen Unternehmens: die regionale Publizistik in der Deutschschweiz stärken. Publizistik ist denn auch das Leitmotiv, das die beiden Unternehmen zusammengeführt hat: Die Publizistik sei ihr Kerngeschäft, betonen beide. Diese Publizistik wollen sie «stärken und profilieren».

Etienne Jornod, Verwaltungsratspräsident der NZZ-Mediengruppe, sagt dazu: «Die AZ Medien und die NZZ-Regionalmedien legen beide ihren strategischen Fokus auf die Publizistik und sind einer liberalen Grundhaltung verpflichtet. Gemeinsam können wir unsere Reichweite erhöhen und Grössenvorteile erzielen.»

Das geschah bisher

Die Spitzen der AZ Medien und der NZZ-Mediengruppe waren immer wieder und seit längerem miteinander im Gespräch. Richtig ernst sei es dann ab dem Sommer geworden, sagt Peter Wanner, Verleger der AZ Medien. «Am Mittwoch wurden die Verträge unterschrieben.» Er habe sich den Entscheid nicht einfach gemacht, gebe er doch «sein ganzes Unternehmen» in das Joint Venture hinein. Doch: «Wir ticken gleich.»

Das sind die Köpfe dahinter

Peter Wanner, Verleger der AZ Medien, wird Verwaltungsratspräsident des Joint Venture. Jörg Schnyder, derzeit Finanzchef und ad interim Vorsitzender der Unternehmensleitung der NZZ-Mediengruppe, wird Vizepräsident und Leiter des Finanzausschusses. Pascal Hollenstein, aktuell Leiter Publizistik der NZZ-Regionalmedien mit den Haupttiteln «Luzerner Zeitung» und «St. Galler Tagblatt» mit deren Regionalausgaben, verantwortet als publizistischer Leiter sämtliche Zeitungstitel des neuen Medienunternehmens. Axel Wüstmann, heute CEO der AZ Medien, wird CEO des Joint Ventures, und Jürg Weber, heute Leiter der NZZ-Regionalmedien, wird stellvertretender CEO. Der Name des neuen Regionalmedien-Unternehmens steht noch nicht fest; die einzelnen Produkte sollen ihre Titel aber behalten, versichern die neuen Verantwortlichen.

Das treibt sie an

«Wir glauben beide an den Wert des Journalismus. Wir glauben an des geschriebene und gesprochene Wort», sagt Pascal Hollenstein, publizistischer Leiter des Joint Ventures. «Zusammen sind wir stärker», sagt Peter Wanner. Und: «Wir wollen auch künftig ein attraktiver Arbeitgeber für begabte Journalistinnen und Journalisten sein.»

Das entsteht

Das neue Regionalmedien-Unternehmen erzielt einen Umsatz von knapp 500 Millionen Franken und zählt 2000 Mitarbeitende. Es umfasst über 80 Marken, und es deckt 13 Kantone ab – also die halbe Schweiz. Alle Medien des Joint Ventures zusammen haben eine Reichweite von über 2 Millionen Personen – «wir erreichen täglich jede zweite Person in der Deutschschweiz», sagt Axel Wüstmann. Über die finanziellen Einzelheiten haben die Partner Stillschweigen vereinbart.

Das kommt zusammen

Die NZZ-Mediengruppe integriert ihr gesamtes Regionalmediengeschäft in das Joint Venture. Die AZ Medien geben mit einer Ausnahme, nämlich Watson, ebenfalls alle Einheiten ein. Auch die Druckereien beider Unternehmen werden Teil davon.

Das bleibt draussen

Die Geschäftsbereiche NZZ Medien und Business Medien gehören dem neuen Unternehmen nicht an. Die konzessionierten TV- und Radiostationen – bei den NZZ-Regionalmedien sind dies TVO, Tele 1, Radio Pilatus und FM1 – bleiben ebenfalls ausserhalb des Joint Ventures. Auf die Frage, weshalb Online-Nachrichtenportal Watson aussen vor bleibe, antwortet Wüstmann: «Watson ist ein eigenständiges, nationales Newsportal, das noch im Start-up-Modus operiert. Wir wollen ihm die nötige Freiheit geben.»

Das sind die Klauseln

Die AZ Medien und die NZZ-Mediengruppe sind je zur Hälfte am Joint Venture beteiligt. Die neue Gesellschaft wird paritätisch geführt. «Wir sind gleichberechtigte Partner», sagt Peter Wanner. Die AZ Medien haben nach zehn Jahren die Möglichkeit, die Mehrheit am Unternehmen zu erwerben; die NZZ-Mediengruppe wiederum kann «unter gewissen Bedingungen» aussteigen und ihren Anteil an die AZ Medien verkaufen.

Das wird bleiben

Der lokale und regionale Journalismus bleibt Kernkompetenz der Regionalmedien. «Wir werden auch im Joint Venture wie bisher die regionale Publizistik ins Zentrum stellen», sagt Jérôme Martinu, Chefredaktor «Luzerner Zeitung» und Regionalausgaben. «Wir sind und bleiben ein in der Region verwurzeltes Medienhaus, das die Themen aus den Innerschweizer Kantonen in den Fokus stellt. Das geht, dort wo angezeigt, hin bis zum eigenen Zentralschweizer Blick auf die nationalen Geschehnisse.»

Das wird sich ändern

Die Bezahlzeitungen des Joint Ventures werden einen gemeinsamen Mantel haben. «Wir wollen mehr Hintergrund, mehr Recherche, mehr Einordnung, mehr Überraschung», sagt Hollenstein. Kurz: «Wir wollen noch besseren Journalismus machen.» Dem Vorwurf des Einheitsbreis von Entlebuch bis Basel, von Stans bis Kreuzlingen hält er entgegen: Dass ein Zuger einen Sachverhalt anders beurteile als ein Appenzeller oder ein Aargauer, werde auch künftig möglich sein – auch in der Kommentierung. «Die Gefahr, dass sich kleinere Redaktionen in Abhängigkeit von Agenturen und PR-Abteilungen geben, ist bedrohlicher als der befürchtete Einheitsbrei, wenn Medienunternehmen zusammengehen.»

Das wird befürchtet

Ist das Joint Venture eine reine Sparübung? Hollenstein dementiert. «Klar werden wir die Mantelressorts, Ausland, Inland, Wirtschaft, Kultur, Sport nicht einfach 1:1 zusammenlegen.» Es werde Doppelbesetzungen geben, «die wir dann gemeinsam diskutieren müssen». Wüstmann sagt: «Wir haben schon immer gespart und investiert. Wir werden beides auch in Zukunft machen.» Der neue CEO weiter: «Man kann sich nicht in die Zukunft sparen.» Pläne für Entlassungen gebe es nicht, betonen beide. Hollenstein sagt: «Unsere Häuser sind nicht bekannt dafür, besonders unsozial zu sein.» Chefredaktor Martinu ergänzt: «Im überregionalen Bereich arbeiten wir schon heute mit dem ‹St. Galler Tagblatt› zusammen, und das funktioniert sehr gut. Wir definieren die inhaltlichen Schwerpunkte jeden Tag gemeinsam.» Nun stosse die «Aargauer Zeitung» dazu, es werde ein neues Inhaltskonzept geben müssen. «Die drei Partner wollen auch im überregionalen Bereich qualitativ ­guten Journalismus, denn das liegt im Interesse der Leserschaft.»

Das geschieht als Nächstes

Die Verträge sind unterzeichnet – allerdings: Das Vorhaben braucht die Zustimmung der eidgenössischen Wettbewerbskommission. Bis deren Entscheid vorliegt, dürften einige Monate verstreichen. So lange werden die Unternehmen wie bisher und getrennt voneinander weitergeführt. Erst nach dem Weko-Entscheid wird die Gründung des neuen Regionalmedien-Unternehmens vorangetrieben.

Das zum Schluss

«Wir werden viel lernen müssen auf diesem Weg, aber wir werden es schaffen», sagt Pascal Hollenstein. «Es ist eine ganz grosse Chance.»

Das neue Regionalmedien-Unternehmen umfasst mehr als 80 Marken. (Bild: Grafik:jb/sand)

Das neue Regionalmedien-Unternehmen umfasst mehr als 80 Marken. (Bild: Grafik:jb/sand)

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