REGLEMENTITIS: Fasnachtsstart: Jetzt übernehmen die Antiregulatoren

Die Stadt Luzern schafft neue Fasnachtsregeln. Das ruft nun eine Einsatztruppe mit Antiregulatoren auf den Plan – und diese hat bereits ein erstes Duell mit dem Lozärner Fasnachtskomitee ausgefochten.

Rasender Reporter
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Prominentes Duell an der Reuss: der Chef der Antiregulatoren und Daniel Abächerli, Umzugschef des Lozärner Fasnachtskomitees. (Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 18. Februar 2017))

Prominentes Duell an der Reuss: der Chef der Antiregulatoren und Daniel Abächerli, Umzugschef des Lozärner Fasnachtskomitees. (Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 18. Februar 2017))

Rasender Reporter

stadt@luzernerzeitung.ch

Ist die Luzerner Fasnacht zu laut, zu schräg, zu bunt? Geht es zu anarchisch und gar zu archaisch zu und her? Luzerns Stadtbeamte jedenfalls haben die letztjährige Fasnacht via Crowd-Management einer Zürcher Firma eingehend analysiert. Man liess gar Luftbilder erstellen, um das Treiben bei der Rathaustreppe zu dokumentieren. 40 000 Franken wurden 2016 investiert. Daraus resultieren neue Massnahmen, diese schlagen nochmals mit 18 000 Franken zu Buche (Ausgabe vom Samstag).

Aufgrund dieser steigenden Stadtluzerner Fasnacht-Regulierungsdichte hat unsere Zeitung nun eigenständig, exklusiv und streng fasnächtlich eine hoch spezialisierte Expertengruppe engagiert. Es handelt sich hierbei um sogenannte Antiregulatoren*. Wir haben beim Chef nachgefragt, was es genau auf sich hat mit der Arbeit seiner Truppe.

Herr Antiregulator, Sie waren an der Fasnacht 2016 doch noch als Crowd-Mänätscher unterwegs und haben Feldforschung zu den Vorkommnissen auf den Gassen betrieben. Sie haben sogar, wir zitieren, «da und dort kanalisierend-regulierend» eingegriffen, um die Fasnacht zu lenken. Doch nun haben Sie sich komplett umorientiert. Warum?

Meine Erkenntnisse als Crowd-Mänätscher waren derart erschlagend, dass eine 180-Grad-Wende zwingend erforderlich war. Nach den insgesamt 86 Stunden, die ich an der letzten Fasnacht beobachtend, korrigierend und Holdrio trinkend absolviert habe, ist klar: Lozärn braucht mit Sicherheit keine zusätzlichen Regulierungen.

Die städtischen Behörden sehen das anders. Zu den Erkenntnissen des offiziellen Crowd-Managements gehört nun etwa das Einbahn-Regime auf dem Reusssteg während rund 20 Stunden.

Super gemacht, rüüüdig ... Nicht genug, dass dies 2011 während 6 Stunden schon nicht funktioniert hat, weil die Fasnächtler diese Verkehrsregelung schlicht und einfach boykottierten und sich über die Anweisungen hinwegsetzten.

Jetzt steht nicht mehr die Feuerwehr, sondern die Polizei am Brückenkopf regulierend im Einsatz ...

... und man hat eine rot leuchtende «Ampel» installiert. Obs mit dem Gedränge am Fuss der Rathaustreppe besser wird, wenn die Leute dann von den Seiten her dorthin drängen? Immerhin braucht es am Rüüdige Samschtig nun offiziell keine Bewilligungen mehr, auch wenn die kaum je jemand eingeholt hat.

Was sagen Sie zum neuen Fluchtwegkonzept?

Hauptsache Konzept. Da spielt es auch keine Rolle, dass 90 Prozent der Fasnächtler ortskundig sind und genau wissen, wo es langgeht. Aber am grossartigsten ist dies: Die Stadt hat Fluchtwegschilder ausgeliehen – vom Züri Fäscht! Und die Schilder leuchten im Dunkeln! Da wird Bruder Fritschi vom Zürcher Böögg was zu hören bekommen.

Mit Verlaub: Es geht immerhin um die Sicherheit!

Vor allem geht es ums Einschränken. Riecht ein bisschen nach Beschäftigungstherapie, oder? Kafi Huerenaff und Häxetee, am Jeton-System beim Gebinde etwa hält die Stadt immer noch fest, obwohl jeder Fasnachtspraktiker längst weiss, dass das eine Alibiübung ist.

Ein weiteres Beispiel?

Die Stadtverwaltung hat in akribischer Arbeit eine Karte erarbeitet. Verpflegungs- und Sonderzonen, Sanitätsposten, Einbahnbrücke sind genau eingezeichnet. Und es gibt eine scharfe rote Linie, welche die Fasnachtszone markiert, also einschränken will. Ein absolutes No-Go! Ein Wunder, dass nicht auch noch sämtliche Toi-Toi-Toilettenstandorte mittels Faltplänen an die Fasnächtler abgegeben werden. Apropos Toi-Toi: Die neue Anlage vor dem Rathaus an der Reuss ist grossartig! Die ist so gross und stabil gebaut, Männlein-/Weiblein-Signale inklusive, das ginge glatt als Teil des städtischen WC-Masterplans durch.

Aber ist die markierte «Fasnachtszone» nicht sowieso quasi eine natürliche Grenze der Stadtluzerner Fasnacht?

Jaja, da merkt man gleich, dass Sie ein fasnächtlich-journalistischer Theoretiker sind. Es gibt doch keine Grenzen an der Fasnacht! Natürlich fokussiert sich das rüüdige Treiben auf die Altstadt und das linksseitige Reussufer. Aber das franst auch aus, spontane Guuggerkonzerte oder Produktionen sind auch anderswo möglich. Da werden wir schon mit der nötigen Antiregulierungskompetenz dafür sorgen!

Ich bleibe hartnäckig: Wo ausserhalb der Zone kommt das vor?

Bei der Lukaskirche im Vögeligärtli ist nach den Umzügen Hochbetrieb, ebenso auf dem Helvetiaplatz. Guuggenmusigauftritte gibt es regelmässig beim LUKB-Hauptsitz oder im Bahnhof. Burgerstrasse, Pfistergasse, vor der ehemaligen «Laterne», auch dort herrscht Betrieb. Und in der Theaterstrasse zwischen «Ente» und «Bistro» geht regelmässig die Post ab.

Zum Stichwort Stadtpläne ...

... Sie müssen gar nicht weiter ausführen, ich weiss haargenau, worauf Sie anspielen! Inzwischen sind alle grossen Plätze unter Verwaltung von sogenannten Interessengemeinschaften oder IGs. Kapell-, Mühlen-, Franziskaner-, Jesuitenplatz, Weinmarkt, neu auch die Bahnhofstrasse – das sind sowjetverwalterische Zustände!

Ein bisschen Ordnung kann nicht schaden.

Ein «bisschen»? Bei der IG Kapellplatz zum Beispiel, da gibt es einen präzisen Belegungsplan, was wo zu stehen hat. Lächerlich, so ein Regime. «Organisiertes Chaos», so nennen es die Akteure. Schöner kann man einen Widerspruch kaum formulieren. Die Stadtbehörden lassen das laufen, denen gefällt diese «Selbstregulierung» natürlich. Aber mit welchem Recht werden diese Plätze verteilt? Was ist, wenn eine «fremde» Wagengruppe oder Guuggenmusig sich dort für eine gewisse Zeit installieren will? An der Bahnhofstrasse gibts für die «Fremden» eine «Pufferzone». Wahnsinnig üppige 25 Meter lang ist sie ...

Pardon, Ihr Kopf wird zunehmend rot, und Sie scheinen nun etwas kurzatmig – sollen wir eine kurze Pause machen?

Im Gegenteil! Jetzt wo ich schon so richtig antiregulierend in Fahrt bin. «Fasnacht first!» Das muss die Devise sein. Was in den USA geht, wird bei uns erst recht funktionieren. Das setzen wir Antiregulatoren durch!

Ich getraue fast nicht, dies zu sagen, aber da wären auch noch die Absperrgitter, die das Lozärner Fasnachtskomitee LFK entlang der Umzugsroute zusätzlich aufstellt.

Oh ja! Damit sollen die wilden Gruppen zum Umzugsstart dirigiert werden. Wir hatten bereits ein Rencontre mit dem LFK-Umzugskomitee deswegen. Umzugschef Dani Abächerli hat fadegrad unsere Haltung erfahren – via Megafon.

Mit welchem Resultat?

Wie das in einem solchen Konfliktfall angezeigt ist: Wir haben ein Konfettiduell ausgetragen. Es endete unentschieden. Die Köfferlifasnächtler sind tatsächlich auch fähig zur Selbstkritik. Und wir als Antiregulatoren sehen die Beweggründe des LFK durchaus. Darum ein Appell an die wilden Masken- und Sujetgruppen: Umzug auf jeden Fall! Aber bitte vom Start an und nicht nur für 150 Meter vor den Fernsehkameras.

Hinweis

* Die Antiregulatoren sind im Auftrag unserer Zeitung während der rüüdigen Tage in und um Luzern unterwegs. Sie wagen sich an Orte, wo die Regulierungsdichte besonders hoch scheint. Sie deregulieren, entkrampfisieren oder holdrioisieren einzeln oder als Gruppe, sie sind klar als Offizielle erkennbar.

Die Antiregulatoren im Einsatz unter der Egg. (Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 18. Februar 2017))

Die Antiregulatoren im Einsatz unter der Egg. (Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 18. Februar 2017))

«Fasnacht first!», die Antiregulatoren. (Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 18. Februar 2017))

«Fasnacht first!», die Antiregulatoren. (Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 18. Februar 2017))

Die Antiregulatoren im Einsatz in der Stadt Luzern (Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 18. Februar 2017))

Die Antiregulatoren im Einsatz in der Stadt Luzern (Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 18. Februar 2017))