REGULIERT, INTRIGIERT: Antiregulator: «Trotz Reglementitis wars rüüdig verreckt»

Tag und Nacht war der Antiregulator mit seinem Team auf der Gasse und hat für eine möglichst chaotische und spontane Fasnacht gesorgt. Seine Bilanz überrascht und kostet keine 40 000 Franken.

Rasender Reporter
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Zwischenziel erreicht: Der Antiregulator hält Ausschau nach neuen Aufgaben. (Bild: Flurina Valsecchi (Luzern, 27. Februar 2017))

Zwischenziel erreicht: Der Antiregulator hält Ausschau nach neuen Aufgaben. (Bild: Flurina Valsecchi (Luzern, 27. Februar 2017))

Interview: Rasender Reporter

stadt@luzernerzeitung.ch

 

Herr Antiregulator: Welche Bilanz ziehen Sie nach sechs Tagen Fasnacht?

Du kannst mich ruhig duzen. Das Sie habe ich am Schmudo kurz nach dem Urknall – in Absprache mit Bruder Fritschi – abgeschafft. Formalitäten engen die Fasnacht nur unnötig ein.

Nun gut, deine Bilanz!

Die Fasnacht war – natürlich – rüüdig verreckt. Wildes Treiben überall! Die Reglementitis hat sich nicht durchgesetzt. Sicher auch dank meines Teams, das rund um die Uhr dereguliert hat. Viele Fasnächtler haben sich mutig über die sogenannte Fasnachtszone hinweggesetzt. Die Stadt wollte die Fasnacht mit ihrem Lageplan zur Sicherheit mittels dicken Linie in Pink geografisch beschränken.

Alles bestens also ...

Gar nicht. Ich habe mich masslos über den Rüüdigen Samschtig geärgert.

Waaas? Dabei hat doch der Stadtrat «fasnächtliches Treiben» erstmals offiziell erlaubt .

Das ist nicht mehr als ein Etappenziel für uns Antiregulatoren! Seien wir ehrlich: Fasnacht gabs am Rüüdigen Samschtig schon längst, ob das der Stadt gepasst hat oder nicht. Sie hat sie also nicht erlaubt, vielleicht offizialisiert, noch schlimmer: höchst-behördlich begrenzt!

Wie meinst du das jetzt?

Schau! Die Stadt hat den Rüüdigen Samschtig von 9 bis 23 Uhr begrenzt. Dabei ist um elf Uhr nachts noch lange nicht Schluss! Das weiss doch jedes Kind!

Hattest du etwa ein Ren­contre mit der Polizei?

Zum Glück haben die Ordnungshüter nicht mich persönlich erwischt. Dafür gute Freunde, eine weltbekannte Schlagergruppe. Die wollten einigen Fans ein Ständchen bringen. Kurz nach elf Uhr. Nach wenigen Takten standen schon drei Polizisten da und forderten die Sänger auf, das Konzert zu beenden.

Die waren auf Zack.

Widerwillig muss ich einräumen: Die Schnelligkeit und Effizienz der Polizei hat mich beeindruckt. Am Rüüdige Samschtig um 23.15 Uhr wars in der Altstadt ruhiger als an einem normalen Wochenende.

Themenwechsel: Auch das Einbahn­regime am Rathaussteg war dir im Vorfeld ja ein Dorn im Auge ...

Zu Recht, wie sich nun gezeigt hat. Wenigstens haben die roten Lampen nicht rund um die Uhr geblinkt. Dennoch: Die Polizei hatte alle Hände voll zu tun, die Fasnächtler wegzuscheuchen. Was sich die von der Stadt bezahlten «Crowd-Manager» in der Theorie ausdachten, hatte in der Realität so seine Tücken.

Du spielst auch auf die Situation zwischen Kapellbrücke und der St.-Peters-Kirche an.

Genau. Da steht ein grosser offizieller Catering-Wagen – und zwar im Weg. Denn die Kapellbrücke dient bekanntlich bei geschlossenem Rathaussteg als Alternativroute. Da wollen Leute auf die Brücke, andere kommen von der Brücke und wieder andere warten am Stand auf ihr Holdrio. Folge: ein riesen Puff und sogar Rückstau auf der Brücke.

Aber es gibt ja noch eine weitere Alternativroute: via Jesuitenkirche über die Reussbrücke.

Auch die funktioniert nur bedingt: In der fasnächtlichen Realität ist das Zirkulieren auf dem Jesuitenplatz zu Stoss- und Blinklichtzeiten kaum mehr möglich. Darum geht die Mehrheit dann eben doch über die Kapellbrücke.

Danke für die scharfe Beobachtung, ich werde sogleich die Stellungnahme von Stadtrat Borgula einholen.

Ja, bitte sehr! Lass ihn von uns grüssen! Die Analyse der Antiregulatoren gibts übrigens für weniger als 40 000 Franken. So viel hat die Stadt für die «Crowd-Management»-Studie ausgegeben. Wir machens für ein, zwei Holdrio. Und Einheimische sehen das sowieso besser als Zürcher.

Zu den Umzügen: Die Zuschauer wirkten dieses Jahr etwas verhalten.

Stimmt – und das muss sich ändern! Zur Auflockerung des Publikums haben wir für nächstes Jahr bereits einige Ideen parat: Wir möchten die Cheerleader-Gruppe der Superbowl-Sieger aus Foxborough einfliegen, im Moment laufen noch Visa-Abklärungen. Auch der Vorsänger der FCL-Fankurve und eine Delegation des Carnaval do Brasil könnten den Zuschauern einheizen.

Sind grosse Fasnachtsumzüge in Luzern überhaupt noch zeitgemäss?

Aus meiner Sicht sind sie problematisch: Alles läuft streng reglementiert ab. Einen Vollblut-Huerenaff haut es da fast vom Sitz. Wir haben ja heuer selber mitgemacht – als Feldstudie, auf unseren Velositzen. Wir wissen, wovon wir reden.

Ich habe euch gesehen, es scheint allen Antiregulatoren viel Spass gemacht zu haben.

Ja, als Experiment wars tipptopp. Besonders am Güdismontag inmitten all der wilden Gruppen! Aber auch ausserhalb des offiziellen Umzugs habe ich Grandioses erlebt: Etwa wie die Kult-UR-Fasnächtler bei herrlichem Sonnenschein vom Schwanenplatz in Richtung Weinmarkt zogen!

Müsste man den Umzugsteilnehmern künftig freie Routenwahl gewähren?

Prächtige Idee! Für die Zuschauer wäre das viel interessanter. Sie könnten sich in einem Orientierungslauf durch die Stadt auf die Suche nach ihrem Lieblingswagen machen. Aber ...

Ja?

Vielleicht braucht es an der Fasnacht ja auch so Ordnungs-Oasen, damit sich auch die Köfferli-Fasnächtler zu Hause fühlen.

Hinweis

Im Auftrag unserer Zeitung war der Antiregulator mit seinem Team unterwegs. Ab heute ist er offen für Neues.