REIDEN: Dieses Kraut steht auf der schwarzen Liste

Invasive Neophyten sind importierte Pflanzen, die die einheimische Flora verdrängen. Eine Gruppe Freiwilliger geht nun gegen das Drüsige Springkraut vor – mit viel Leidenschaft, aber nur geringen Erfolgschancen.

Stephan Santschi
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Beat Schwegler (links) und Asylbewerber Ismail Nashwan reissen das Drüsige Springkraut aus. (Bild: Philipp Schmidli (Reiden, 15. Juli 2017))

Beat Schwegler (links) und Asylbewerber Ismail Nashwan reissen das Drüsige Springkraut aus. (Bild: Philipp Schmidli (Reiden, 15. Juli 2017))

Beat Schwegler kämpft sich durch das Unkraut in einem Stück Reider Wald und rupft es büschelweise aus dem Boden, stundenlang. Der 67-jährige Pensionär weiss ­einen Kollegen an seiner Seite, darüber hinaus helfen ihm Asylsuchende aus Afghanistan, Eri­trea und dem Irak. Später werden die Pflanzenhaufen abtransportiert und in der Kehrichtverbrennungsanlage in Oftringen entsorgt. So sehr sich die Gruppe auch bemüht, letztlich ist es eine Sisyphusarbeit, die sie hier im Gebiet Weihermatte verrichtet. Das Drüsige Springkraut, so der Name des Unkrauts, ist nämlich ein sogenannter invasiver Neophyt. Ursprünglich aus dem Himalajagebiet stammend, ist es in der Schweiz wegen seiner roten Blüten als Zierpflanze eingeführt worden, darüber hinaus dient es Bienen und Hummeln als Nahrungsquelle.

Allerdings vermehrt es sich derart rasant, dass die einheimische Flora verdrängt und die Verjüngung des Waldes behindert wird, wenn man es gewähren lässt. Und in Reiden hat man es gewähren lassen. «Ganze Waldabschnitte sind dicht mit hohen Pflanzenstängeln überwuchert», stellt Schwegler fest. Der ehemalige Realschullehrer, der vor zwei Jahren eine Gruppe mit Freiwilligen zur Bekämpfung des Unkrauts gegründet hat, macht sich nichts vor: «Wir werden des Drüsigen Springkrauts nicht Herr werden, zu gross sind die Bestände. Das Gebiet Weihermatt, Sertel und Neuhuser möchten wir aber möglichst davon befreien. Hier sind viele Leute unterwegs.»

Problem: Schwarze Liste ist rechtlich unverbindlich

Der Kampf gegen sich rasant vermehrende oder gar giftige Pflanzen ausländischer Herkunft ist kein neues Phänomen. Die Schweiz hat sich mehrfach verpflichtet, invasive gebietsfremde Arten zu kontrollieren oder zu beseitigen sowie präventive Massnahmen zu ergreifen. Die 2008 revidierte Freisetzungsverordnung bildet dabei die wichtigste gesetzliche Grundlage, im letzten Jahr ist auf Bundesebene zudem eine konkrete Strategie formuliert worden. An der Umsetzung allerdings hapert es. Zwar besteht eine schwarze Liste mit 40 Pflanzen, die Schäden verursachen und deshalb bekämpft werden sollen – darauf befindet sich auch das Drüsige Springkraut. Rechtlich ist diese Liste aber unverbindlich. Ausser bei der Ambrosia, die Al­lergien und damit gesundheitliche Probleme bei Menschen auslösen kann, besteht bei keiner anderen invasiven Pflanzenart eine Melde- und Bekämpfungspflicht.

So obliegt es den Kantonen und den Gemeinden, darüber zu entscheiden, wo eingegriffen werden soll und wo nicht. In Luzern liegt die Federführung bei der kantonalen Koordinationsgruppe, die von Peter Kull geleitet wird. Er ist der Chef des Fachbereichs Lebensräume bei der kantonalen Dienststelle Landwirtschaft und Wald. Neben dem Drüsigen Springkraut in den Wäldern habe sich bei uns auch ­das Einjährige Berufskraut explosionsartig vermehrt. Weiter nennt er den Japanischen Knöterich in der Nähe von Gewässern, die Nordamerikanischen Goldruten in Naturschutzgebieten oder das Schmalblättrige Greiskraut entlang von Auto- und Bahnstrecken. «Die Bekämpfung invasiver Neophyten ist eine sehr grosse Herausforderung», sagt Kull und erläutert dies an einem Beispiel: «Wenn der Japanische Knöterich seitlich eines Bachs tief verwurzelt ist, kann man mit zumutbarem Aufwand beziehungsweise auf legalem Weg weder mit dem Bagger noch mit Herbizid dagegen vorgehen. Da stellt sich schon die Frage, was man tun kann, insbesondere bei grossen Pflanzenbeständen.» Grundsätzlich lohne sich frühes Handeln, je weiter verbreitet eine invasive Art sei, umso höher werde der finanzielle Aufwand zur Bekämpfung.

Beim Kanton setzt man die Prioritäten auf die kantonalen Schutzgebiete, wie etwa am Rotsee, wo man gegen die Nordamerikanischen Goldruten vorgeht. Darüber hinaus gebe man Empfehlungen an die Gemeinden ab. «In den letzten Jahren ist die Sensibilisierung massiv gestiegen, die Werkdienste kommen in grösserer Anzahl an unsere Weiterbildungen», erklärt Kull. Vielerorts bestünde aber auch noch reichlich Luft nach oben.

Waldbesitzer und Hobbygärtner in der Pflicht

In die Pflicht nimmt er auch jeden privaten Grundbesitzer. Den Waldeigentümer, der das Drüsige Springkraut spriessen lässt. Oder den Hobbygärtner, der den Sommerflieder anpflanzt und den Kirschlorbeer als Sichtschutz anbringt. Diese gebietsfremden Arten befinden sich wegen ihrer Ausbreitungsfreude ebenfalls auf der schwarzen Liste. «Wegen wirtschaftlicher Interessen sind sie aber leider noch immer legal im Handel erhältlich», bedauert Kull. Grundsätzlich hält er fest: «Der Kampf gegen invasive Neophyten ist eine klassische Querschnittsaufgabe, es bedarf der Aufmerksamkeit von allen.»

Beat Schwegler hat das Problem erkannt und geht mit seiner mobilen Einsatzgruppe in Fronarbeit dagegen vor: «Es ist ermüdend, wir machen immer die gleichen Bewegungen und werden mit Dornen, Brennnesseln und Zecken konfrontiert.» Lange Hosen und Handschuhe seien deshalb dringend empfohlen. Die ersten Erfolge an gereinigten Stellen machen ihm Mut, «dort kommen die einheimischen Pflanzen wieder zurück». Die Arbeit geht dem Naturliebhaber sicher nicht aus, weshalb er zur Mithilfe aufruft. Aktuell sei es die beste Zeit, um das Drüsige Springkraut zu bekämpfen. Der nächste Ausflug durch das Reider Unkraut nimmt er voraussichtlich am 11. August unter die Füsse.

Stephan Santschi

stephan.santschi@luzernerzeitung.ch