Reiden ist überall

Chefsache

Jérôme Martinu, Chefredaktor
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Jérôme Martinu. (Bild LZ)

Jérôme Martinu. (Bild LZ)

Knapp 7000 Einwohner, eigener Bahnhof, Autobahnanschluss, Frei- und Hallenbad. Wir blicken nach Reiden in den Norden des Kantons Luzern. In der stattlichen Gemeinde mit drei Ortsteilen tobt seit Jahren ein Politstreit, der seinesgleichen sucht. Nachdem das Stimmvolk im März 2015 den vom Gemeinderat propagierten Schul­hausneubau aus Kostengründen schon einmal verworfen hatte, wird nun erneut an der Urne über ein (günstigeres) Projekt entschieden. Der Zank zwischen den etablierten Parteien und der jungen IG Reiden ist gigantisch. Er bricht auch im fünfköpfigen Gemeinderat, wo die IG mit zwei Sitzen vertreten ist, immer wieder öffentlich und heftig aus. Kollegialitätsprinzip? Quasi ausser Kraft.

Der Eindruck von aussen: Während die IG partout nicht von ihrer Rolle als kategorische Zweiflerin und zuweilen auch als Besserwisserin abrücken will, sind die traditionellen Parteien – inklusive deren 3:2-Mehrheit in der Exekutive – noch immer nicht bereit, die Gegnerin IG als das anzuerkennen, was sie ist: eine relevante politische Kraft im Dorf. Die Folge: Komplett verhärtete Fronten, Blockade, verunsicherte Stimmbürger. Höchste Zeit für eine klare Änderung der Marschrichtung hin zu einem sachorientierten Kom­promiss – und zwar von allen Seiten.

Reiden ist ein Extrembeispiel. Aber Reiden kann überall sein. Dort, wo es die Verantwortungsträger in unseren demokratischen Prozessen nicht schaffen, mit dem notwendigen Mass an Selbstkritik von der eigenen Position zumindest ein Stück weit abzurücken. Dort, wo der Trieb zum politischen Machterhalt stärker ist als der Fokus auf Konsens und Gemeinwohl. Ein Leserbriefschreiber meint: «Wir müssen die Strategie des begrenzten Konflikts lernen.» Er hat recht.