REIDEN: Jodeln bringt Generationen zusammen

Am Freitag ist das Zentralschweizer Jodlerfest gestartet. Die jüngste Teilnehmerin trifft einen routinierten Jodler. Sie kennen sich, obwohl sie einander noch nie gesehen haben.

Roger Rüegger
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Freuen sich aufs Jodlerfest in Reiden: Corinne Renggli (16) und Erwin Bühler (75) diese Woche auf dem Steinhuserberg. (Bild Eveline Beerkircher)

Freuen sich aufs Jodlerfest in Reiden: Corinne Renggli (16) und Erwin Bühler (75) diese Woche auf dem Steinhuserberg. (Bild Eveline Beerkircher)

Für Corinne Renggli (16) ist das Zentralschweizerische in Reiden das erste Jodlerfest, an dem sie als aktive Jodlerin teilnimmt. «Als Besucherin war ich aber schon an mehreren. Meine Eltern singen beide beim Jodlerklub Finsterwald. Sie nahmen mich schon als Baby im Kinderwagen an viele Konzerte und Anlässe mit. Nun mit 16 darf ich aber erstmals selber singen, das wird sicher speziell», sagt die Frau, der das Jodeln offensichtlich in die Wiege gelegt wurde.

Ein Routinier mit der Erfahrung von zahlreichen Jodlerfesten ist dagegen Erwin Bühler vom Steinhuserberg in Wolhusen. «Es waren bestimmt mehr als 50 Feste, die ich als Jodler miterlebt habe», sagt der 75-jährige ehemalige Posthalter, der Corinne, Fotografin und Reporter bei sich zu Hause empfängt und sofort jedem das Du anbietet. «Wir Jodler sind gemütliche und fröhliche Leute, es ist üblich, dass man sich duzt.» Wenn er das sagt, wird es stimmen. Schliesslich war Erwin Bühler viele Jahre Vorstandsmitglied sowohl im Zentralschweizerischen wie auch im Eidgenössischen Jodlerverband. In beiden Verbänden ist er seit 2005 Ehrenmitglied.

Erwin ist «nicht mehr so nervös»

Erwin – bleiben wir also beim Du – sagt, dass dieses Wochenende der Höhepunkt des Jahres sei. Sowohl für den organisierenden Verband wie auch für die teilnehmenden Jodler. «Für die aktiven Gruppen und Solisten ist so ein Fest eine Standortbestimmung. Wer für seinen Vortrag von der Jury die Note 2 erhält, ist automatisch für das Eidgenössische qualifiziert», sagt der Mann, der mit dem Jodlerklub Bärgglöggli Steinhuserberg heute um 13 Uhr singen wird. Erwin ist eine treue Seele. Dem Klub ist er als 18-jähriger Bursche beigetreten, und während 29 Jahren hat er ihn präsidiert.

Auf das Fest freut er sich fast so, als ob es auch für ihn eine Premiere wäre. «Nur bin ich nicht mehr so nervös wie in den ersten paar Jahren», beschreibt er sein Gefühl und richtet den nächsten Satz an Corinne. «Den Jungen sollten die Nerven aber schon etwas flattern, das muss so sein.» Corinne nickt und gesteht, dass sie tatsächlich etwas angespannt sei. «Ich trage ein neues Lied vor. Bis jetzt habe ich es erst zweimal gesungen», erzählt die aufgestellte Frau, die bei Stöckli Outdoor Sport in Wolhusen eine Lehre absolviert. Ruedi Bieri, ihr Dirigent im Kinderchor Gugelchörli Finsterwald, hat das Lied extra für sie auf das Jodlerfest Reiden hin geschrieben.

Corinne, Gewinnerin des Prix Walo

Corinne ist wohl die jüngste Jodlerin, die im Wiggertal auftritt. Dass sie eine gute Figur abgeben wird, daran dürfte sie nicht zweifeln. Denn Corinne weiss, dass sie eine talentierte Sängerin ist, auch wenn sie es nicht so formuliert. Aber die Erfolge in ihrer noch jungen Laufbahn sprechen für sich. Sie war im November die Gewinnerin des Kleinen Prix Walo 2012 in der Sparte Jodeln (wir berichteten), und drei Jahre zuvor war sie Finalteilnehmerin eines Folklore-Nachwuchswettbewerbs in Interlaken.

Erwin Bühler erinnert sich noch genau an besagten Tag. Dies, obwohl er und Corinne sich diese Woche zum ersten Mal persönlich begegneten. «An dem Tag, als Corinne im Berner Oberland auf der Bühne stand, hatte sie abends einen Auftritt im KKL», sagt er so, als ob er selber dabei gewesen wäre. Nun, ganz falsch ist dies nicht. Corinne ist damals vom Organisator des Jodel- und Ländler-Konzerts im KKL eingeladen worden – und dieser war und ist noch heute Erwin Bühler. «Ich habe das KKL während der Bauphase besichtigt. Damals habe ich mir zum Ziel gesetzt, dass in diesem Haus dereinst Jodlerkonzerte stattfinden werden», sagt er nicht ohne Stolz und erwähnt beiläufig, dass am 26. Oktober bereits die 7. Ausgabe über die Bühne geht.

Wenn Erwin von den Jodlerfesten in früheren Jahren erzählt, in denen fast ausschliesslich aktive Jodler anwesend waren, kommt er ins Schwärmen. «Es war ein familiäres Flair, weil fast jeder jeden kannte.» Bei den Festen in neuerer Zeit gesellten sich viele Schlachtenbummler zu den Aktiven, was wiederum beweise, dass das Jodeln für die breite Öffentlichkeit um ein Vielfaches attraktiver geworden sei als früher. So hat Erwin nichts dagegen einzuwenden, wenn Jodler und Popmusiker hin und wieder ein gemeinsames Projekt realisieren – zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Auch Corinne ist anderen Projekten nicht abgeneigt. Bei der Operette «Im weissen Rössl», die 2011 in Entlebuch aufgeführt wurde, belegte sie eine Solo-Rolle, und zusätzlich sang sie im Chor mit. «Das war eine tolle Erfahrung. Ausserdem konnte ich während dieser Zeit Gesangsunterricht nehmen. Das hat mich enorm weitergebracht.»

Die Lehrtochter und der Pensionär verstehen sich ausgezeichnet, so als ob sie sich schon viele Jahre kennen würden. Die Magie des Jodelns scheint generationenübergeifend zu wirken.

Natur pur oder komponiert

gus. Die ursprüngliche Form des Jodelns ist der Naturjodel oder Naturjutz (von Jauchzen). In den verschiedenen Regionen wird er unterschiedlich genannt, nebst Jutz (LU) auch Juiz (OW, NW) oder Juuz (SZ). Die Appenzeller kennen das Zäuerli (AR) und etwas langsamere Rugguserli (AI), die Berner den «bhäbigen» Jutz. Eine der urtümlichsten Formen ist der Muotataler Jutz. Den Naturjutz gibt es in unterschiedlichsten Formen und Prägungen, sowohl ein- wie auch mehrstimmig. Jutze wurden zumeist von Generation zu Generation weitergegeben, aber nicht aufgeschrieben. Man geht davon aus, dass die ältesten Naturjutze 80 bis 100 Jahre alt sind.

Die Geschichte des Jodellieds reicht weniger weit zurück. Einzelne Jodellieder gab es zwar schon Anfang des 20. Jahrhunderts. Einen regelrechten Boom erlebte das Jodellied ab Mitte des 20. Jahrhunderts mit der Förderung durch den Eidgenössischen Jodlerverband. Das Jodellied enthält Text und Melodie. So gibt es auch Texter und Komponisten, wobei oft derselbe beides schreibt. Das Lied kann ein- oder mehrstimmig sein. Vom einfach überlieferten bis zu neueren Formen. Ursprünglich bestand es aus zwei Strophen, heute gebräuchlich sind meist drei oder inzwischen gar vier Strophen. Dazwischen folgt in der Regel als Refrain ein Jutz.