Stadt Luzern: Rekord bei Übertritten ins Gymi

Ein Drittel der Stadtluzerner Sechstklässer wechselte in die Kantonsschule – auch wegen des Sekundarmodells?

Julian Spörri
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Blick in den Lichthof der Kantonsschule Alpenquai, das grösste Gymnasium im Kanton. (Bild: Pius Amrein, Luzern, 22. August 2019)

Blick in den Lichthof der Kantonsschule Alpenquai, das grösste Gymnasium im Kanton. (Bild: Pius Amrein, Luzern, 22. August 2019)

Diese Woche hatten in der Stadt Luzern 375 Schüler ihren ersten Schultag auf Sekundarstufe. Für 183 Gleichaltrige startete das siebte Schuljahr dagegen im Langzeitzeitgymnasium. Somit sind 32,7 Prozent der Stadtluzerner Sechstklässler in die Kantonsschule übertreten – ein neuer Rekord. Die Übertrittsquote ist deutlich höher als jene im Kanton, wo die Zahlen aber ebenfalls steigen (siehe Grafik). Das hat Folgen für die Gymnasien: Die Kantonsschule Alpenquai führt eine erste Klasse mehr als letztes Jahr.

Unter Eltern und Schülern wird derweil ein möglicher Zusammenhang zum integrativen System der Stadt Luzern diskutiert. Dieses wurde ab dem Schuljahr 2016/17 schrittweise in allen Schulhäusern der Sekundarstufe eingeführt. Zwar haben im ganzen Kanton 22 Gemeinden das integrierte Strukturmodell (ISS), doch als einzige Gemeinde lässt die Stadt Luzern die Fächer Deutsch und Mathematik in der Stammklasse unterrichten. Das bedeutet konkret: Nur im Französisch und im Englisch wird nach Niveaus getrennt unterrichtet, in Deutsch und Mathematik sind die Leistungsniveaus A, B und C gemischt.

Die These, die sich aufdrängt: Manche Eltern zweifeln an der gemischten Sekundarschule und versuchen ihren Nachwuchs nach Möglichkeit in die Kantonsschule zu schicken. Dem Dienststellenleiter für Gymnasialbildung im Kanton Luzern, Aldo Magno, sind zwar keine Erfahrungen mit solchen Eltern bekannt. Beim Wechsel auf das integrierte Modell hätten aber einige Schulleiter darauf hingewiesen, dass eine solche Entwicklung eintreten könnte. Magno erklärt:

«Ein neues Schulsystem ist für gewisse Eltern auch mit Unsicherheiten verbunden.»

Und weiter sagt er: «Gerade das spezielle, integrierte Schulmodell in der Stadt könnte ein Grund dafür sein, dass nun mehr Kinder in das Gymnasium drängen.»

Alex Messerli, Präsident des Luzerner Lehrerinnen und Lehrerverbandes (LLV) sagt, dass es vielfältige Hintergründe gebe, aufgrund von denen Eltern eine Laufbahn am Gymnasium befürworten würden. Dabei spielen Faktoren wie die Wichtigkeit der Bildung oder die Nähe zur Schule eine Rolle. «Dass das Vermeiden eines Schulmodells einen weiteren Faktor darstellt, ist möglich», sagt Messerli. «Die verschiedenen Sekundarschulmodelle mit ihren Vor- und Nachteilen werden nicht nur bei den Lehrern heiss diskutiert, sondern geben sicher auch bei der Elternschaft zu reden.»

Schulmodell der Stadt wird überprüft

Das städtische Schulmodell wird derzeit evaluiert – die Ergebnisse sollten Ende Jahr vorliegen, sagt Vreni Völkle, Rektorin der Volksschule der Stadt Luzern. Es sei darum zu früh, um Schlussfolgerungen über das System zu ziehen. Völkle vermutet aber, dass es keinen Zusammenhang zwischen der hohen Übertrittsquote und dem integrierten Modell gibt: «Die beobachtete Entwicklung ist Teil eines allgemeinen Trends. Viele Eltern streben nach einer höheren Schulbildung für ihr Kind», sagt Völkle. Sie betont einen positiven Aspekt, der in der Diskussion oft untergehe:

«Es ist erfreulich, dass viele Primarschüler motiviert sind, eine lange Schullaufbahn anzustreben.»

Im Kanton Luzern ist die Übertrittsquote auf dieses Schuljahr hin von 19,2 auf 20,8 Prozent angestiegen. Gemäss Charles Vincent, Dienststellenleiter der Volksschule Luzern, sei diese Zunahme eher ein städtisches Phänomen. «Im Vergleich mit den ländlichen Regionen ist es den Eltern in urbanen Gebieten wichtiger, dass ihr Kind an ein Gymnasium geht.» Er führt aus: «Im Durchschnitt haben städtische Eltern auch einen höheren Bildungsabschluss. Das Gymnasium stellt für sie immer noch den Königsweg in der Sekundarstufe 2 dar, obwohl heute auch andere Wege zu einem Studium an der Hochschule führen.» Zudem gebe es auf dem Land mehr Arbeitsplätze, die eine Lehre erfordern.

Der Anstieg der kantonalen Übertrittsquote in der Höhe von rund 1,5 Prozent lässt sich laut Vincent auf drei Gemeinden zurückführen: Aus Horw gab es im Vergleich zum Schuljahr 2018/19 neun Kantonsschüler mehr, aus Sursee deren zehn und aus der Stadt Luzern 31. Die drei Gemeinden haben ein unterschiedliches Sekundarschulsystem: Die Stadt Luzern unterrichtet im integrierten, Sursee im kooperativen (KSS) und Horw im getrennten Strukturmodell (GSS). Vincent schliesst daraus: «Die Zunahme der Übertrittsquote hängt nicht mit einem bestimmten Modell zusammen. Der Anstieg war zwar in der Stadt in absoluten Zahlen am höchsten, doch es gibt auch integrierte Sekundarschulen, die eine leichte Abnahme der Übertrittsquote verzeichneten.»

Zu beachten sei jedoch, dass sich in kleineren Gemeinden die Entscheidung einzelner Schüler stärker auf die Anteilswerte auswirkt, sagt Vincent. Darum sei der langfristige Trend in der Stadt Luzern klarer festzumachen als jener in Sursee und Horw, wo es grössere Schwankungen gibt.

«Keine zusätzlichen Massnahmen»

Derzeit würden angesichts der rekordhohen Übertrittsquote ins Gymnasium noch keine zusätzlichen Massnahmen ergriffen, sagt Vincent. «Mit Infoveranstaltungen bei den Übertrittsgesprächen orientieren wir Eltern und Schüler schon länger über die verschiedenen Wege nach der Primarschule – und machen dabei sowohl auf die Sekundarschule und die anschliessenden Berufsbildungswege als auch auf das Gymnasium und die anschliessenden Studienwege aufmerksam.» Andere Massnahmen seien erst angebracht, wenn sich der Trend fortsetzen würde und eine grössere Maturitätsquote zur Folge hätte. Momentan liege diese aber im Schweizer Durchschnitt.

Niveauzuteilung: Französisch top ­– Mathematik flop

 Von den 375 Schülern in der Stadt Luzern belegen über 40 Prozent im Fach Mathematik das tiefste Niveau. Rektorin Vreni Völkle erklärt: «Mathematik ist ein selektionsbestimmendes Fach, weshalb die Primarschüler viele Tests ablegen müssen.» Zudem zeige sich, dass viele gute Mathematikschüler in die Kantonsschule wechseln und folglich im Niveau A fehlen – das erklärt den mit 30 Prozent geringen Anteil im höchsten Niveau der Sek.

Im Deutsch, Französisch und Englisch zeigt sich eine andere Situation: Mindestens 40 Prozent belegen das Niveau A –gerade für das Französisch eine erstaunliche Einteilung. «Weil das Fach in der Primarschule nur zwei Jahre unterrichtet wird, fehlen längere Beurteilungsperioden und die Einstufung wird im Zweifelsfall eher etwas zu hoch angesetzt», sagt Völkle. «Schliesslich wollen wir den Schülern die Freude an der Sprache lassen.» Die Folge: Französisch ist das Fach, in dem es in der Sekundarschule die meisten Niveau-Wechsel gibt. Die Situation reguliere sich damit von selber. (jus)