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REKORDDORF: Hier ist die Minderheit spitze

Nirgends im Kanton Luzern gibt es mehr Reformierte als in Wikon; zumindest prozentual. Dennoch müssen die Protestanten bei den Katholiken Gastrecht nutzen.
Roseline Troxler
Der Synodale Peter Aeschlimann und die reformierte Pfarrerin Barbara Ingold vor der katholischen Kirche in Wikon. (Bild Nadia Schärli)

Der Synodale Peter Aeschlimann und die reformierte Pfarrerin Barbara Ingold vor der katholischen Kirche in Wikon. (Bild Nadia Schärli)

Roseline Troxler

Wikon ist Spitzenreiter. Nähert man sich der Gemeinde, die idyllisch an der Kantonsgrenze zwischen Luzern und Aargau liegt, erahnt man allerdings nicht, in welchem Bereich das Dorf einen Rekord aufweist. Schon von weitem sichtbar ist der moderne, offene Kirchturm mit einem Kreuz. Er liegt im Zentrum der kleinen Landgemeinde. Trotz der stolzen Kirche: Das 1487-Seelen-Dorf hat prozentual am wenigsten Katholiken im ganzen Kanton. Dafür leben in keiner Luzerner Gemeinde mehr Reformierte als in Wikon. 26,2 Prozent der Einwohner sind gemäss den aktuellsten Zahlen von Lustat Statistik Luzern reformiert. Dies sind deutlich mehr als der kantonale Durchschnitt, der bei 10,6 Prozent liegt. Zum Vergleich: Am anderen Ende der Skala befindet sich Doppleschwand mit nur 3 Prozent Reformierten (Einwohner: 744). Hier sind dafür 90,3 Prozent der Einwohner katholisch – so viele wie nirgends sonst im Kanton.

Berner kauften Liegenschaften

Obwohl in Wikon 389 Reformierte leben, gestaltet sich die Suche nach ihnen schwieriger als erwartet. Erstaunt stellt man als Auswärtiger fest: In Wikon sucht man vergebens nach einer reformierten Kirche.

Die protestantische Bevölkerung in Wikon gehört der Kirchgemeinde Reiden und Umgebung an. Dazu gehören die Gemeinden Reiden, Wikon, Pfaffnau und Roggliswil. Weder im Pfarramt noch im Kirchenvorstand gibt es Vertreter aus Wikon. In der Synode, dem kantonalen Parlament der Reformierten, wird man schliesslich fündig: Peter Aeschlimann (71) vertritt seit zehn Jahren Wikon auf kantonaler Ebene. Die grosse Zahl Reformierter in seiner Gemeinde führt er auf das 19. Jahrhundert zurück. «Zu jener Zeit hat sich die Wirtschaft im Kanton Luzern in der Krise befunden. Viele Bauern konnten ihre Liegenschaften nicht halten und mussten diese veräussern», weiss er. Dies kam den finanziell besser gestellten Bernern gelegen, und sie konnten Liegenschaften kaufen, so Aeschlimann. Denn Wikon liegt nicht nur an der Grenze zum Aargau, sondern auch einen Katzensprung vom Kanton Bern entfernt. Später wurden mit der Ansiedlung von Gewerbe und Industrie im Wiggertal zusätzliche Arbeitskräfte aus benachbarten Kantonen angezogen.

Die hohe Zahl an Protestanten geht laut Aeschlimann aber auch auf die jüngere Geschichte zurück. In Zofingen gibt es viel Industrie. Nur gerade eine sechsminütige Autofahrt trennt die Gemeinde von Wikon. «Wir sind Zofingen-orientiert. Für Familien ist es ideal, hier zu leben und in Zofingen zu arbeiten.» Und da der Kanton Aargau mehrheitlich reformiert ist, zogen in den letzten Jahren immer wieder Reformierte vom Aargau nach Wikon, sagt Aeschlimann.

Wanderungsbewegungen finden allerdings auch in die andere Richtung statt: Die Zahl der Reformierten in Wikon ist eher rückläufig, sagt die reformierte Pfarrerin Barbara Ingold Becker und ergänzt: «Während des Zweiten Weltkriegs war der Anteil der Reformierten in Wikon mit beinahe 50 Prozent auf einem Höchststand.» Gewachsen ist seither die Zahl der Konfessionslosen oder der Mitglieder anderer Religionsgemeinschaften. Sie liegt in Wikon aktuell bei rund einem Drittel – und ist damit höher als der Anteil der Reformierten.

1926: Staatliche Anerkennung

Bis Ende des 18. Jahrhunderts hatten Reformierte im Kanton Luzern einen schweren Stand. Vor 1798 wurden sie hier nicht geduldet. Im Oktober 1798 schliesslich fand erstmals ein protestantischer Gottesdienst im Kanton Luzern statt – ausgerechnet in der Jesuitenkirche in der Stadt Luzern. Der Protestantenverein Reiden und Umgebung wurde schliesslich im Februar 1914 aus der Taufe gehoben. Bis zur eigentlichen Gründung der Kirchgemeinde verstrichen aber weitere 12 Jahre. Barbara Ingold erklärt: «Eine staatliche Anerkennung der reformierten Kirchgemeinden war erst mit Änderung der Luzerner Verfassung von 1925 möglich.» Damit konnten die Kirchgemeinden auch Kirchensteuern erheben. Das ganze Kantonsgebiet wurde in zehn Kirchgemeinden eingeteilt. «Anfangs erhielten die Kirchgemeinden Unterstützung aus reformierten Kantonen und Hilfsvereinen, weil sie finanziell noch nicht auf eigenen Beinen standen», erklärt Regina Hauenstein. Sie ist bei der Reformierten Kirche Kanton Luzern für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig.

Heute keine Feindschaften mehr

Peter Aeschlimann lebt seit 46 Jahren in Wikon. Vor allem während seiner Kindheit in Reiden mag er sich an Feindschaften zwischen Reformierten und Katholiken erinnern. «Heute ist das Zusammenleben friedlich, die unterschiedlichen Religionszugehörigkeiten spielen keine Rolle mehr», erzählt er. Die katholische Kirche hat den Reformierten gar Hand geboten. Aeschlimann führt aus: «Seit drei Jahren finden die monatlichen Abendgottesdienste im Winterhalbjahr regelmässig in der katholischen Kirche statt.» Zuvor nutzten die Protestanten das Schulhaus oder gar Kellerräume, um Gottesdienste abzuhalten. «Die Kirche macht den Gottesdienst natürlich viel feierlicher, auch ein Organist ist anwesend.» Laut Regina Hauenstein gilt in vielen Kirchgemeinden zwischen Reformierten und Katholiken ein gegenseitiges Gastrecht.

Grundstück wieder ausgezont

Die Reformierten in Wikon haben sich damit arrangiert, keine eigenen Räumlichkeiten zu haben. Dies war nicht immer so: 1969 war ein Gemeindemitglied bereit, der Kirchgemeinde ein Grundstück in der Bauzone zu einem günstigen Preis zu verkaufen. Der Kauf konnte abgeschlossen werden. Projekte fanden aber keine Mehrheiten. Mit der Auszonung des Grundstücks vor einigen Jahren schwand die Hoffnung auf einen eigenen Kirchenbau. Aeschlimann erzählt: «Heute sind wir zufrieden mit der Situation.» Die Mehrheit der Gottesdienste findet in der Reformierten Kirche in Reiden statt. In zwei Jahren wird diese 80-jährig.

Nicht nur räumlich haben sich die Katholiken und die Reformierten im Wiggertal angenähert, sondern auch musikalisch. Seit rund einem Jahr gibt es einen gemischten Kirchenchor. «Sowohl der reformierte wie auch der katholische Kirchenchor haben sich aufgrund von Mitgliedermangel aufgelöst», sagt Aeschlimann. Der ökumenische Projektchor begleitet nun sechs Gottesdienste pro Jahr – reformierte wie katholische. Jeweils vor den Auftritten wird geprobt.

Landschaft in der Unterzahl

Gut 40 Kilometer ist Wikon von der Stadt Luzern entfernt. Doch viele Entscheide fällt das Kirchenparlament dort. Peter Aeschlimann vertritt in der Synode die Interessen der Kirchgemeinde Reiden und Umgebung. Im vergangenen Jahr beschäftigte sich das reformierte Parlament vor allem mit der neuen Kirchenverfassung. Die Synode hat sich dafür ausgesprochen, die Macht der Kirchgemeinde Luzern einzudämmen. Denn bisher hatte sie im Parlament die Mehrheit. «Wir vom Land waren mit unseren Forderungen ab und zu die Bösen», sagt Aeschlimann dazu, betont aber: «Es kann nicht sein, dass die Stadt regiert und wir nur zu akzeptieren haben.»

Und wie sieht es mit dem Machtgefüge innerhalb der Kirchgemeinde Reiden aus? «In Wikon eine eigene Kirchgemeinde ins Leben zu rufen, war nie Thema», sagt Aeschlimann. Anders als auf politischer Ebene sei die Zusammenarbeit in der Kirchgemeinde immer problemlos gewesen, fährt er fort. Peter Aeschlimann muss es wissen, sass er doch während 14 Jahren in der Wikoner Exekutive. Aber nochmals: Weshalb sind die Wikoner Rekordhalter in den Ämtern der reformierten Kirchgemeinde – abgesehen von der Synode – so schlecht vertreten? «Zufall», sagt Aeschlimann. «Jahrelang präsidierte ein Wikoner den Kirchenvorstand.»

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