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RELIGION: Die Kirchen im Höhenrausch

Kirchtürme sind Quartiermittelpunkte, kindliche Sehnsuchtsorte oder Machtsymbole. Nun wollen die Gemeinden sie vermehrt für die Bevölkerung öffnen.
Remo Wiegand
Apéro-Tische unter der tonnenschweren Glocke. Der Kirchturm Maihof ist einer der wenigen, die regelmässig genutzt werden. (Bild Boris Bürgisser)

Apéro-Tische unter der tonnenschweren Glocke. Der Kirchturm Maihof ist einer der wenigen, die regelmässig genutzt werden. (Bild Boris Bürgisser)

Remo Wiegand

Die Stadt Luzern zählt rund zwanzig Kirchen mit Türmen. Regelmässig bimmeln darin die Glocken. Dafür und für die Zeitanzeige wurden die Türme ursprünglich errichtet. Während Letzteres heute nicht mehr nötig ist und Ersteres ab und an für Diskussionsstoff sorgt, erfreuen sich die Bauwerke an sich grosser Beliebtheit. «Das Besteigen eines Kirchturmes ist für viele ein sehr eindrückliches, nicht zuletzt spirituelles Erlebnis, von dem manche noch Jahrzehnte danach zu erzählen wissen», erzählt Marcel Köppli, reformierter Pfarrer in Luzern.

Türme sind oft ungenutzt

Dafür, dass sie so populär sind, werden die Kirchtürme eher wenig genutzt. Zumindest bislang. Der Aufstieg in den Turm gilt Ministranten, Schülerinnen oder Konfirmanden jeweils als rarer Höhepunkt eines Jahres oder gar der ganzen Religionsunterrichts-Karriere. In der Hofkirche gibt es etwa monatlich Führungen – Tendenz abnehmend –, die auch die Glockenstube des Nordturms streifen.

Im Turm der Pauluskirche wird Neuzuzügern alljährlich ein Begrüssungs-Apéro serviert. Ein Kirchturm, der frei zugänglich wäre und auch Touristen eine Rundsicht über die Dächer der Stadt, über See und Berge böte, fehlt im Gegensatz zu anderen Schweizer Städten in Luzern. «Der Zugang zum Dachstock über der Glockenstube ist an der Hofkirche zu steil und zu schmal», sagt der Kommunikationsbeauftragte der Katholischen Kirche Stadt Luzern, Urban Schwegler, zur Hofkirche. Ausserdem seien die Glocken schlicht zu laut. «Selbst beim Viertelstundenschlag braucht es einen Gehörschutz.»

Führungen, Apéros, Abseilen

Sicherheitsbedenken verhinderten auch bei der Maihof-Kirche lange Zeit eine weitergehende Turmnutzung. Doch vor sieben Jahren, als der Turm für 1,1 Millionen Franken saniert wurde, ergriff man die Chance, ihn auch gleich für die Bevölkerung zugänglicher zu gestalten: «Neben der Turmsanierung wurden ein neues Geländer und Absturzsicherungen eingebaut», berichtet Roland Feer, SBB-Lokführer und freiwilliger Turmwart der Maihof-Kirche. Ein grosses Turmfest läutete damals die neue Ära des 34 Meter hohen Quartier-Wahrzeichens ein. Seither finden regelmässig Führungen und gelegentlich Apéros im Turm statt. Ebenso wird er vermehrt geschmückt, sei es mit Slogans in der Fastenzeit oder auch mal mit Fussbällen während einer Europameisterschaft. Schliesslich haben sich auch schon Kletterer des Schweizerischen Alpen-Clubs im Rahmen eines gottesdienstlichen Rituals vom Turm abgeseilt.

Nicht nur im Maihof geht man bei der Turmnutzung neue Wege. Über der zentral gelegenen reformierten Lukas-Kirche, deren Turm leicht zugänglich ist, werden vereinzelt Apéros aufgetischt, in Zusammenarbeit mit dem Quartierverein und musikalisch sekundiert von den so genannten Turmbläsern. Sogar Kinder durften sich vom Lukas-Turm schon abseilen. Auch die katholische Pfarrei St. Karl zieht es vermehrt in die Höhe. «Die wunderbare Lage unseres Turmes spricht dafür, ihn vermehrt zu nutzen», sagt Pfarrei-Geschäftsführer Armin Huber. Ihm schweben «attraktive Events» vor mit einem Apéro auf der Kirchenterrasse, einem Orgelspiel und – als Höhepunkt – einer Begehung des markanten Kirchturms. «Das soll Leute ansprechen, die bisher keinen grossen Zugang zur Kirche hatten», so Huber. Noch wird der 43 Meter hohe Kirchturm nur als Glockenturm genutzt.

Skurriles rund um Kirchtürme

rw. Luzerns Kirchtürme warten mit allerlei Geschichten und kleinen Geheimnissen auf. Der älteste Turm der Stadt Luzern, jener der Hofkirche, birgt zum Beispiel das Fernwerk der Orgel, das den besonderen Hall und Klang im Kirchenraum erzeugt.

Ebenso ist im Nordturm die Christusfigur gelagert, die jeweils an Auffahrt dramatisch durch die Kirche fliegt, während sie in den Dachstock gezogen wird.

Männliche Grössenfantasien

Luzerns Kirchentürme sind Männersache. Die Wirklichkeit scheint dem Klischee von Türmen als Orten männlicher Grössenfantasien in nichts nachzustehen. In der Hofkirche sind es die sogenannten Hofgeissen, denen alle Arbeiten in und am Turm obliegen.
Es sind dies ehemalige Absolventen der Hofschule, die 1966 ihre Pforten schloss (ihr Name erinnert an die Ziegenfelle, die sie für Dienste in der Kirche trugen, wenn zum Teil mitten in der Nacht Gottesdienste stattfanden). Bis heute sind es die leicht geheimbündlerischen Hofgeissen, die exklusiven Zutritt zum Turm haben. Sie bringen dort jeweils die Fahnen zum 1. August oder zum Bettag an oder betätigen die schaurige Rätsche am Karfreitag, wenn die Glocken schweigen.
Im Maihof-Turm sind es sechs Turm-Männer, die sich um ähnliche Aufgaben kümmern. «Das hat sich so ergeben», sagt Turmwart Feer, «meistens gehen wir nach den Arbeiten halt noch ein Bier trinken.»
Man wäre zwar durchaus offen für Frauen, manchmal sei bei gewissen Arbeiten aber schon etwas Kraft gefragt, so Feer. Auch in der Pfarrei St. Karl scheint dem Vernehmen nach bereits eine traditionell männlich dominierte Gruppe ein Auge auf den Turm geworfen zu haben: die Karli-Samichläuse.

Auch bei Vögeln beliebt

Die exponierte Lage der Kirchtürme gefällt auch Vögeln. Die geschützten Alpensegler und Fledermäuse schätzen sie als Nistplätze. In der Kirche St. Paul registrieren Experten der Vogelwarte Sempach und Fledermaus-Spezialisten dreimal jährlich deren Population. «Jede bauliche Veränderung muss an diese Stellen gemeldet werden, und vor allzu vielen Veranstaltungen sollten wir ihrer Meinung nach absehen», berichtet Pfarrer Leopold Kaiser.

Derweil verstanden im Maihof-Turm andere, weniger seltene und weniger beliebte Vögel die Attraktivitätssteigerung von 2009 als Einladung: Tauben. Ihr Kot ziert seither oft das Turminnere. Auch diese Drecksarbeit erledigen die Männer.

Kirchgemeinde mit Bedenken

Der geplante Höhenflug der Pfarrei St. Karl könnte indes gebremst werden. Die Kirchgemeinde der Stadt Luzern, der die kirchlichen Räume gehören, beobachtet das Ansinnen mit Skepsis. Das Stufenverhältnis des dortigen Turms sei zu gefährlich, das Geländer nicht sicher genug, überhaupt der Zugang nur für den Unterhalt an Glocken- und Uhrwerk gedacht, wendet Stefan Meyer ein, kirchgemeindlicher Bau- und Infrastruktur-Verantwortlicher.

Der St.-Karli-Turm könne «aus baulichen und finanziellen Gründen» auch künftig nicht für die breite Bevölkerung geöffnet werden, so Meyer. 2012 wurde die Kirchen- und Turmfassade saniert, ohne dass wie im Maihof auch gleich das Innenleben des Turms mitbedacht worden wäre. Die Kosten einer nachträglichen Renovation wären angesichts eines bescheidenen Nutzens zu hoch. «Unser Fokus gilt derzeit anderen kirchlichen Gebäuden, wie dem Umbau der Peterskapelle», argumentiert Meyer. Ein vermehrtes Bedürfnis an der Basis, die Kirchtürme zu besteigen, macht er nicht aus.

Interesse hält sich noch in Grenzen

Tatsächlich wird auch der Maihof-Turm derzeit noch nicht gerade von Interessenten überrannt. Apéros, zum Beispiel von Quartiergruppen, finden etwa alle drei Monate statt.

Turmwart Roland Feer vermutet, dass der relativ grosse Aufwand (alle Apéro-Zutaten und das Geschirr müssen hinaufgetragen werden) und die Witterungsbedingungen (durch Öffnungen in der Turmverkleidung dringen Wind und Wetter hinein) weitere Interessenten abhält. Jene entdeckungsfreudigen Gruppen, die den Gang nach oben bereits angetreten haben – darunter Lehrer, Tauffamilien oder auch seine Lokführerkollegen –, hätten es aber nicht bereut. «Man hat eine zünftige Rundsicht von hier oben», wirbt Feer.

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