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RELIGION: Exodus aus Kirchen geht weiter

Im Kanton Luzern gibt es mittlerweile mehr Konfessionslose als Reformierte. Und bei den Katholiken sorgt ein beliebter Papst allein nicht für eine Trendwende.
Immer mehr wenden sich von der katholischen Kirche ab. (Symbolbild Neue LZ)

Immer mehr wenden sich von der katholischen Kirche ab. (Symbolbild Neue LZ)

Die römisch-katholische Kirche leidet an Mitgliederschwund. Daran hat auch der frische Wind von Papst Franziskus nichts geändert, wie eine neue Studie des Schweizerischen Pastoralsoziologischen Instituts (SPI) zeigt. Franziskus sitzt seit März 2013 auf dem heiligen Stuhl, die Zahl der Kirchenaustritte von Katholiken in der Schweiz nahm bis Ende 2013 aber weiter zu. Zahlen aus 18 Kantonen zeigen: Pro 1000 Kirchenmitglieder sind 8 ausgetreten. Im Kanton Luzern sank die Mitgliederzahl innerhalb des letzten Jahres zwar moderat um 0,1 Prozent auf 252 812 Personen (bei 390 349 Einwohnern), eine Trendwende ist aber nicht in Sicht, so die Studie. Nur leicht abgenommen hat die Mitgliederzahl der Luzerner Evangelisch-Reformierten: nämlich gerade einmal um 11 auf 42 908 Personen.

6 Prozent weniger in 12 Jahren

Über einen längeren Zeithorizont betrachtet ist der Mitgliederschwund in beiden grossen Kirchen beträchtlich. Im Jahr 2000 waren 71,2 Prozent der über 15-Jährigen im Kanton Luzern römisch-katholischen Glaubens, im Jahr 2012 waren es noch 64,8 Prozent, wie aus Zahlen des Bundesamts für Statistik hervorgeht. Der Anteil der Evangelisch-Reformierten sank in den zwölf Jahren von 11,8 auf 11 Prozent.

Zugenommen hat in diesem Zeitraum vor allem die Zahl der Konfessionslosen: um 7,5 Prozent auf 44 096. Damit gibt es in Luzern mehr Konfessionslose als Reformierte. Ebenfalls zugenommen hat die Zahl der Personen islamischen Glaubens: um 0,8 Prozent auf 13 185. Das sind nur unwesentlich weniger als Angehörige eines anderen christlichen Glaubens. 13 367 gehörten 2012 zum Beispiel einer Freikirche an; 0,8 Prozent mehr als 2000.

Schweizweit betrachtet hat sich der Anteil der Konfessionslosen zwischen 2000 und 2012 beinahe verdoppelt. Mittlerweile ist mehr als ein Fünftel (21,4 Prozent) konfessionslos. In der Stadt Basel sind bereits 44,2 Prozent konfessionslos. Dieser Trend dürfte weitergehen, schreibt das SPI. Und macht folgende Faktoren dafür verantwortlich: vermehrte Kirchenaustritte, Abnahme der Kindstaufen und Anstieg des Anteils von Migranten aus EU-Staaten, die keiner Religion angehören.

Freidenker: «Überholte Predigten»

Daniel Annen ist konfessionslos und Präsident der Freidenker Zentralschweiz, einer Vereinigung, die sich unter anderem für die Trennung von Kirche und Staat einsetzt. Annen sieht für die schwindenden Mitgliederzahlen der Landeskirchen vor allem einen gesellschaftlichen Trend: «Wir haben das Zeitalter des Individualismus. Immer mehr Leute machen sich ihre eigenen Gedanken – auch was den Glauben betrifft.» Während die Kirchen ihre Ansichten bewahrten, entwickle sich die Wissenschaft und damit auch das Wissen jedes Einzelnen weiter. Als Beispiel nennt Annen das nahende Weihnachtsfest: «Vielen Menschen bedeutet das Fest ein gemütliches Zusammensein im Kreis der Familie, aber nicht das Feiern der Geburt Jesu.» Solche Traditionen verwässern sich auch, «weil immer mehr Leute selbst Antworten suchen, statt vorgefertigte und überholte Predigten zu übernehmen».

Bergen die Austritte aus den Landeskirchen nicht die Gefahr, dass vermehrt radikale Glaubensgemeinschaften Zulauf finden? «Nein», sagt Annen, «wer sich nicht nur von Strukturen löst, sondern sich auch von einem festen Bild über eine göttliche Macht, kann zum Beispiel auch mit einem radikalen Islam nichts anfangen.»

Kirche bietet «Glaube an, wie er ist»

Auch Adrienne Suvada, Sprecherin des Bistums Basel, zu dem unter anderem Luzern und Zug gehören, glaubt nicht, dass durch den Mitgliederverlust radikale Gruppierungen mehr Zulauf finden. Der Rückgang der Mitgliederzahlen sei Ausdruck der gesellschaftlichen Veränderungen: «Die Individualität und die persönliche Freiheit werden sehr hoch gewichtet, trotzdem hat die Religion immer noch ihre Bedeutung.»

Was macht das Bistum Basel, um den Rückgang zu stoppen? Suvada: «Die Kirche bietet den Glauben den Menschen an, so wie er ist. Es gibt immer wieder Aktionen und Kampagnen, aber schlussendlich muss jeder Mensch frei entscheiden können, ob er diesen Glauben annehmen will oder nicht.» Die Kirche könne aber über ihre Mitarbeiter ein positives Bild vermitteln, das helfen kann, Gläubige zu gewinnen oder zumindest nicht zu verlieren. Das gelte auch für den Papst: «Er allein kann keine Trendwende auslösen, aber wenn die Menschen ein positives Bild von der Kirche haben, so ist das schon mal ein gutes Zwischenergebnis.»

Franziskus-Effekt eine Illusion

«Es gibt keinen Franziskus-Effekt in Bezug auf die Austritte», sagt auch Giuseppe Gracia, Sprecher des Bistums Chur. «Die Leute gehen nicht in die Kirche oder treten aus ihr aus wegen des Papstes», sagt Gracia weiter. Dass auch die Reformierten – ohne Papst, Zölibat, dafür mit stetigen Anpassungen – Mitglieder verlieren, sei für das Bistum Chur ein Zeichen, dass die oft geforderten Reformen nicht zu mehr Mitgliedern führen würden. «Im Gegenteil, die römisch-katholische Kirche verzeichnet weltweit einen jährlichen Zuwachs um 14 Millionen Mitglieder.»

Warum treten in der Schweiz dann seit Jahren Mitglieder aus? Gracia kann dafür keine Gründe nennen. Schliesslich werden Ausgetretene auch nicht danach befragt – aus Rücksicht auf die Religionsfreiheit. Was nicht heisse, dass die Menschen unreligiös werden. Sonst hätten etwa Freikirchen keinen Zulauf, «und auch Atheisten stehen ja für Werte wie Freiheit und Menschenwürde ein, also christlich geformte Werte».

Das Problem sei, dass heute viele eine Art Supermarkt-Religion praktizierten, die nach eigenen Vorstellungen funktioniere, passend zum gerade angesagten Lebensstil. «Das aber ist eigentlich die Auflösung von Religion», sagt Gracia. «Denn wenn der Mensch Religion selber macht, ist sie keine Rückbindung an etwas Grösseres, Unverfügbares mehr und kann auch nicht aus der Enge des eigenen Ich befreien.»

Die vermeintliche Verbitterung weicht bei Gracia aber schnell der Hoffnung: «Fragt man Jugendliche nach ihren Wünschen für die Zukunft, kommen Liebe und Familie an erster Stelle, die Karriere folgt danach. Diese Sehnsucht nach echter Beziehung, nach einer Liebe, die stärker ist als die Zumutungen der Welt, das ist christlich und kann auch bei Älteren jederzeit wiederwachen.»

Alexander von Däniken

Konfessionen im Kanton Luzern

Die Zahlen aus dem Jahr 2012 des Bundesamtes für Statistik geben weiteren Aufschluss über die Religions- und Konfessionszugehörigkeiten im Kanton Luzern. Sie zeigen unter anderem auf, dass Konfessionslose anteilsmässig am meisten Führungskräfte stellen:

  • 51,4 Prozent der rund 253 000 Katholiken sind Frauen. 89,5 Prozent der Katholiken sind Schweizer und 6 Prozent Führungskräfte.
  • 54,3 Prozent der rund 43 000 Reformierten sind Frauen. 90,3 Prozent der Reformierten sind Schweizer und 8,1 Prozent Führungskräfte.
  • 50 Prozent der Angehörigen anderer christlicher Glaubensgemeinschaften sind Frauen. 57,1 Prozent sind Schweizer, 29,6 Prozent stammen aus europäischen Ländern, die nicht zur EU/Efta gehören, zum Beispiel Serbien, Albanien oder die Türkei.
  • 44,8 Prozent der Muslime sind Frauen. 31 Prozent der Muslime sind Schweizer, 55,8 Prozent stammten aus europäischen Nicht-EU- oder -Efta-Staaten. 54,6 Prozent der Konfessionslosen sind Frauen. 75,8 Prozent der Konfessionslosen sind Schweizer und 9,2 Prozent Führungskräfte.

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