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RELIGION: Luzerner Juden am Wendepunkt

Die Jüdische Gemeinde Luzern will sich nach stetigem Mitgliederschwund wieder aufrappeln. Doch viele sind mit der streng orthodoxen Ausrichtung nicht einverstanden.
Robert Knobel
Oben: die Luzerner Synagoge. Unten: Rabbiner Chaim Drukman beim Religionsunterricht mit einem «Shofar». Das Widderhorn wird beim jüdischen Neujahrsfest gebraucht. (Bilder Stefan Kaiser/PD)

Oben: die Luzerner Synagoge. Unten: Rabbiner Chaim Drukman beim Religionsunterricht mit einem «Shofar». Das Widderhorn wird beim jüdischen Neujahrsfest gebraucht. (Bilder Stefan Kaiser/PD)

Robert Knobel

Um die Jüdische Gemeinde Luzern (JGL) ist es in den letzten Jahren still geworden. Gab es noch bis in die Neunzigerjahre ein sichtbares jüdisches Leben im Luzerner Bruchquartier – mit Synagoge, Koschergeschäft, Kindergarten und zeitweise bis zu 160 Familien –, so umfasst die JGL heute gerade noch 40 Mitglieder. Das heisst aber nicht, dass es in Luzern immer weniger Juden gibt. In der Zentralschweiz leben gemäss einer Schätzung des Bundesamts für Statistik rund 750 Personen jüdischen Glaubens. Das ist sogar mehr als noch vor einigen Jahren.

Gemischtreligiöse Paare sind tabu

Die meisten von ihnen sind säkulare Juden, die sich in ihrer Lebensweise kaum von ihren Nachbarn unterscheiden. Viele von ihnen haben die JGL mittlerweile verlassen oder sind als Neuzuzüger gar nie der Gemeinde beigetreten. Denn die JGL hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einer ultraorthodoxen Gemeinschaft gewandelt. So wird beispielsweise nicht akzeptiert, dass ein Gemeindemitglied einen nichtjüdischen Partner heiratet, und Frauen haben bei der Generalversammlung kein Stimmrecht. Schon vor längerem wurde zudem geschlechtergetrennter Religionsunterricht eingeführt. Die ultraorthodoxe Haltung habe immer mehr dominiert, für liberale Juden gebe es in dieser Gemeinde keinen Platz mehr, beklagt ein langjähriges Mitglied. «Mit den Ultras ist kein ‹dazwischen› mehr möglich, Kompromisse werden keine gemacht.»

Aber wie die moderaten Christen haben auch säkulare Juden das Bedürfnis nach spirituellen Angeboten. In diese Lücke trat 2003 die charismatische Gemeinschaft Chabad. Eines der Hauptziele der weltweit tätigen Organisation ist es, Juden den Zugang zu religiösen Angeboten zu ermöglichen – und dies unabhängig von religiöser Ausrichtung und Lebensstil. Chef des Luzerner Ablegers von Chabad ist der aus Israel eingewanderte Rabbiner Chaim Drukman. Gemäss seinen Angaben nehmen rund 150 Familien aus der ganzen Zentralschweiz regelmässig an den Aktivitäten teil. Das heisst, sie feiern zusammen hohe Feste wie Pessach oder Yom Kippur, treffen sich zu Sabbat-Gottesdiensten, und wer will, kann seine Kinder in den jüdischen Religionsunterricht schicken.

Ein «fremder» Rabbi übernimmt

Drukman rutscht zunehmend in die Rolle des offiziellen Vertreters der Luzerner Juden. Denn die JGL kann sich schon längst keinen eigenen Rabbi mehr leisten, und auch die Talmudhochschule in Kriens – eine Ausbildungsstätte für künftige Rabbiner – ist seit 2015 geschlossen. Chaim Drukman ist somit der einzige in Luzern tätige Rabbiner. Er organisiert öffentliche Chanukka-Feiern auf dem Bahnhofplatz, besucht jüdische Gefängnisinsassen und Patienten im Spital und ist Ansprechpartner von Behörden in jüdischen Belangen. Als vor zwei Jahren israelische Touristen mit einem Bus in Wolfenschiessen schwer verunfallten, wurde er als Seelsorger geholt – obwohl es sich bei den Opfern um israelische Araber handelte.

Faktisch haben sich in den letzten Jahren also zwei parallele jüdische Strukturen in Luzern herausgebildet – eine kleine, konservative Gemeinde (JGL) und ein lockerer Zusammenschluss für den grossen Rest (Chabad). Ist diese Entwicklung wünschenswert? Chaim Drukman sagt dazu: «Im Moment kümmern wir uns tatsächlich um einen Grossteil der jüdischen Belange in Luzern. Die JGL ist aber immer noch für die Synagogen-Gottesdienste verantwortlich.» Letzteres ist für die JGL denn auch entscheidend, wie deren Vizepräsident Meir Shitrit betont. «Als Besitzerin der Synagoge sehen wir uns nach wie vor als offizielle Vertreterin der Luzerner Juden.»

Ausrichtung nicht unumstritten

Meir Shitrits Frau Michelle fügt hinzu, dass es in Luzern trotz der schrumpfenden Gemeinschaft nach wie vor ein Gemeindeleben gebe. «Wir betreuen ältere Mitglieder, leisten Sterbebegleitung und kümmern uns um den Unterhalt der Infrastruktur mit Synagoge, Gemeindehaus, Friedhof und rituellem Bad.» Oft werde die JGL auch von jüdischen Personen aus dem Ausland um Hilfe gebeten, die sich in Luzern medizinisch behandeln lassen wollen. Dass ein Grossteil der einheimischen Juden gar nicht mehr Mitglied der JGL ist, habe mit deren Lebensstil zu tun, der nicht mit einer orthodoxen Gemeinde vereinbar sei. Allerdings ist diese strenge Ausrichtung selbst innerhalb der JGL nicht unumstritten. Es gibt Mitglieder, die mit den strengen Regeln wenig anfangen können und nur deshalb noch in der Gemeinde sind, damit sie einen Platz auf dem jüdischen Friedhof erhalten.

Ziel: Neue Familien anlocken

Bei der JGL selber ist man sich denn auch bewusst, dass sich einiges ändern muss, wenn man nicht bald noch die letzten Mitglieder verlieren will. Meir Shitrit ist mit dem Anspruch angetreten, die Gemeinde finanziell zu sanieren, zu verjüngen und zu vergrössern. Sein Ziel ist es, neue jüdische Familien nach Luzern zu bringen (Ausgabe vom 30. April). Sukzessive soll wieder eine jüdische Infrastruktur aufgebaut werden – mit eigenem Rabbi, koscheren Lebensmitteln und vielleicht sogar einer eigenen Schule. «Erst wenn es wieder ein funktionierendes Angebot gibt, wird Luzern für Juden wieder attraktiv», sagt Meir Shitrit.

Bis es so weit ist, versucht die Gemeinde, etwa mit vergünstigtem Wohnraum Neuzuzüger anzulocken. Zudem sorgt sie dafür, dass es wieder häufiger Gottesdienste in der Synagoge gibt. Dazu werden junge Juden aus Israel und Europa jeweils für einige Wochen in Luzern einquartiert. Sie besuchen mehrmals täglich die Synagoge. Ausserdem reisen seit einigen Monaten auch Juden aus Zürich nach Luzern, um die Gottesdienste zu besuchen.

Gemeinde bleibt streng orthodox

Meir Shitrit macht allerdings keinen Hehl daraus, dass er an der orthodoxen Ausrichtung der Gemeinde strikte festhalten will. Als Neuzuzüger kommen denn auch vor allem orthodoxe Juden aus dem Ausland in Frage. Eine erste Familie aus Frankreich sei vor wenigen Wochen angekommen, sagt Shitrit. «Und für eine zweite Familie sieht es ebenfalls gut aus.»

Es gibt auch Überlegungen, in der Luzerner Synagoge ein Lerninstitut für junge Erwachsene zu eröffnen, in dem Tora- und Talmudstudium betrieben wird. Dies quasi als Ersatz der geschlossenen Hochschule in Kriens. Meir Shitrit sagt, man sei dabei, eine Bewilligung zu beantragen. «Im Moment fehlt uns aber noch das Geld dazu.» Auch ein Shuttlebus, der Kinder in die jüdische Schule nach Zürich chauffieren soll, steht auf der Wunschliste, ist im Moment aber nicht finanzierbar.

«Die Synagoge ist für alle offen»

Es sieht also danach aus, dass die Trennung zwischen streng orthodoxen und liberalen Juden in Luzern weiterhin bestehen bleibt. Chaim Drukman von Chabad betont zwar, dass er sich eine engere Zusammenarbeit mit der JGL wünschen würde. Und auch Meir Shitrit sagt, dass man sich den liberalen Juden nicht ganz verschliessen wolle. «Die Synagoge ist für alle offen», so Shitrit. Zudem sei denkbar, einzelne Aktivitäten für Kinder von gemischtreligiösen Eltern anzubieten, damit diese Kinder den Bezug zum Judentum nicht verlieren. An den strengen Aufnahmekriterien in die Gemeinde will die JGL aber festhalten. Damit bleibt der Wunsch vieler säkularer Juden, sich wieder in eine Gemeinschaft einzugliedern, vorläufig unerfüllt.

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