Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

RELIGION: Luzerner Muslime suchen Rezept gegen Radikale

Eine Weiterbildungsreihe für Muslime machte in Emmenbrücke Halt. Die Teilnehmer waren sich einig: Integration ist die beste Vorbeugung gegen fanatischen Islamismus. Doch es gibt noch viel zu tun.
Remo Wiegand
Integration sei das beste Mittel gegen fanatischen Islamismus, so die Teilnehmer in Emmen. (Symbolbild LZ)

Integration sei das beste Mittel gegen fanatischen Islamismus, so die Teilnehmer in Emmen. (Symbolbild LZ)

«Salam aleikum», ruft der Referent zur Begrüssung, «Aleikum as-Salam», antwortet das Publikum im Chor. 15 Muslime, davon ein Drittel Frauen, sowie einige Schweizer Gäste wie die kantonale Integrationsbeauftragte Irene Barmettler sitzen in der Bibliothek der bosnischen Moschee in Emmenbrücke. Durch ein Fenster sieht man ins Innere des ­schönen Gebetsraums mit seinen ­Mosaiken und kunstvollen ara­bischen Kalligrafien. Heute allerdings ist Debattieren statt Beten angesagt.

Das Zentrum für Islam und Gesellschaft (SZIG) der Uni Fribourg und die Islamische Gemeinde Luzern (IGL), der Dachverband der acht Luzerner Moscheevereine mit insgesamt rund 3000 Gläubigen, haben zur Weiterbildung geladen. Der Bund als Geldgeber tastet sich so zum zweiten Mal an die schwierige Aufgabe heran, mit Muslimen in einen Austausch über heisse Eisen zu treten – konkret über ­Radikalisierung und Prävention.

Nach eher kühlem Start im Zeichen der Wissenschaft kommt der Workshop allmählich auf eine emotionalere Betriebstemperatur. Verantwortlich dafür ist ein Referent, der so selbstverständlich «Salam aleikum» sagt wie «Salut»: Pascal Gemperli, aufgewachsen im Thurgau, ausgewandert in die Westschweiz, 2005 zum Islam konvertiert. Heute ist er Präsident des Waadtländer ­Islam-Dachverbands (UVAM). Gemperli spricht offen darüber, wie ihm als Neomuslim anfangs eine strenge Glaubensauslegung als Richtschnur diente: «Ich wollte einfach alles richtig machen.» Heute ist ihm das Gebot des gegenseitigen Respekts wichtiger als strenge Regeln. Nach wie vor findet er aber: «Strenggläubigkeit ist legitim. Was nicht geht, sind Vergehen gegen die Rechtsordnung.»

Gewalttäter: Verletzlich oder einfach dumm?

In den letzten 15 Jahren seien nur rund siebzig Terrorreisende aus der Schweiz eruiert worden, relativiert Gemperli. Dennoch: Jeder sei einer zu viel. «Empfänglich für islamistische Propaganda sind vor allem verletzliche, von der Gesellschaft enttäuschte Jugendliche», führt Gemperli aus. Die Abwesenheit des Vaters könne in vielen Fällen eine Rolle spielen. Entsprechend stehen für ihn religiöse Fragen bei der Präventionsarbeit nicht im Zentrum: «Es hat sich eher bewährt, eine emotionale Bezugsperson, zum Beispiel eine Grossmutter, mit an Bord zu holen.»

Das Publikum reagiert auf Gemperlis Vortrag unterschiedlich: ­Islamistische Gewalttäter seien «ignorant» und «dumm», sie hätten einfach nichts vom Islam verstanden, heisst es mehr als einmal. Andere weibeln für ein seelsorgerliches Vorgehen: «Man muss schrittweise ein Vertrauen zu diesen Menschen aufbauen», sagt Izeta Saric, vierfache Mutter und Religionslehrerin der bosnischen Moschee, die Kontakt zu einem jugendlichen Fast-Dschihadisten hatte. Und was würde sie tun, wenn sie unmittelbar eine Bereitschaft zur Gewalt erkennen würde? «Dann würde ich einen Psychologen informieren», sagt Saric. «Eher als die Polizei.»

Auch Gemperli lässt eine Skepsis gegenüber der Staats­gewalt erkennen: Natürlich gelte es, Verdachtsfälle bei der Polizei anzuzeigen, wenn ein Risiko für die öffentliche Sicherheit bestehe. Andererseits könne eine Abwärtsspirale verstärkt werden, sobald ein Verdächtiger in einem polizeilichen Dossier erfasst sei. «Wenn er deswegen zum Beispiel den Job verliert, verliert er weiter an Boden», weiss Gemperli. Erschwerend für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit der Polizei sei auch ein verbreiteter Generalverdacht. So habe die Thurgauer Polizei 2015 ein Merkblatt veröffentlicht, in dem «Sympathiebekundungen für den Islam» als ein Erkennungsmerkmal von Dschihadisten beschrieben wurde – ein Affront für viele normale gläubige Muslime.

Auch in Emmenbrücke köchelt die muslimische Volksseele immer wieder auf, besonders, wenn «die Medien» und ihr negatives Islam-Bild zum Thema werden. Von «Fake News» ist die Rede, vom «wahren Islam», den es dagegenzuhalten gelte. Der Negativdiskurs zwischen Minarettverbot und Burkadebatte zermürbt manche Muslime spürbar, man flüchtet sich oft in eine Opferhaltung und rüstet zur Gegenoffensive. Doch diese Haltung teilen nicht alle. Vorab jüngere Muslime wie Amir Hotic mahnen zur Besonnenheit: «Wir fühlen uns manchmal zu schnell an­gegriffen», sagt der Mitarbeiter eines Architekturbüros, «wir sollten Medienberichte lockerer ­nehmen und stärker versuchen, positive Akzente zu setzen.»

Der Schlüssel liegt in der Jugendarbeit der Moscheen

Dass die Luzerner Muslime neben lautem Lamento auch positive Beiträge für die Gesellschaft leisten, die überdies gewaltpräventiv wirken, zeigte sich schliesslich in einer Bestands­aufnahme der Jugendarbeit in den Moscheevereinen. Die Palette reichte von Arabischkursen über Fussball und Filmabende bis zu «Modeschauen für Bedeckte». Zwei junge IGL-Vorstandsmitglieder, darunter ein angehen-der Psychologe, stellten zuletzt die Skizze eines Jugendarbeits-Gesamtkonzepts vor, das die punktuellen und oft wenig nachhaltigen Angebote besser koordinieren soll.

Remo Wiegand

region@luzernerzeitung.ch

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.