RELIGION: Missionierer buhlen um Touristen

Die Zeugen Jehovas sind beim Löwendenkmal besonders aktiv. Anwohner und der Gletschergarten- Direktor ärgern sich darüber. Doch wieso sind Reisende für die Missionierer überhaupt interessant?

Stefan Dähler
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Ein Zeuge Jehovas missioniert beim Löwendenkmal mit Bibeln in Mandarin.Bild: Philipp Schmidli (Luzern, 2. März 2017)

Ein Zeuge Jehovas missioniert beim Löwendenkmal mit Bibeln in Mandarin.Bild: Philipp Schmidli (Luzern, 2. März 2017)

Stefan Dähler

stefan.daehler@luzernerzeitung.ch

Löwendenkmal und Gletschergarten gehören zu den Haupt­attraktionen in Luzern. Das machen sich auch Mitglieder der Zeugen Jehovas zu Nutze und versuchen, einige der Touristen für ihre Sache zu gewinnen. Die Missionierer sind entsprechend ausgerüstet und tragen auch Mandarin-Bibeln für Chinesen auf sich.

Die rege Missionstätigkeit in Luzern führte bereits 2014 zu zahlreichen Reklamationen aus der Bevölkerung (wir berichteten). Auch heute sorgen die Missionierer noch für negative Reaktionen bei Anwohnern rund um das Löwendenkmal. Der Konflikt ist Gletschergarten-Direktor Andreas Burri bestens bekannt: «Diese Leute stehen praktisch täglich dort und sind vielen ein Dorn im Auge», sagt er. «Wir erhalten immer wieder Reklamationen deswegen.» Auch er ärgert sich über deren Präsenz. «Ich finde das nicht gut. Dies sollte ein neutraler Ort sein, an dem man als Gast nicht belästigt wird.»

Stadt kann Zeugen Jehovas nicht wegweisen

Auch die Stadt erhält deswegen «hin und wieder» Beschwerden von Anwohnern, sagt Mario Lütolf, Leiter Stadtraum und Veranstaltungen. Doch die Zeugen Jehovas stehen auf öffentlichem Grund, wegweisen kann man sie nicht: «Es gilt das Recht auf freie Meinungsäusserung.» Es handle sich um Einzelpersonen, die ohne Bewilligung agieren dürften.

Dafür muss sich ein Missionierer unter anderem an folgende Auflagen halten: Der Hintergrund der Aktion muss ­ideell oder politisch sein, man darf nichts verkaufen, nur eine Person darf anwesend sein, zusätzliche Infrastruktur oder das Verteilen von Flugblättern aus Fahrzeugen ist nicht erlaubt, und Passanten dürfen nicht bedrängt werden. Auch der Fussgängerfluss darf nicht erheblich behindert werden. Wer einen Stand mit Werbeplakaten aufstellen und mit mehreren Personen aktiv sein will, der braucht also eine Bewilligung.

Die Stadt Luzern steht regelmässig im Austausch mit den Zeugen Jehovas. Zudem führen die SIP Luzern (Sicherheit, Intervention, Prävention) und die Polizei beim Löwendenkmal «periodisch Kontrollen durch», sagt Lütolf. «Grundsätzlich sind die Regeln den Zeugen Jehovas bekannt.» Bei Verstössen suche man zuerst das Gespräch; in der Regel reiche dies aus. 2014 kam es zu einer schriftlichen Verwarnung und zwei Anzeigen an die Staatsanwaltschaft. Die entsprechenden Vorfälle hätten sich jedoch nicht beim Löwendenkmal, sondern am Schweizerhofquai abgespielt. Die Verfahren seien wegen Einsprachen noch hängig. Bei Luzern Tourismus ist die Thematik ebenfalls bekannt. «Wir erhalten ab und zu Feedbacks von unseren Reiseleiterinnen, denen das ‹Missionieren› auffällt», so Sprecherin Sibylle Gerardi. «Von Gästen selbst haben wir aber noch nie Beschwerden erhalten.» Wichtig sei, dass die Richtlinien der Stadt eingehalten werden.

Missionieren in China ist nicht möglich

Bei einem Besuch des Löwendenkmals waren allerdings zwei Zeugen Jehovas anwesend. Wieso missionieren sie an einem Ort, wo sich vor allem Touristen aufhalten? Schliesslich reisen diese gleich weiter und treten nicht vor Ort einer Glaubensgemeinschaft bei. Im Gespräch sagten die Zeugen Jehovas, dass sie sich um Touristen bemühen würden, weil das Missionieren in Ländern wie China nicht möglich sei. Mit Namen wollten sie nicht in der Zeitung erscheinen und verwiesen an die Zweigstelle der Zeugen Jehovas in Deutschland, die auch für die Schweiz zuständig ist.

Dort heisst es, dass man nicht gezielt auf Touristen zugehe. «Jehovas Zeugen bemühen sich um den Kontakt zu Personen aller Sprachgruppen», teilt Wolfram Slupina, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit bei der religiösen Gemeinschaft, auf Anfrage mit. «Für die Mission beliebt sind Standorte mit vielen Passanten, darunter eben auch Touristen.» Dass man durch «Tätigkeiten in der Öffentlichkeit» Anwohner oder Passanten störe, sei nicht auszuschliessen. «Festzuhalten ist jedoch, dass sich Jehovas Zeugen bei ihrer Tätigkeit niemandem aufdrängen.»

Der Grund dafür, dass die Mitglieder der Zeugen Jehovas häufig auffallen, sei, dass sie grundsätzlich überall versuchen, mit anderen Leuten über die Bibel zu sprechen. «Auch mit Nachbarn, Arbeitskollegen, Klassenkameraden und Verwandten reden sie über ihren Glauben, wann immer sich die Gelegenheit dazu bietet», so Slupina. «Mission ist eine grundsätzliche und zentrale Aufgabe der Zeugen Jehovas.»

Auch Falun Gong ist aktiv

SchwanenplatzNicht nur beim Löwendenkmal, sondern auch beim Schwanenplatz sind Missionierer regelmässig unterwegs. Dort handle es sich aber eher um Mitglieder der Gemeinschaft Falun Gong, sagt Mario Lütolf, Leiter Stadtraum und Veranstaltungen. Diese buddhistisch orien­tierte Gemeinschaft hat ihren Ursprung in China, ist dort aber seit 1999 verboten. Am Schwanenplatz erhalte die Stadt Luzern «kaum Rückmeldungen von Anwohnern, dafür von Geschäften, wenn Kunden bedrängt werden». Man habe bereits klärende Gespräche mit Missionierern führen müssen, zu einer Anzeige sei es aber nie gekommen. Hat die Missionstätigkeit in der Stadt grundsätzlich zugenommen? «2014 hatten wir eine Häufung von Anwohnerreaktionen», so Lütolf. Ob die Zahl der Missionare seither zu- oder abgenommen habe, sei nicht bekannt. Da für Aktionen von Einzelpersonen keine Bewilligung nötig ist, wird dies nicht erfasst.

(std)

«Sektenhafte Züge»

Zeugen JehovasDie Zeugen Jehovas gelten als christlich-fun­damentalistische Gemeinschaft. Die Mitglieder feiern keine Geburtstage. Auch Weihnachten lehnen sie ab, weil dieses Fest heidnischen Ursprungs ist. Die Fachstelle für Sektenfragen Infosekta bezeichnet die Zeugen Jehovas als «strenge, autoritäre Organisation mit sektenhaften Zügen», wie Susanne Schaaf von der Fachstelle sagt. Die Problematik der Gruppe werde oft un­terschätzt. Die Mitglieder glauben, dass nur, wer getauft und aktiv ist, bei der bevorstehenden Endschlacht Gottes gegen die menschlichen Regierungen, Harmagedon genannt, gerettet wird. Eine passive Zugehörigkeit ist daher nicht möglich. Grundsätzlich sei es nicht das Ziel der Zeugen Jehovas, mittels Touristen in anderen Ländern Mitglieder zu gewinnen. Es werde Mission vor Ort angestrebt. Aber: «In China ist den Zeugen Jehovas Missionstätigkeit nicht erlaubt», so Schaaf.

(std)