RENATURIERUNG: Bauern entlang der Reuss bangen um ihre Zukunft

Artenreiche Wiesen statt Überschwemmungen: Das Hochwasserschutzprojekt soll vielen nützen. Die Bauern, die bis zu 15 Hektaren Land verlieren, wehren sich.

Gabriela Jordan
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Kaspar und Lotti Kretz aus Honau auf ihrem Land unweit des Reussufers (Bäume im Hintergrund). Der Kanton Luzern will ihnen fünf Hektaren für die Reusssanierung abkaufen. (Bild Pius Amrein)

Kaspar und Lotti Kretz aus Honau auf ihrem Land unweit des Reussufers (Bäume im Hintergrund). Der Kanton Luzern will ihnen fünf Hektaren für die Reusssanierung abkaufen. (Bild Pius Amrein)

Wenn es wärmer wird, treiben Lotti und Kaspar Kretz jeden Tag fast 40 Kühe auf ihr Weideland an der Reuss. Damit die Familie Kretz aus Honau ihr Rindfleisch unter dem Label «Weidebeef» verkaufen kann, investierte sie in den vergangenen Jahren in einen Freilaufstall und in Wasserleitungen, welche die Mutterkühe draussen mit Wasser versorgen.

Dass Lotti und Kaspar Kretz, Eltern dreier Töchter, das für den Bauern­betrieb notwendige Weideland bald vielleicht nicht mehr nutzen können, traf sie vor gut einem Jahr überraschend. Grund für den Landverlust: Der Kanton Luzern will die Fläche für den Hochwasserschutz und die Renaturierung des Reussufers verwenden. Das Vorhaben braucht Platz – gemäss aktueller Planung will der Kanton je 28 Hektaren Landwirtschafts- und Waldfläche kaufen, um auf 13,2 Kilometern Länge den Hochwasserschutz zu erneuern. Hinzu kommen 37 Hektaren umgenutzte Flächen (siehe Kasten). Falls die Bauern ihr Land nicht verkaufen, bleibt dem Kanton noch das Mittel der Landenteignung; die Bauern erhielten so noch 9 Franken pro Quadratmeter. Bei einem normalen Kauf ist der Quadratmeterpreis durch das Boden- und Pachtrecht vorgeben.

Die Hälfte steht auf dem Spiel

Auf dem Grundstück der Familie Kretz in Honau sollen ein breiteres Flussbett und eine artenreiche Wiese entstehen. Doch für die Bauernfamilie heisst das: rund fünf Hektar weniger Weideland und damit noch die Hälfte ihres Landes. «Mit diesem Landverlust haben wir nicht gerechnet», sagt Kaspar Kretz. Als Folge könnten zehn Kühe weniger auf der Weide grasen. Ein Hektar Grünland reicht für ungefähr 2,5 Kühe – je nachdem, wie viel Gras dort wächst. Den Hof weiterzubetreiben wie bisher, werde unter diesen Umständen nicht möglich sein, sagt der Landwirt. Wenig überraschend ist deshalb, dass die Bauernfamilie die Pläne des Kantons nicht ohne weiteres hinnimmt. «Wir werden gegen das Projekt sicher Einspruch machen», sagt Lotti Kretz. Dennoch bleibt ein mulmiges Gefühl: «Die Zukunft ist für uns zu ungewiss.»

Unbestritten ist, dass es einen besseren Hochwasserschutz entlang der Reuss braucht. Die Frage ist aber, wo und wie. «Hier in Honau braucht es keinen Hochwasserschutz, die Reuss hat genug Platz», findet Kaspar Kretz. Der Landwirt führt den Hof in dritter Generation. An Probleme mit Hochwasser in dieser Gegend könne er sich – abgesehen vom Jahr 2005 – nicht erinnern. «Wenn die Reuss bei uns übers Ufer tritt, ist das auch nicht weiter schlimm», sagt Kretz. Das Wasser fliesse wieder ab, und Schaden bliebe langfristig keiner.

«Existenz wäre vernichtet»

Für mehr Stirnrunzeln als der Hochwasserschutz sorgt die beabsichtigte Renaturierung. So ist auch die Familie Lötscher, die einen Biobauernhof in Gisikon führt, vom Landverlust betroffen. Ein paar hundert Meter vom Grundstück der Familie Kretz entfernt bewirtschaften sie 13,5 Hektar Land; 7,5 davon würden sie an das Projekt verlieren. Das Weideland für die Mutterkühe und die 2000 Legehennen sowie die Ackerflächen würden laut Alois Lötscher komplett wegfallen. «Der Legehennenbetrieb wäre durch das überdimensionierte Projekt gestorben», sagt er. «Und damit wäre die Existenz unseres Betriebes vernichtet.» Die Bioeier sind das Hauptprodukt des Betriebs.

Eine Renaturierung brauche es auf seinem Hof nicht, sagt Lötscher. «Wir haben einen naturnahen Betrieb und setzen weder Dünger noch Spritzmittel ein.» Lötschers Familie lebt seit über 100 Jahren auf dem Hof. In dieser Zeit sei die Reuss nur zweimal richtig über die Ufer getreten, sagt der Biobauer. «Wir werden das Projekt bekämpfen, bis es eine zukunftsfähige Lösung gibt», sagt Lötscher. So wie das Projekt bisher aussehe, sei dies nicht der Fall. «Ich kenne niemanden, der keine Einsprache machen wird», sagt Lötscher.

Entlang der Reuss klingt es von weiteren Bauernhöfen nicht anders. «Die Renaturierung ist völlig überflüssig», sagt etwa René Petermann, Bauer in Root. Gemäss dem Projektplan wird er rund 15 von 30 Hektaren seines gepachteten Landes nicht mehr beackern können. Statt Mais und Weizen sind auf der Fläche kleine Gewässer, Wiesen und Erholungsgebiete vorgesehen. «Durch den Landverlust für die Renaturierung könnten wir vom Betrieb nicht mehr Leben», so Petermann.

Umweltverbände mischen mit

Für die Bauern ist klar: Der Kanton muss die Pläne ändern. Als Kompensation für den Landverlust verlangen die Bauern Realersatz, damit sie ihre Betriebe weiterführen können. Doch diese Forderung lässt sich wegen fehlender Landreserven nicht für alle vollumfänglich erfüllen. Dies bestätigt Regierungsrat Robert Küng (FDP).

Einsprachen werden indes nicht nur von Bauern erwartet. Verschiedene Umweltverbände prüfen in gegenseitiger Absprache die Möglichkeit einer Einsprache – jedoch nicht, um das Projekt zu bekämpfen. «Wir finden das Projekt grundsätzlich gut und wollen sichergehen, dass aus dem Budget das Bestmögliche gemacht wird», sagt etwa Benjamin Leimgruber, Projektleiter Gewässerschutz von Aqua Viva.

Zur allgemeinen Auffassung der Bauern, dass die Renaturierungen überflüssig seien, äussert sich Albin Schmidhauser, Leiter Abteilung Naturgefahren beim Kanton: «Die Kantone sind nicht nur verpflichtet, den Schutz vor Hochwasser zu gewährleisten. Sie sind vom Bund ebenso zur Gewässerrevitalisierung verpflichtet.» Bleibt dem Kanton also gar keine Wahl? Regierungsrat Küng zufolge ist die Grössenordnung des Projekts notwendig, um die umliegenden Siedlungen und Infrastrukturen zu schützen. Und dies sei nur möglich, wenn die Reuss ausgeweitet werde.

Gabriela Jordan

Darum geht es

Das Hochwasser von 2005 hat in den Gebieten der Kleinen Emme und der Reuss Schäden von 345 Millionen Franken angerichtet. Der Kanton Luzern hat daraufhin das Projekt «Hochwasserschutz und Renaturierung Kleine Emme und Reuss» initiiert. Entlang der Reuss soll vom Reusszopf bis Honau der Hochwasserschutz erneuert werden – durch neue Dämme und Aufweitungen der Reuss. Mit den Renaturierungsmassnahmen erhofft sich der Kanton eine hohe Beteiligung des Bundes an den Kosten (etwa 80 Prozent). Diese belaufen sich für das Reussprojekt auf 167 Millionen Franken.

Mehr Platz statt Dämme

Der Realisierungshorizont wird auf 16 Jahre geschätzt. Der Kanton rechnet wegen erwarteter Einsprachen erst in etwa dreieinhalb Jahren mit einer Baubewilligung.
Durch die Renaturierung soll der Reuss ihr natürlicher Gewässerraum zurückgegeben werden, welcher ihr durch Kanalisierungen vor allem im 19. Jahrhundert genommen wurde. In den letzten 200 Jahren versuchte man, die Reuss durch den Bau von Dämmen zu bändigen.
Mehr Infos auf www.reuss.lu.ch