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REPORTAGE: Chinesen in Luzern: Souvenirs kaufen – und schweigen

Wie erleben chinesische Touristen Luzern? Unsere Zeitung wollte dies herausfinden, stiess jedoch auf unerwartete Hindernisse.
Gabriela Jordan
Sprechen nur «hinter dem Rücken» über ihre wahren Eindrücke: chinesische Touristen beim Löwendenkmal in Luzern. (Bild Roger Grütter)

Sprechen nur «hinter dem Rücken» über ihre wahren Eindrücke: chinesische Touristen beim Löwendenkmal in Luzern. (Bild Roger Grütter)

Gabriela Jordan

«Schreiben Sie, dass alles sensationell ist», antwortet der chinesische Tourguide und läuft mit seinem Fähnchen hastig davon. Die übrigen Chinesen aus der Reisegruppe beäugen uns kritisch und entfernen sich vorsichtshalber ein paar Meter. Auf dem Schwanenplatz, inmitten von Reisecars, Selfiesticks und verzierten Sonnenschirmchen, stehen wir zunächst etwas ratlos da. Einige der Touristen scheinen sich zu fragen: «Was zum Teufel wollen die von uns?» Eigentlich nicht viel, denken wir uns und halten nach anderen Chinesen Ausschau, die uns durch ihre grossen Sonnenbrillen nicht abweisend betrachten.

Für eine Sommerreportage wollten wir einen Tag mit chinesischen Touristen in Luzern verbringen. Um zu erfahren, wie sie Luzern erleben und was ihnen die Fremdenführer erzählen, suchten wir eine Reisegruppe. Kein Problem, dachten wir uns mit Blick auf die lächelnden Chinesen, die in Luzern scharenweise aus den Cars strömen. Jedoch: Fehlanzeige. «Keine Zeit, kein Interesse», lautete die Antwort auf Anfragen bei Reiseveranstaltern. Beschwichtigungen unsererseits («Wir wollen sie nicht aufhalten, nur mitlaufen und mithören.») blieben erfolglos: «Keine Zeit. Am Mittag geht es weiter nach Paris.»

Trotz Verbeugung eine Abfuhr

So stehen wir nun um neun Uhr morgens zwischen Bachmann und Bucherer und versuchen auf eigene Faust, die sich schnell zerstreuenden Asiaten abzufangen, um uns bei einem Grüppchen anzuhängen. Leichter gesagt als getan. Unsere Übersetzerin Nadia Nietlispach spricht sie zwar charmant und mit einer gekonnten chinesisch-respektvollen Verbeugung an. Doch sobald ihr das Wort «Zeitung» über die Lippen kommt, wenden sich die Leute ab. «Wir wissen nichts, fragen sie den Tourguide.» Doch dieser ist zu diesem Zeitpunkt bereits fähnchenschwingend von dannen gezogen oder dabei, die ersten Gruppenmitglieder durch die Bucherer-Drehtür zu schleusen.

Ältere wie auch jüngere Menschen reagieren ähnlich. Alles, was wir bisher herausfinden konnten, ist, dass sie es hier «wunderschön» fänden, «die Berge toll» seien, und es «viel weniger Kaugummi auf dem Boden als in China» habe.

Stumm vor Medien und Politikern

Nietlispach erklärt, warum sich die ansonsten zuvorkommenden Chinesen so reserviert geben: «In China sind die Menschen sehr vorsichtig, wenn es darum geht, ihre Meinung zu äussern. Vieles ist dort zensiert, und die Leute sind es nicht gewohnt, offen über Politik zu sprechen. Geschweige denn darüber, was sie stört.» Die kulturellen Unterschiede kennt Nietlispach nur zu gut: Sie ist in Luzern aufgewachsen, lebt aber seit sechs Jahren im Süden Chinas. Ihre Mutter stammt zudem aus Singapur.

Schön und gut, doch wenn Ferieneindrücke einzelner Chinesen anonym in einer Regionalzeitung fern der Heimat abgedruckt würden, kann das doch niemanden interessieren? «Trotzdem ist in ihnen verankert, dass sie gegenüber Politikern oder Medien vorsichtig sein müssen. Hören sie ‹Zeitung›, verstummen sie deshalb gleich», sagt Nietlispach.

In zwei Stunden Luzern «machen»

Strategieänderung. Wir sprechen die Touristen einfach so an. Dabei lauscht Nietlispach zuerst kurz ihren Gesprächen, um zu erkennen, ob es wirklich Chinesen sind. Dass selbst sie die asiatischen Gesichtszüge nicht gleich einem Land zuordnen kann, ist beruhigend. «China ist einfach riesig, die Leute im Süden sehen zum Beispiel ganz anders aus als die im Norden», meint sie dazu lachend.

Eine geführte Reisegruppe finden wir leider nicht, aber mehrere Touristen geben uns gerne Auskunft. Die Wenigsten scheinen sich darüber zu wundern, dass sich zwei Einheimische für ihr Ferienprogramm interessieren und dass eine davon sogar Chinesisch spricht. Wir erfahren, dass sie bis elf Uhr «frei» haben. Zwei Stunden Zeit, um selber die Stadt zu erkunden – oder am Schwanenplatz ihre Souvenirs einzukaufen. Am Mittag gehe es gleich weiter nach Venedig. Gestern Paris. Das Übliche.

Was sie bei ihrem Besuch über Luzern erfahren? Vermutlich nicht allzu viel, wie ein Besuch beim Löwendenkmal zeigt. Dort sind bereits die Selfiesticks lang gezogen, und aus verschiedenen Winkeln wird fleissig drauflos geklickt. (Die Chinesen sagen dazu «zipaigan», was «selber fotografieren stick» bedeutet.) Während des Fotoshootings wartet ein chinesischer Tourguide geduldig mit seinem Fähnchen; erklärt seiner Gruppe aber nicht, was es mit dem steinernen Löwen auf sich hat. Die in Englisch verfasste Informationstafel über den Heldentod der Schweizergardisten wird nicht beachtet.

Viel Schokolade – wenig Zeit

Zumindest nicht in guter Erinnerung wird einem jungen Paar im Uhrenladen die heimische Küche bleiben: «Käse geht gar nicht», sind sie sich einig. Das Essen hier sei sowieso zu schwer, die Portionen zu gross. Und Käse eklig. Eine Uhr und Schokolade seien als Souvenir aber ein Muss. Wir danken, und sie wenden sich wieder der Vitrine zu. Ein paar Meter weiter scheint ein Familienvater erleichtert über die Ablenkung seiner zwei Kinder zu sein. Der Knabe und das Mädchen erzählen, dass sie Glacé mögen – die schweizerische mehr als die italienische.

Ein kleiner Einblick in die chinesischen Erfahrungen. Immerhin. Im Läder­ach treffen wir dann eine Familie aus Taiwan. Die Ehefrau fragt Nietlis­pach, welche Geschmacksrichtung die Schokolade in ihrer Hand hat. Dunkle Schokolade mit Truffesfüllung. Die Familie bleibt ganze elf Tage in der Schweiz – eigenständig und ohne Touristenführer. Sie repräsentieren einen neuen Typ Tourist aus Asien, wie Si­bylle Gerardi, Sprecherin von Luzern Tourismus, erklärt. «Individualreisen werden immer populärer. In Taiwan, aber auch bei Gästen aus China.» Gruppenreisen seien aber nach wie vor sehr beliebt in Asien. Für die meisten geht es um elf Uhr also zurück in die klimatisierten Cars – die Schokolade soll schliesslich nicht schmelzen – und weiter nach Italien.

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