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Reuss-Renaturierung: Kanton Luzern will Bauern entgegen kommen

Die geplante Ausweitung der Reuss verunsichert ansässige Bauern: Sie verlieren kostbare Nutzfläche. Nun will der Kanton weniger Land kaufen und mehr Dienstbarkeitsverträge abschliessen. Das ist ein erster Schritt – aber die Unsicherheit bleibt.
Simon Mathis
Auch im Schiltwald bei Buchrain soll die Reuss mehr Platz erhalten. (Visualisierung: PD)

Auch im Schiltwald bei Buchrain soll die Reuss mehr Platz erhalten. (Visualisierung: PD)

«Wir reden hier nicht von einem Generationenprojekt», sagt Regierungsrat Robert Küng (FDP). «Sondern von einem Vorhaben, das die nächsten 200 Jahre prägen wird.» Am Montagmorgen stellte der Baudirektor die zweite Version dieses Mammutprojekts vor: den Hochwasserschutz und die Renaturierung der Reuss (siehe Box). Die erste Version wies der Kantonsrat im September 2016 zurück. Experten müssten das Projekt überprüfen, hiess es. Das haben sie getan – und die Regierung hat ihr Projekt entsprechend angepasst.

Nun liegt Version zwei öffentlich auf. Insgesamt sehen sich die Verantwortlichen durch die Prüfung der Experten bestätigt. «Die Experten haben das Projekt als zeitgemäss gewürdigt», sagte Urs Zehnder, der die Abteilung Naturgefahren beim Kanton leitet. Es erfülle die Anforderungen des Gewässerschutzes und der Ökologie. Regierungsrat Küng betonte: «Grundsätzlich hat sich das Parlament klar zum Projekt bekennt.» Entsprechend haben sich auf den Bauplänen vor allem Details geändert:

  • Der Gewässerraum wurde insgesamt marginal um 1 Prozent verringert.
  • Der neue Damm zwischen Emmen und Schiltwald wurde um 20 Zentimeter gesenkt.
  • Einzelne Wegführungen verlaufen nun anders, so etwa in Emmen und Honau.

19 Millionen Franken teurer

Ob dies die Wogen glätten wird, ist noch offen. Denn der Kantonsrat störte sich damals an zwei Punkten: am hohen Landverschleiss durch die Renaturierung und an den Kosten. In beiden Fällen bleiben Fragezeichen. Eine grosse Änderung gibt es im Budget: Der Kanton veranschlagt es mit 195 Millionen Franken. In der ersten Version waren es noch 19 Millionen Franken weniger. «Grund für diesen Kostensprung ist die Kompensation der Fruchtfolgeflächen, die damals noch nicht berechnet war», erklärte Urs Zehnder. Fast 32 Hektaren fruchtbares Land müsste für die Aufweitung des Flussbettes geopfert werden.

Der Reuss-Damm bei Emmen wird etwas weniger hoch als geplant, dank Abstimmung mit dem Renaturierungsprojekt der Kleinen Emme. Trotzdem ist der Hochwasserschutz gewährleistet. (Illustrationen: PD)

Der Reuss-Damm bei Emmen wird etwas weniger hoch als geplant, dank Abstimmung mit dem Renaturierungsprojekt der Kleinen Emme. Trotzdem ist der Hochwasserschutz gewährleistet. (Illustrationen: PD)

Das Budget müsse allerdings im Kontext betrachtet werden, ergänzte Regierungsrat Küng: «Das Projekt verhindert Schäden im dreistelligen Millionenbetrag.» Das Hochwasser 2005 hatte allein den Kanton eine halbe Milliarde gekostet. Die Eingriffe schützten die rund 135 000 Einwohner des Reusstals. Der Bund übernehme überdies satte 80 Prozent der Kosten, sofern der Kanton die Anforderungen der Renaturierung erfülle. Die restlichen 20 Prozent bezahlt der Kanton – wenn das neue Gewässerschutzgesetz gelte, seien die Gemeinden nicht mehr in der Pflicht.

Mehr Dienstbarkeit, weniger Landerwerb

Die Regierung hat sich darum bemüht, die Landwirte mit ins Boot zu holen. Denn 30 Betriebe sind direkt von der Verbreiterung der Reuss betroffen: Sie verlieren kostbare und zuweilen notwendige Nutzfläche. «In einigen wenigen Fällen gefährdet die Ausweitung des Flusses ganze Betriebszweige», sagte Stefan Moser vom Berufsbildungszentrum Natur und Ernährung (BBZN) Hohenrain. Er wurde vor einem Jahr mit dem Mandat betreut, den Draht zu den Bauern zu suchen. «Aber die Betroffenheit ist nicht nur finanziell. Auch emotional ist sie sehr gross.»

Die Reuss soll sich bei Gisikon-Root künftig ausbreiten können. (Visualisierung: PD)

Die Reuss soll sich bei Gisikon-Root künftig ausbreiten können. (Visualisierung: PD)

Der Kanton sucht eine einvernehmliche Lösung mit den Bauern. «Deshalb haben wir die Strategie des Landerwerbs überdacht», sagte Stefan Moser. Ursprünglich wollte der Kanton 86 Prozent der benötigten Fläche erwerben. Nun seien es weniger als 60 Prozent. Mittlerweile setze man stärker darauf, wenn möglich mit den Besitzern Dienstbarkeitsverträge zu schliessen. Trotzdem: «Wir suchen weiterhin intensiv nach Realersatz.» Im Bereich obere Reuss seien bereits zahlreiche Lösungen vorhanden. In der unteren Reuss sei die Lage schwieriger. «Auch hier verhandeln wir bereits mit Grundeigentümern, aber der Druck ist gross – und das Land knapp», so Moser.

Das Reuss-Projekt im Honauer Schachen (Visualisierung: PD)

Das Reuss-Projekt im Honauer Schachen (Visualisierung: PD)

Dennoch geben sich die Verantwortlichen zuversichtlich, dass sich für alle eine Lösung finden wird. «Immerhin haben wir 10 Jahre Zeit», gibt Baudirektor Küng zu Bedenken. Diese Lösungen dürften aber nicht dazu führen, dass es kilometerweite Fahrten mit dem Traktor gebe.

«Dass der Kanton nun stärker auf Dienstbarkeiten setzt, ist ein erstes Entgegenkommen, das wir begrüssen», sagt Patrick Schmid, Präsident der IG Reuss des Luzerner Bäuerinnen- und Bauernverbandes. «Denn durch die Dienstbarkeit kommt man näher an den Wert, den das Land tatsächlich hat.» Aber das reiche noch nicht: «Unsere Forderung bleibt nach wie vor bestehen. Das Projekt ist zu gross. Es muss weniger Land, Wald und Ressourcen verschlingen. Eine so grosse Fläche braucht es nicht, um den Hochwasserschutz zu garantieren. Und das gibt der Kanton auch offen zu.» Es gehe schlicht darum, mehr Geld beim Bund einzukassieren.

Immerhin: «Mit Stefan Moser haben wir nun einen Gesprächspartner, der ernstlich darum bemüht ist, gemeinsam mit den Landwirten Lösungen zu finden», sagt Schmid. «Es liegt aber noch viel Arbeit vor uns. Wir wissen noch nicht, was am Schluss dabei herauskommt.»

Projektende frühestens 2032

Mit dem Riesenprojekt «Hochwasserschutz und Renaturierung Reuss» will der Kanton Luzern 13 Kilometer der Reuss gegen Hochwasser schützen. Die zweite Version der Pläne wird der Regierungsrat 2020 absegnen. Dann läuft bis 2021 einerseits das Beschwerdeverfahren, andererseits das Kreditverfahren beim Parlament. Voraussichtlich 2021 soll es zu einer Volksabstimmung kommen. «Diese ist bei einem Projekt dieser Grössenordnung notwendig», bemerkt Regierungsrat Robert Küng. Wenn alles läuft wie geplant, fahren 2022 die ersten Baumaschinen auf. Die Arbeiten dauern dann mindestens ein Jahrzehnt. Frühestens 2032 sollen sie abgeschlossen sein.

Das Reussprojekt hat drei Pfeiler. Hauptziel ist der Hochwasserschutz entlang der Achse Luzern-Zug. Aber auch ökologischen Aspekten will das Vorhaben Rechnung tragen: Durch Renaturierung soll es die Biodiversität entlang der Reuss verbessern, «der Natur ihren Raum zurück geben», wie Regierungsrat Robert Küng sagt. Ausserdem sollen entlang der Reuss Naherholungszonen entstehen. «Dass das bei der Bevölkerung gut ankommt, sieht man am Beispiel Seetalplatz», so Küng.

Der Bund wird zwischen 77 und 80 Prozent der Kosten übernehmen, wenn der Kanton entsprechende Vorgaben bei der Renaturierung einlöst. Bundesbern habe dies schriftlich versichert, sagte Baudirektor Robert Küng.

Das Projekt hat schon jetzt eine lange Geschichte hinter sich. Sie begann 2005 mit dem Jahrhundert-Hochwasser in der Schweiz, das den Kanton Luzern eine halbe Milliarde Franken kostete. 2006 verabschiedete der Kantonsrat einen entsprechenden Planungsbericht, 2016 wurde das erste Projekt öffentlich aufgelegt. Es hagelte Einsprachen und eine Petition. Schliesslich verlangte der Kantonsrat von der Regierung, das Projekt zu übererarbeiten. (sma)

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