REUSS: Widerstand gegen Megaprojekt

Gegen das Hoch­wasserschutzprojekt des Kantons Luzern formieren sich die Land- und Waldbesitzer. Stein des Anstosses ist die Renaturierung.

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Am 1. Juni 2103. Die Reuss führt in Perlen sehr viel Wasser. (Bild: Keystone)

Am 1. Juni 2103. Die Reuss führt in Perlen sehr viel Wasser. (Bild: Keystone)

Beatrice Vogel

Schon als der Luzerner Regierungsrat diesen Januar das 167-Millionen-Projekt «Hochwasserschutz und Renaturierung Reuss» vorstellte, waren die Konflikte vorprogrammiert: Für die Renaturierung des Reussufers muss der Kanton 28 Hekt­aren Wald und ebenso viel Landwirtschaftsfläche erwerben. Es war sogar von Enteignung die Rede, sollten die Landbesitzer nicht verkaufen wollen.

«Finanzieller Hintergrund»

Dank Renaturierung erwächst dem Kanton auch ein finanzieller Vorteil. Tatsache ist nämlich: Damit der Bund einen möglichst grossen Teil der Kosten übernimmt, muss das Hochwasserschutzprojekt mit grosszügigen Renaturierungsmassnahmen einhergehen. Das hat der Kanton nie in Abrede gestellt. «Die Renaturierung hat auch einen finanziellen Hintergrund», sagte Regierungsrat Robert Küng im Januar in unserer Zeitung.

Für die Landbesitzer die meisten davon sind Bauern – ist dieses Geldargument allerdings ein Affront. Deshalb hat sich nun die Interessengemeinschaft «IG Reuss – für einen vernünftigen Hochwasserschutz» formiert.

«Projekt ist überdimensioniert»

«Wir halten das Projekt grundsätzlich für überdimensioniert», sagt Patrick Schmid, Präsident der IG Reuss. «Unter dem Deckmantel des Hochwasserschutzes wird eine Renaturierung geplant aus rein finanzpolitischen Überlegungen.» Diese Massnahme brauche es für den eigentlichen Hochwasserschutz gar nicht. Und dieser sei ja das primäre Ziel. «Wir sind uns alle einig, dass es eine Verbesserung des Hochwasserschutzes braucht», so Schmid. «Dass aber 28 Hektaren Wald gerodet werden für eine breite Uferzone und ein Flussbad, ist inakzeptabel.»

Würde es zu Enteignungen kommen, erhielte ein Landbesitzer etwa 9 Franken pro Quadratmeter, sagt Schmid. «Das ist ein Hohn!» Schmid wäre selbst von Landverlust betroffen. Sein Vater besitzt 5 Hektaren des Schiltwalds, der nach den Plänen des Kantons zum Teil gerodet würde. Schmid: «Es gibt Bauern, die so viel Land verlieren würden, dass sie existenziell bedroht wären.»

Einer von ihnen ist Alois Lötscher, der einen Biohof in Gisikon betreibt. Ein Grossteil seines Landes erstreckt sich entlang der Reuss. «Nach heutigem Stand würde ich 7 Hektaren verlieren», sagt Lötscher. Das ist mehr als die Hälfte des Landes, das er bewirtschaftet. Für Lötscher ist eine Renaturierung in diesem Ausmass nicht akzeptabel. «Muss man eine grüne Wiese renaturieren?», fragt er rhetorisch. Lötscher betont ausserdem, dass er nicht der einzige Betroffene ist. «Es gibt andere, die sogar noch mehr Land verlieren würden.»

Fokus auf Hochwasserschutz

Die IG Reuss forderte in der Vernehmlassung eine Überarbeitung des Projekts. Der Kanton solle sich auf den Hochwasserschutz konzentrieren und von unnötigem Landverbrauch absehen. Auch der Luzerner Bauernverband ist dieser Meinung. Die IG Reuss wurde erst kürzlich gegründet. Im Vorstand sind Patrick Schmid aus Emmen, Alois Lötscher aus Gisikon, Lotti Kretz aus Honau und Beat Steiner aus Inwil. «Bevor wir die IG gründeten, klärten wir bei einer Versammlung des Bauernverbandes ab, ob überhaupt Interesse daran besteht», erklärt Schmid. Etwa 25 Personen hätten Interesse angemeldet.

Eine Mitgliederzahl lasse sich aber noch nicht nennen, so Schmid. «Wir sind noch im Aufbau der IG.» Demnächst gebe es eine erste Infoveranstaltung.

Korporation Emmen «im Clinch»

Die IG Reuss ist nicht der einzige Interessenvertreter, der sich gegen das Renaturierungsprojekt wehrt. Auch die Korporation Emmen, die einen Grossteil des linken Reussufers zwischen Reusszopf und Schiltwald besitzt, sieht ein Problem bei der Abholzung der Wälder. Wie aus einem Bericht in der Gemeindezeitschrift «Emmenmail» hervorgeht, möchte die Korporation den Hochwasserschutz und die Renaturierung «so schonend wie möglich realisieren». Ziel sei, die Renaturierung moderat zu gestalten und trotzdem die Subventionen des Bundes zu erhalten. Mit den Plänen des Projekts sei die Korporation «im Clinch».

Eine von vielen unumstrittenen – Reuss-Renaturierungsmassnahmen fand am Samstag im Bereich Reusseggbrücke in Emmen statt. Dort wurden mehrere gefällte Rottannen im Reuss-Flussbett verankert, um so bessere Laichmöglichkeiten für Fische zu schaffen (gestern in der «Zentralschweiz am Sonntag»).