REUSSBÜHL: «Einen Suizid schliessen wir aus»

Die Leiche des aufgefundenen Mannes wird in Zürich untersucht. Was sich am Samstag im Hinterhof eines Blocks abspielte, bleibt unklar. Verwandte gehen von einer Gewalttat aus.

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A. R.*, die Coucousine des Verstorbenen, legt beim Hauseingang, wo die Leiche gefunden wurde, eine Rose nieder. (Bild Pius Amrein)

A. R.*, die Coucousine des Verstorbenen, legt beim Hauseingang, wo die Leiche gefunden wurde, eine Rose nieder. (Bild Pius Amrein)

Christian Hodel

Die Arbeitskleider liegen über dem Balkongeländer, ein T-Shirt, ein Pullover, eine Hose. «Er hat sie übers Wochenende gewaschen, heute hätte er sie wieder anziehen wollen», sagte A. R.* gestern, die Coucousine des tot aufgefundenen Mannes aus Reussbühl.

Am frühen Samstagmorgen kam es an der Hauptstrasse im Gebiet Reusszopfweg zu einem Todesfall. Ein 31-jähriger zweifacher Vater mit angolanischen Wurzeln lag reglos vor einem Eingang im Hinterhof eines Wohnblocks (Ausgabe von gestern). Was sich zugetragen hat, ist unklar. Die Polizei schweigt vorerst, will den Obduktionsbericht abwarten. Freunde und Verwandte, die gestern Kerzen und Rosen beim mehrstöckigen Wohnblock niederlegten, gehen von einer Gewalttat aus.

«Hat sich durchs Leben geschlagen»

«Einen Suizid schliessen wir aus», sagt A. R*. Er hätte sich trotz einigen persönlichen Problemen gut durchs Leben geschlagen, sei mit Freunden ausgegangen, habe seit rund drei Monaten wieder eine Freundin gehabt – seine Kinder leben bei der jeweiligen Mutter. «Er war ein feiner Typ, pöbelte nicht rum und arbeitete.»

Mit seiner neuen Freundin soll der in Horw aufgewachsene Mann am frühen Samstagmorgen gegen 6 Uhr nach einer durchzechten Nacht nach Hause gekommen sein. Konsumiert wurden Alkohol und wohl auch Drogen – Kokain und Marihuana. Die Freundin schlief rasch in der Einzimmerwohnung ein, die ihr Freund seit gut einem halben Jahr bewohnte. Als sie gegen 8 Uhr erwachte, lag er bereits tot im Hinterhof.

25 Einzelzimmer gibt es im Wohnblock an der Hauptstrasse, zum Teil mit, zum Teil ohne eigenes WC. Eine Gemeinschaftsküche ist im Erdgeschoss. Keine Klingeln, keine Briefkästen, keine Namensschilder. Die Mieter würden ständig wechseln, sagen Nachbarn. Der Wohnblock gehört der Ottiger und Ottiger AG aus Emmenbrücke. 800 Franken kostet ein möbliertes Zimmer im Monat, sagt Verwaltungsrat Thomas Ottiger. Inklusive der wöchentlichen Reinigung und allen Nebenkosten. «Wir haben strenge Hausregeln.» Auf einem Hinweisschild am Eingang steht etwa: «Keine Besucher erlaubt.» Zwischenfälle seien ihm keine bekannt, sagt Ottiger. Es sei laut, käme oft zu Streit, sagen hingegen Anwohner. Ob es auch am Samstagmorgen zu Auseinandersetzungen gekommen ist, bleibt unbestätigt. Laut dem Vermieter hat die Polizei alle Bewohner befragt, abgeführt habe sie niemanden.

Kopp weist Kritik zurück

Der Leichnam wurde für die Obduktion ans Institut für Rechtsmedizin nach Zürich gebracht. Wann die Ergebnisse vorliegen, ist unklar. Fest steht: Vorher wird die Polizei nichts über den Fall kommunizieren. Stellung bezieht Simon Kopp, Sprecher der Luzerner Staatsanwaltschaft, lediglich zur Kritik von Anwohnern, dass der Leichnam über mehrere Stunden unbedeckt am Boden gelegen sei (Ausgabe von gestern). Kopp sagt. «Die Leiche wurde so schnell wie möglich abgedeckt. Zuerst mit einer Decke und mit Sichtsperren und später mit einem Zelt.» Jedoch müsse der Leichnam während einer Tatbestandsaufnahme vereinzelt wieder abgedeckt werden – etwa um die Spuren zu sichern oder beim Einsatz des 3-D-Scanners, der eine digitalisierte Version vom Schauplatz ermöglicht. «Leider hatten wir diverse Schaulustige, welche den Vorfall von den Balkonen aus fotografierten.»

Boxershorts geben Rätsel auf

Rätselhaft sei, dass der Tote nur mit Boxershorts bekleidet war, sagen Verwandte und Freunde. «Nur schon wenn er aufs WC ging, zog er sich etwas über», so A. R. Verliess der Mann seine Wohnung also gar nicht, sondern fiel aus ungeklärten Gründen über das Balkongeländer? «So wie der Leichnam am Boden lag, schliesse ich das aus», sagt seine Coucousine. Denn: Der Tote befand sich nicht direkt unterhalb der möglichen Absturzstelle, sondern einige Meter daneben. Für Verwandte und Freunden kommt nur ein Gewaltverbrechen in Frage.

Eine Anwohnerin, die den Verstorbenen kannte, bringt den Todesfall in Zusammenhang mit Drogen. Die Ex-Freundin des Todesopfers soll mit Marihuana gedealt und ihren damaligen Partner mit reingezogen haben. Dass seine Geschichte nun so enden musste, sei schlimm. «Er war ein wirklich feiner Kerl.» * Name der Redaktion bekannt