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REUSSBÜHL: Für die Vereinsmitglieder ist Gärtnern «ein sanfter Sport»

Der Familiengärtnerverein Reussbühl-Littau rollt mit einer Festschrift seine 75-jährige Geschichte auf. Darin geht es etwa um längst verschwundene Gartenareale, Gemüse-Diebe in den eigenen Reihen und einen mysteriösen Passiv-Mitgliederschwund.
Sie haben Grund zum Feiern: Helga Christina Stalder, Präsidentin des Familiengärtnervereins Reussbühl-Littau, und Ruedi Michel, Aktuar, auf dem Areal Rothenweidli. (Bild: Eveline Beerkircher/LZ (Reussbühl, 6. März 2018))

Sie haben Grund zum Feiern: Helga Christina Stalder, Präsidentin des Familiengärtnervereins Reussbühl-Littau, und Ruedi Michel, Aktuar, auf dem Areal Rothenweidli. (Bild: Eveline Beerkircher/LZ (Reussbühl, 6. März 2018))

«Hoch die Tassen!» heisst es diesen Samstag beim Familiengärtnerverein Reussbühl-Littau. Ein Grossteil der 154 Mitglieder trifft sich im Staffelnhof an der 75. Jubiläums-Generalversammlung. Zur Feier des Tages wird Kalbsbraten aufgetragen und eine Festschrift verteilt. Für diese hat Aktuar Ruedi Michel in «detektivischer Manier», wie er sagt, die Geschichte des 1943 gegründeten Vereins recherchiert und allerhand Interessantes herausgefunden. So erfährt man etwa, dass Diebstahl keineswegs ein heutiges Phänomen ist. Weil sich arme Familien in den Kriegsjahren nicht selten in fremden Gärten bedient hatten, setzte der Verein ab 1944 sogenannte Flurwachen ein. Dieser gingen bald die ersten Diebe ins Netz. Darunter sogar ein Mitglied des Vereins. Es wurde ausgeschlossen und musste den Garten abgeben.

«Kündigungen müssen wir auch heute noch ab und zu aussprechen», sagt Präsidentin Helga Christina Stalder. «Meist wenn jemand den Garten nicht pflegt, trotz wiederholter Ermahnungen.» Die 67-Jährige steht dem Familiengärtnerverein seit 13 Jahren vor, Mitglied ist sie seit 43 Jahren. Sie habe sich damals nach einer Parzelle auf dem Areal Rothenweidli erkundigt, was als alleinstehende junge Frau ungewöhnlich gewesen sein. «Der Arealpräsident wunderte sich zunächst über mich, meinte dann aber, ich könne doch sicher Protokolle schreiben», sagt Stalder und schmunzelt. Jedenfalls erhielt sie die Parzelle – und ist ihr bis heute treu geblieben. «Gärtnern ist für mich wichtig. Mit Erde zu arbeiten schön. Zuschauen, was aus dem Pflänzchen wird, entspannend.»

Blaue St. Galler und Schwarze Krim

Da geht es Aktuar Ruedi Michel ähnlich: «Es ist für mich zudem eine Art sanfter Sport.» Der 69-Jährige hatte seine Parzelle auf dem Areal Ruopigenmoos 2004 vom Schwiegervater übernommen. «Als Nicht-Gärtner las ich zuerst tonnenweise Fachliteratur.» Mittlerweile zieht Michel locker alte Kartoffelsorten wie die blauen St. Galler oder Tomatensorten wie die Schwarze Krim. Er sagt: «Gärtnern ist heute primär ein Hobby – ganz anders als bei der Gründung unseres Vereins.»

Damals, in den Kriegsjahren, stand die Selbstversorgung im Vordergrund. Dies war auch der Grund, weshalb die Gemeinden das Gärtnern propagierten. Und so wurde am 2. Juli 1943 der Pflanzerverein Reussbühl-Littau – wie er damals hiess – aus der Taufe gehoben. Man startete auf mehreren Arealen – darunter Rothen und Blattenmoos. Mit der Zeit kamen weitere hinzu – und verschwanden wieder, etwa weil sie zu Bauland wurden. Heute existieren noch drei Areale: Rothenweidli (früher Rothen, seit 1943), Ruopigenmoos (seit 1975) und Thorenberg (seit 1982).

Auch sonst hat sich einiges verändert: «Früher ist man viel öfter zusammengesessen, hat sich zu einem Apéro getroffen oder gemeinsam einen Kurs besucht – heute schaut eher jeder für sich, dem Zeitgeist entsprechend», sagt Ruedi Michel. Und natürlich seien ihre Areale internationaler geworden. Als erstes kamen in den 1970er Jahren die Italiener, ab den 1990er Jahren dann die Spanier und Portugiesen. «Inzwischen haben wir sogar Chinesen und Kongolesen in unseren Reihen», sagt Michel.

Verschwunden sind auch traditionelle Anlässe wie das Lotto oder der Blumentag. An letzterem überbrachte der Verein den Betagten, Kranken und Jubilaren jeweils einen Strauss – davon profitierten auch die Passivmitglieder. 19 davon bezahlten allerdings im Jahr 1971 den Mitgliederbeitrag nicht mehr und verliessen den Verein – aus Protest. Grund: Rund zwei Drittel der Passivmitglieder hatten im Jahr zuvor keinen Strauss erhalten – wegen eines «peinlichen Versäumnisses», wie der Festschrift zu entnehmen ist.

Wenn es schön ist, wollen plötzlich alle einen Garten

Dafür schlägt sich der Vorstand heute mit anderen Problemen herum: Beispielsweise mit dem Entfernen von Neophyten und Holzöfen, wie dies die seit 2014 gültige Familiengartenverordnung der Stadt Luzern verlangt. «Diese Verordnung bedeutet für viele Mitglieder auf Liebgewonnenes zu verzichten», sagt Präsidentin Stalder. Sie müsse viel Überzeugungsarbeit leisten. «Das geht nicht ohne Diskussionen und braucht viel Zeit.»

Trotz strengerer Regeln ist das Interesse an Parzellen jedoch ungebrochen: «Vor allem bei schönem Wetter klingelt das Telefon und alle wollen plötzlich einen Garten», sagt die Präsidentin. Wer den Zuschlag erhält, bezahlt 74 Rappen pro Quadratmeter und Jahr. Das bedeutet 150 bis 400 Franken je nach Grösse der Parzelle. Stalder: «Ein Superpreis – Golfen beispielsweise kostet viel mehr und man erhält dafür keine Zucchetti oder Rüebli.»

Roman Hodel

roman.hodel@luzernerzeitung.ch

Auch in früheren Zeiten nutzten die Mitglieder des Familiengärtnervereins die Beete und Gartenhäuschen auf dem Areal Emmenfeld. (Bild: PD)

Auch in früheren Zeiten nutzten die Mitglieder des Familiengärtnervereins die Beete und Gartenhäuschen auf dem Areal Emmenfeld. (Bild: PD)

Hier zu sehen ist die erste Bauetappe für die Gärten auf dem Areal Ruopigenmoos. (Bild: PD)

Hier zu sehen ist die erste Bauetappe für die Gärten auf dem Areal Ruopigenmoos. (Bild: PD)

So sah das Areal Rothenweidli um 1969 aus. (Bild: PD)

So sah das Areal Rothenweidli um 1969 aus. (Bild: PD)

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