RICHENTHAL: Wo Kurgäste einst ihre Seelen reinigten

Die Guthirt- Kapelle ist wegen ihres neugotischen Stils eine Rarität. Wasser war seinerzeit Grund für ihre Errichtung – und ist heute ihr grosser Feind.

Evelyne Fischer
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Gilt als «regionale Rarität»: die hölzerne Guthirt-Kapelle in Richenthal. Unser Bild zeigt die kürzlich restaurierten Altäre. (Bild Roger Grütter)

Gilt als «regionale Rarität»: die hölzerne Guthirt-Kapelle in Richenthal. Unser Bild zeigt die kürzlich restaurierten Altäre. (Bild Roger Grütter)

Evelyne Fischer

Spitzbogenfenster, vergoldetes Schnitzwerk und Krabben – Zierelemente in Blätterform: Ihr internationaler, neugotischer Stil macht die Guthirt-Kapelle in Richenthal zu einem Bijou. In dieser «Vollständigkeit und Erhaltung» stelle die hölzerne Kapelle im Ortsteil Hueb eine «regionale Rarität» dar, hält die kantonale Denkmalpflege in einem Bericht fest. 1988 wurde das Kirchlein in deren Verzeichnis aufgenommen.

1902 eingeweiht

Eingeweiht wurde die Guthirt-Kapelle 1902 – zur Zeit der Hochblüte des Kur- und Tourismuswesens im Kanton Luzern. Auftraggeber war Vincenz Blum, der 1898 in Richenthal eine Wasserheilanstalt gegründet hatte. Der Direktor des Kurhauses liess nebenan eine Kapelle errichten, damit die Leidenden Gelegenheit hätten, Gott zu bitten und ihm zu danken und damit er selbst von Gott Tag für Tag seinen Segen und seine Kraft holen könne. 22 500 Franken soll die Kirche damals gekostet haben, das Inventar belief sich auf rund 29 000 Franken.

Bei der Innenausstattung wurde dabei quasi «Recycling» betrieben: So stammte der Hochaltar aus der alten Kirche in Göschenen und das Kruzifix über dem Chorbogen zierte ursprünglich die alte Kirche in Knutwil. Für den Fall, dass dereinst nur noch ganz wenige «katholische Kurgäste» nach Richenthal kämen, wären Bischof und Ortspfarrer berechtigt gewesen, die Kapelle «zu versetzen», hielt Blum in einem Briefwechsel fest. Die Holzskelettkonstruktion mit offenem Dachstuhl hätte dies ermöglicht. Die Nähe zur einstigen Wasserheilanstalt symbolisiert noch heute die Gottesmutter auf dem linken Seitenaltar, die ursprünglich in der Hofkirche Luzern gestanden haben soll. Sie wird als «Heil der Kranken» verehrt. In einer Ex-Voto-Inschrift dankt Kurdirektor Blum, dass die Gemeinde 1918 vor der Spanischen Grippe und 1920 vor einer grassierenden Viehseuche verschont geblieben ist.

Viele, die an Gebrechen litten, suchten die Guthirt-Kapelle auf. Davon zeugt gespendetes Inventar. So soll eine lungenkranke Solothurnerin nach ihrer Heilung die Skulpturen von der heiligen Anna, Märtyrerin Katharina, Evangelist Lukas und Franz von Assisi gestiftet haben. Sie sind auf den Seitenaltären zu sehen.

Von der Heil- zur Hochzeitskapelle

Als die Kurgäste allmählich weniger wurden, wurde 1945 die Kapellenstiftung gegründet, die sich fortan um die Guthirt-Kapelle kümmerte. Seit 1987 gehört sie der Kirchgemeinde Richenthal. In den Sommermonaten wird hier einmal wöchentlich Gottesdienst oder Andacht gefeiert. «Das Kirchlein ist auch eine beliebte Hochzeitskapelle», sagt Kaspar Vonmoos-Schumacher, im Richenthaler Kirchenrat fürs Ressort Bau und Unterhalt zuständig. Jährlich fänden hier zwei, drei Trauungen statt. Die Kapelle bietet Platz für rund 80 Besucher, der Vorplatz Sicht aufs Dorf. Die Hanglage hat auch ihre Schattenseiten: In den letzten Jahren machte der Kapelle die Feuchtigkeit zu schaffen. Daher musste 2012 die Sickerleitung in Stand gesetzt und der morsche Holzboden erneuert werden. Zugleich vergrösserte man den Abstand zwischen den Bankreihen und flickte das Wandtäfer. Kostenpunkt gegen 40 000 Franken. «Trotz Unterstützung der Landeskirche und der Denkmalpflege war dies ein happiger Betrag für unsere 500 Mitglieder kleine Kirchgemeinde», sagt Vonmoos.

Restauratoren waren am Werk

Letztes Jahr ging ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung: Dank Spenden und einem grosszügigen Legat einer verstorbenen Richenthalerin (wir berichteten), hatte die Kirchgemeinde 50 000 Franken beisammen, um den Hochaltar im Chorbereich und die beiden Seitenaltäre im Kirchenschiff zu restaurieren. Seit Ende Oktober leuchten sie nun wieder in kräftigem Dunkelrot, Blau und Grün. Eine Farbgebung übrigens, die erst seit 1924 vorherrscht. Wie optische Untersuchungen und Sondierungen zeigten, waren die Altäre ursprünglich in Weiss, Gold und Rosa gehalten.

In einer letzten Restaurierungsetappe sollen die Dekorationsmalereien an der Decke des Kirchenschiffs in Angriff genommen werden. Hier blättert die Farbe, auch der Urin früherer Fledermauspopulationen hat Spuren hinterlassen. «Wir rechnen mit Kosten von gegen 60 000 Franken», sagt Vonmoos. «Schön wäre es, wenn wir auch hierfür wieder grosszügige Spender finden würden.»

Hinweis

Quellen: Waldispühl, Beat und Rolf Michel (2015): Kurkapelle Guthirt, Richenthal LU. Dokumentation und Bericht zur Teilrestaurierung des Chorbereichs. Unterlagen von Kirchenratspräsident Anton Häfliger. Öffnungszeiten: Die Guthirt-Kapelle in Richenthal ist täglich von 8 bis 18 Uhr zugänglich.

Die bereits erschienenen Artikel der Serie finden Sie unter www.luzernerzeitung.ch/serien