RICKENBACH/MOSKAU: In Moskau weibelt ein Luzerner

Er ist Vermittler zwischen Russland und der Schweiz. Nun stehen dem Diplomaten grosse Veränderungen bevor.

Roseline Troxler
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Stefan Estermann vor der Schweizer Botschaft in Moskau. (Bild: PD)

Stefan Estermann vor der Schweizer Botschaft in Moskau. (Bild: PD)

In Russland leben rund 800 Schweizer. Einer davon ist Stefan Estermann (45), der in Sursee geboren und in Rickenbach aufgewachsen ist. Seit dreieinhalb Jahren arbeitet er für die Schweizer Botschaft in Moskau – als erster Mitarbeiter des Botschafters.

«Offene und herzliche Menschen»

Im Frühling 1997 reiste Estermann für ein Stage zum ersten Mal nach Russland. Alles östlich von Bern hat den Politikwissenschaftler seit jeher fasziniert. Die boomende Grossstadt Moskau hat ihn sofort gefesselt. «Die Moskauer Metro war für mich wie das achte Weltwunder», erzählt er begeistert. Und nach dem ersten Eindruck von den Russen als etwas verschlossene und schroffe Menschen hat Stefan Estermann diese bald als sehr warm, offen und herzlich wahrgenommen. «Die Russen sind Weltmeister im Improvisieren, sie sind lebensfroh und leben in der Gegenwart.» Die Geschichte habe sie gelehrt, dass oft alles anders komme als geplant.

Nach mehreren Jahren beim Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA), davon vier als erster Mitarbeiter in Kiew, ist Stefan Estermann im Januar 2010 mit seiner Frau und der heute sechsjährigen Tochter nach Moskau gezogen. «Meine Tochter besuchte den normalen Kindergarten im Quartier und spricht inzwischen fliessend Russisch», erzählt er.

Im Georgienkonflikt vermittelt

Als erster Mitarbeiter vertritt Stefan Estermann den Botschafter Pierre Helg und führt die Botschaft als Geschäftsträger ad interim, wenn dieser landesabwesend ist. Zudem leitet er die Abteilung für Politik, Rechtsfragen, Presse und Kultur. Er fährt ins Aussenministerium, hält Vorträge, eröffnet Kulturprojekte, nimmt an vielen Sitzungen teil und knüpft Kontakte. «Als Diplomat bin ich Vermittler zwischen zwei Ländern – und zwar immer in beide Richtungen.» 2014 feiern die Schweiz und Russland 200 Jahre diplomatische Beziehungen. Seit der kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Russland und Georgien im August 2008 vertritt die Schweizer Botschaft die Interessen Georgiens in Russland – «eine klassische Form der Guten Dienste der Schweiz». Gleichzeitig setzt sich die Schweiz auch in Georgien für die Interessen Russlands ein.

Die Schweizer Botschaft in Russland ist eine der grössten Schweizer Botschaften. «Russland ist ein Global Player und für die Schweiz wegen des Rohstoffhandels und des Tourismus wichtig.» Die Grossmacht Russland umfasst 11 Prozent der globalen Landmasse. «Man darf Russland nicht unterschätzen.» Die Schweizer Botschaft versuche, für Schweizer Firmen gute Rahmenbedingungen zu schaffen und den Einstieg in den Markt zu ermöglichen. Jedes Jahr stellt die Schweizer Botschaft in Russland 70 000 Visa aus. Zudem betreut sie die Auslandschweizer in konsularischen Fragen.

Estermann ist überzeugt, dass sich die Schweiz international einbringen muss, um ihren Wohlstand zu halten. «Ich bin aber auch für eine solidarische Aussenpolitik und bin stolz, dass ich mich dafür einsetzen kann.» Die Schweiz profitiere sehr von der Globalisierung, müsse dafür aber auch Verantwortung übernehmen.

Einmal pro Jahr zurück nach Luzern

Jedes Jahr reist Stefan Estermann im Frühling mit seiner Familie in die Schweiz, um Verwandte und Bekannte zu besuchen. «Dann gehe ich immer in Sursee meine Anzüge einkaufen und mache einen Abstecher nach Rickenbach.» Dies sei Nostalgie pur. An der Schweiz schätze er, wie schnell man in der Natur sei und wie sauber und gepflegt Städte und Dörfer seien.

Noch ein Jahr wird Stefan Estermann in Moskau arbeiten. Wohin es ihn danach verschlägt, ist noch offen: «Gerne würde ich wiederum einen Posten im Ausland annehmen, aber auch ein Einsatz in Bern an der Zentrale ist möglich.» Estermann ist froh, dass er dies bereits im Herbst erfährt, nicht wie früher erst ganz kurz vor der Versetzung. Im Sommer 2014 heisst es für die Familie Estermann, alles in einen Container zu packen, passende Kleidung einzukaufen, vielleicht eine neue Sprache zu lernen und anderswo wieder neu zu beginnen.

Zunächst aber freut sich Stefan Estermann auf die Olympischen Winterspiele in Sotschi im Februar 2014 mit einem «House of Switzerland», wo sich auch die Botschaft stark engagieren wird.