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Wie das Dampfschiff Wilhelm Tell knapp einer Katastrophe entging

1964 stürzten vom Bürgenstock 200 000 Kubikmeter Fels in den See. Das Dampfschiff Wilhelm Tell war in unmittelbarer Nähe. Kapitän Georg Huber reagierte geistesgegenwärtig - und erhielt dafür eine Prämie von 100 Franken.
Hugo Bischof
Dampfschiff Wilhelm Tell am 3. Oktober 1933 im Urnersee bei Brunnen.

Dampfschiff Wilhelm Tell am 3. Oktober 1933 im Urnersee bei Brunnen.

Als ob es gleich in See stechen würde, steht das Dampfschiff Wilhelm Tell am Luzerner Seeufer beim Schweizerhofquai. In Wahrheit wurde es 1970 stillgelegt und dient seit 1972 als Schiffrestaurant – liebevoll gepflegt von seinem privaten Besitzer. Nur die Dampfkessel wurden entfernt, um mehr Platz für die Küche zu schaffen. Die «Wilhelm Tell» wurde 1908 erbaut und hat in ihrer Aktivzeit viele Abenteuer erlebt. Unter anderem entging sie einst nur knapp einer Katastrophe. Das dramatische Ereignis jährt sich heute zum 54. Mal. Der Luzerner Informatiker und Produzent Bruno Gisi hat es auf seiner Website www.luzerner-dampfschiff.ch neu aufbereitet.

Kapitän Georg Huber.

Kapitän Georg Huber.

Am 8. August 1964 war’s, kurz nach acht Uhr abends. Die «Wilhelm Tell», ein edler Salondampfer mit Schaufelrad-Antrieb und einer Kapazität von 1000 Passagieren (damals war sie aber nicht voll besetzt) hielt auf dem Vierwaldstättersee, von Flüelen her kommend, Kurs auf die Station Hertenstein vis-à-vis des Bürgenstocks. Geplante Ankunftszeit: 20.16 Uhr. Schiffskapitän Georg Huber (der Grossvater des oben genannten Bruno Gisi) hatte das Landemanöver schon eingeleitet, «als unvermittelt, mit ungeheurer Wucht eine Sturzwelle daher geschossen kam, die das sachte zufahrende Schiff an der Brücke zu zerschellen drohte». So steht es in einem Zeitungsbericht von damals.

«Vom Sog fast noch an die Brückenpfosten geschlagen»

Was war geschehen? Um 20.12 hatten sich an der östlichen Flanke des Steinbruchs Obermatt am Bürgenstock aus 160 Metern Höhe 200 000 Kubikmeter Stein gelöst und waren in den Vierwaldstättersee gestürzt. Dadurch entstand eine gewaltige Sturz- und Grundwelle. Georg Huber, Kapitän der «Wilhelm Tell», reagierte geistesgegenwärtig. Sofort liess er die Maschinen volle Kraft zurücklaufen. Ohne dieses Manöver wäre das Kursschiff von der Grundwelle aufs Ufer geworfen worden – was wohl Dutzende Todesopfer gefordert hätte.

Noch war die Gefahr aber nicht vorüber. «Schon folgte, nicht minder heftig, eine zweite Sturzwelle und brachte die Wilhelm Tell wie eine Nussschale ins Schaukeln, riss das Achterschiff gegen das Land zu und drehte den Bug in den See hinaus.» Wieder behielt Huber die Nerven. «Vorwärts», befahl er – «und auf dem Kamm der unheimlichen Welle schaufelte der Dampfer, vom Sog fast noch an die Brückenpfosten geschlagen, mit vollen Touren in den See hinaus, was seine Rettung bedeutete.» Als sich das Wasser etwas beruhigt hatte, drehte die «Wilhelm Tell» wieder auf Hertenstein zu und nahm die dort wartenden, «von der aufschlagenden Sturzwelle vollständig durchnässten» Passagiere auf.

Die Flutwelle nach dem Felsabbruch 1964 am Bürgenstock zerstörte die Fischerei Waldis und die Bootsvermietung Würth in Weggis. Bild: Verein historisches Archiv Weggis
So sah's im Bootshaus eines Weggiser Fischers nach der Flutwelle aus. Bild: Verein historisches Archiv Weggis
Die Flutwelle zerstörte die Ufermauer von Weggis. Bild: Verein historisches Archiv Weggis
Zerstörungen an der Hafenanlage in Weggis. Bild: Verein historisches Archiv Weggis
SGV-Kapitän Georg Huber kommandierte nicht nur das Dampfschiff Wilhelm Tell. Hier steht er auf der Kommandobrücke des Dampfschiffs Italia. Bild: Archiv luzerner.dampfschiff.ch
Kapitän Georg Huber mit Passagierinnen auf dem Dampfschiff Gallia. Bild: Archiv luzerner.dampfschiff.ch
Das Dampfschiff Wilhelm Tell auf voller Fahrt im Vierwaldstättersee. Bild: Archiv luzerner.dampfschiff.ch
Das Dampfschiff Wilhelm Tell in den 1960er Jahren auf dem Vierwaldstättersee. Beim Kapitän mit dem Rücken zur Kamera, der die «Wilhelm Tell» von einem anderen Schiff aus beobachtet, handelt es sich nicht um Georg Huber. Bild: Archiv luzerner.dampfschiff.ch
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Riesen-Flutwelle brachte einst fast ein Dampfschiff zum Kentern

Grosse Zerstörungen zwischen Vitznau und Weggis

Er habe schon viele Stürme durchgemacht, auch ganz schlimme Föhnstürme im Urnersee, gab Kapitän Huber später zu Protokoll. «Aber so etwas habe ich noch nie erlebt. Die grosse Welle hob die Wilhelm Tell hoch empor, und dann fiel sie tief herab. Ich hatte Mühe, das Schiff, das nach dem Zusammenprall mit der fast schiffshohen Welle quer zur Fahrrichtung stand, wieder unter Gewalt zu bringen.» Gemäss Polizeicommuniqué war die Schockwelle anfänglich sagenhafte 20 Meter hoch. Sie zerstörte den Steinbruch-Nauen, zwei Weekendhäuschen, die Boote und die Anlegestellen beim Restaurant Obermatt. Geschichten von wundersamen Rettungen im Obermatt machten die Runde, etwa jene von einem Jungen, der sich instinktiv am eisernen Geländer festhielt, als die riesige Welle auf ihn zuraste. Er überlebte – nur seine Schuhe riss die Welle mit.

Die Sturzwelle bewegte sich längs des Bürgenstocks Richtung Luzern und verebbte auf der Höhe von Kehrsiten. Noch zerstörerischer war die Grundwelle. Ähnlich einem Tsunami brachte sie die gesamte Wassermasse im Weggis-Vitznauer Becken in Bewegung – mit verheerenden Folgen. In Vitznau sank der Seespiegel um 1,5 Meter, bevor die nachfolgende Welle das Ufergelände überspülte. Die zwischen Hertenstein und Vitznau am Ufer vertäuten Boote wurden entweder stark beschädigt oder zerstört. «Sie wurden vom zurückfliessenden Wasser wie angesogen und dann mit ungeheurer Wucht gegen das Ufer geschleudert», so ein Augenzeuge.

Weggis war am schlimmsten betroffen. Der aus Beton und Eisen gebaute Schiffslandesteg wurde von der zurückflutenden Welle weggerissen. Der fünf bis sechs Meter tiefe Seegrund war für einen Augenblick sichtbar. Die Bootswerft Würth inklusive der beiden grossen Motorboote Weggis 1 und 2 wurde vernichtet. Die anschliessend nach Beckenried ausschlagende Welle war dort immer noch 1,2 Meter hoch.

«Rütli» blieb dank Verspätung verschont

Schwerverletzte oder gar Todesopfer gab es glücklicherweise keine, weder an Land noch auf See, unter anderem, weil sich der Felssturz am Abend ereignete, als kaum noch Schiffe unterwegs waren. Neben der «Wilhelm Tell» war noch das Motorschiff «Rütli» mit 75 Personen an Bord Richtung Brunnen unterwegs. Fahrplanmässig hätte es zur Zeit des Felssturzes in Weggis anlegen sollen, doch der Kurs hatte 30 Minuten Verspätung – für einmal dürfte sich niemand darüber beklagt haben. Die Passagiere hörten das Getöse der stürzenden Felsmassen. Etwa drei Minuten später wurde die «Rütli» von der Flutwelle stark geschaukelt, obwohl sie mehrere Kilometer von der Absturzstelle entfernt war.

«Wilhelm Tell»-Kapitän Georg Huber wurde von der Schifffahrtsgesellschaft des Vierwaldstättersees 1964 als Dank für seine «wackere Zusammenarbeit» eine Prämie von 100 Franken zugesprochen (seine sieben Mannschaftsmitglieder erhielten je 20 Franken). 1966 wurde Huber pensioniert; er starb 1981.

«Auch in Zukunft möglich»

Der Steinbruch Obermatt am Bürgenstock auf dem Gebiet der Gemeinde Ennetbürgen wurde 1924 in Betrieb genommen. Vor allem der für den Gleisbau benötigte Kieselkalk wurde hier abgebaut. Vor dem grossen Felssturz von 1964 gab es schon ein Jahr zuvor einen Felsabbruch, der zwei Todesopfer forderte. Darauf wurde der Kiesabbau am Bürgenstock eingestellt und eine Untersuchung eingeleitet. Am 20. Juli 2007 stürzten erneut mehrere tausend Kubikmeter Fels und Erdreich in den Vierwaldstättersee; auch damals verursachte eine Grundwelle Schäden an den Schiffstegen in Weggis. Als Schutzmassnahme wurde daraufhin eine rund 50 000 Kubikmeter grosse Sturzschutthalde (entstanden durch herabgestürztes Gestein) weggeräumt. An ihrer Stelle entstand ein Fallboden. Dieser soll künftige Felsabbrüche auffangen und verhindern, dass das herunterfallende Gestein in den See stürzt.

Naturereignis oder von Menschen verursacht

Die Frage, ob es sich bei den Felsabstürzen am Bürgenstock um Naturereignisse handelte oder ob sie möglicherweise durch Menschen verursacht wurden, beschäftigte auch die Gerichte. Das Bundesgericht urteilte 2014, die gewählte Abbaumethode sei angesichts der bekannten geologischen Verhältnisse «völlig falsch» gewesen. «Am Bürgenstock sind grosse Felsabbrüche auch in Zukunft immer wieder möglich», sagt auf Anfrage der mit dem Gelände vertraute Weggiser Geologe Klaus Louis. «Ursachen dafür können Materialermüdung und Erosion sein.»

Die wohl verheerendste Flutwelle, die sich je im Vierwaldstättersee ereignet hat, wurde in der Nacht vom 17. auf den 18. Juni im Jahr 1601 durch ein Erdbeben der Stärke 6,2 mit Epizentrum im Kanton Nidwalden ausgelöst. Das Erdbeben und die Flutwelle hatten damals gewaltige Sachschäden und viele Todesopfer zur Folge. (hb)

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