Reportage

Riesenstaubsauger macht den Schiffen im Luzerner Seebecken den Weg frei

Weil die Schiffe häufig auf Grund laufen, werden vor den Stegen der SGV rund 20'000 Tonnen Schlamm vom Seegrund entfernt. Die Kosten dafür sind grösser, als ursprünglich geplant.

Roger Rüegger
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Damit die Kursschiffe wieder sicher die Werftstege zwischen dem Inseli und dem Seekag Seeverlad anfahren können, lässt die Schifffahrtsgesellschaft des Vierwaldstättersees (SGV)  den Seegrund im Werftgelände absaugen. (Bild: Nadia Schärli, Luzern, 9. September 2019)
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Ein Nauen mit rund 18 Tonnen Schlamm. (Bild: Nadia Schärli, Luzern, 9. September 2019)
Ein schwimmender Saugbagger zwischen den Stegen der SGV. (Bild: Nadia Schärli, Luzern, 9. September 2019)
Die schwimmende Plattform mit einem Nauen im Vordergrund. (Bild: Nadia Schärli, Luzern, 9. September 2019)
Kurt Morgan, Geschäftsführer der Kibag Bodenrecycling, klettert auf die Silos auf der Plattform. (Bild: Nadia Schärli, Luzern, 9. September 2019)
Das Fachpersonal arbeitet mit Hochdruck auf der Plattform. (Bild: Nadia Schärli, Luzern, 9. September 2019)
Ein Ausschnitt von der zahllosen Wasserleitungen auf der Plattform. (Bild: Nadia Schärli, Luzern, 9. September 2019)
Eine Wasserfontäne auf der Plattform. (Bild: Nadia Schärli, Luzern, 9. September 2019)
Der Schlamm wird zu Platten gepresst und entwässert. (Bild: Nadia Schärli, Luzern, 9. September 2019)
Das Material vom Seegrund wird zuerst mit einem groben Sieb getrennt. (Bild: Nadia Schärli, Luzern, 9. September 2019)
Ein Mitarbeiter zeigt die gröberen Restbestände, die vom Sieb aufgehalten werden. (Bild: Nadia Schärli, Luzern, 9. September 2019)
Die Plattform vom Inseli aus. (Bild: Nadia Schärli, Luzern, 9. September 2019)

Damit die Kursschiffe wieder sicher die Werftstege zwischen dem Inseli und dem Seekag Seeverlad anfahren können, lässt die Schifffahrtsgesellschaft des Vierwaldstättersees (SGV)  den Seegrund im Werftgelände absaugen. (Bild: Nadia Schärli, Luzern, 9. September 2019)

Ein schwimmender Saugbagger ist seit Anfang Juli beim Inseli im Zweischichtbetrieb im Einsatz. Das Gerät mit den überbreiten Raupen trägt vor den Stegen der Schifffahrtsgesellschaft des Vierwaldstättersees (SGV) den Seegrund ab, auf dem sich im Lauf der Jahre eine dicke Schicht von Sedimenten und verschiedenen Materialien angesammelt hat. Damit die Kursschiffe weiterhin sicher an die Werftbrücken zu- und wegfahren können, muss die SGV diese Sedimente entfernen.

Maschinist Sandro schwenkt an einem sonnigen Montagmorgen im September den Baggerarm, an dem eine Leitung mit einem Durchmesser von zirka 20 Zentimetern befestigt ist, langsam hin und her. Der Arbeitsvorgang ist einfach zu beschreiben: Der Bagger funktioniert wie ein Staubsauger. Nur wird das angesaugte Material am Seegrund nicht in einem Sack aufgefangen, sondern mit Seewasser durch die Leitung gepumpt, die zur grünen Plattform mit den fünf gelben Silos vor dem Inseli führt.

In 100 Jahren hat sich ein Meter Schlamm angesammelt

Die Abtragarbeiten auf dem Seegrund sind nötig, weil sich in den letzten 100 Jahren eine rund ein Meter dicke Schicht Schlamm angehäuft hat, weshalb die Schiffe gebietsweise den Grund berühren. «Der Boden verschlammt im Jahr um rund einem Zentimeter. Im sehr trockenen Sommer 2018 machte sich das für die Schiffe durch den tiefen Wasserstand besonders gut bemerkbar», erklärt Kurt Morgan, Gesamtleiter des Projekts und Geschäftsführer der Kibag Bodenrecycling.

Ein Grund für die SGV, in die Zukunft zu investieren. Sie beauftragte die Kibag, den Wasserstand auf ein Level zu bringen, das einen störungsfreien Schiffsverkehr für weitere Jahrzehnte ermöglicht. Auf einer Fläche von 15000 Quadratmetern, was etwa zwei Fussballfeldern entspricht, sollen 20000 Tonnen Material entfernt werden. «Das Abtragen ist nicht sehr kompliziert. In Ländern mit vielen Kanälen wendet man solche Arbeitsweisen häufig an. In der Schweiz ist diese Praxis mit dem schwimmenden Bagger, den wir hier anwenden, aber neu», sagt Morgan.

Der abgesaugte Schlamm gelangt zunächst zu einer Aufbereitungsanlage, die sich auf der schwimmenden Plattform befindet. Dort werden grössere Gegenstände wie Glasscherben, Plastikteile, Schrauben oder Holzstücke herausgefiltert. Anschliessend wird der Schlamm in den Silos am Inseli entwässert. Das daraus gewonnene Wasser wird grösstenteils wieder in den See zurückgegeben. Der restliche Schlamm wird per Nauen zu einer Deponie gebracht.

Job an einem der schönsten Arbeitsplätzen der Stadt

Ganz oben bei den Silos am Inseli überwacht Luzia Balmer der Firma Recytec AG, welche die Entwässerungsanlage vermietet und bedient, das herbeigepumpte Material mit geübtem Blick. Sie ist mit Kibag-Maschinist Sandro via Funk in Kontakt. Sobald das Wasser mit dem Schlamm eine bestimmte Färbung aufweist, gibt sie ihm Order, mit dem Absaugen eine Pause einzulegen. «Der Saugbagger kann mehr Material liefern, als die Plattform verarbeiten kann», erklärt die gelernte Velomechanikerin, die das Arbeiten in der Werkstatt aufgegeben hat und stattdessen vorübergehend an einem der wohl schönsten Arbeitsplätze Luzerns tätig ist.

Das Konzept mit der schwimmenden Plattform ist weltweit ziemlich einmalig. «Die Komponenten auf der Plattform wurden eigens für dieses Projekt in dieser Weise zusammengestellt», erklärt Morgan. Selbst die Fachleute aus Holland und Italien hätten so etwas noch nie gesehen. In Luzern hat man die Methode vor allem deshalb gewählt, weil an Land der Platz fehlen würde für eine solche Installation. Ebenfalls keine Option war, das Material über mehrere Kilometer durch die Leitung zu transportieren.

Was macht der Betonbrunnen auf dem Seegrund?

Bislang gab es keine grösseren Störungen. Ein- oder zweimal musste der Betrieb für mehrere Stunden unterbrochen werden, weil die Leitung durch grössere Gegenstände verstopft war. Polier Marcel Schmidiger, der sein Büro in einem Container auf der Plattform installiert hat, gibt einige Beispiele von solchen Fundstücken: «Aus den Gegenständen, die wir vom Grund heraufholten, könnte man eine komplette Küche einrichten. Auch Velos haben wir in grosser Zahl herausgefischt, und immer wieder Werkzeuge», sagt der junge Mann. Der ungewöhnlichste Fund ereignete sich allerdings am ersten Samstag im September: Ein Brunnen aus Beton mit einer Länge von rund drei Metern. Noch sei nicht klar, was es mit dem Brunnen auf sich hat. Schmidiger vermutet, dass er von der Mole stammen könnte, die sich in den 60er-Jahren an dieser Stelle befand.

Der gepresste Schlamm wird mit Nauen nach Rotzloch am Alpnachersee transportiert, von wo er entsprechend dem Verschmutzungsgrad gesetzeskonform entsorgt wird. Das Schiff transportiert rund 180 Tonnen pro Ladung. Der Kanton Luzern hat für diese Transporte strenge Auflagen erlassen. Die entsprechende Einhaltung wird täglich überprüft.

Ende September sollen die Absaugarbeiten beendet sein. Die Kosten für die Entschlammung des Seegrunds wurden ursprünglich mit 2,3 Millionen Franken veranschlagt. Mittlerweile liegen sie aufgrund von Mehraufwand bei gut 3 Millionen Franken. Die SGV als Benutzerin des Hafens und der Kanton als Eigentümer des Sees sind sich bezüglich Kostenübernahme aber noch uneins. «Die SGV als eidgenössische konzessionierte Schifffahrt ist auf einen funktionierenden Hafen angewiesen. Der Kanton ist für seine Gewässer und deren Schiffbarkeit verantwortlich. Wir hoffen, dass wir einen Schlüssel finden, wie wir die Kosten aufteilen können», sagt Martin Wicki, Delegierter der SGV Holding AG für Sonderprojekte.

Der Kanton Luzern will nichts bezahlen

Beim Kanton ist die Sichtweise etwas anders. Auf Anfrage unserer Zeitung gibt das zuständige Bau-, Umwelt- und Wirtschaftsdepartement folgende Antwort: «Es gibt weder im kantonalen Recht noch im Bundesrecht eine gesetzliche Grundlage, die den Kanton zur Ausbaggerung oder zu deren Mitfinanzierung verpflichtet. Aus diesem Grund wird sich der Kanton nicht an den Kosten beteiligen. Damit bleibt dies Sache der Betreiberin.»