Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Bauer Rölli mag es wild

Wie wir Lebensmittel produzieren, schadet Bauern und der Natur. Das sagt Permakultur-Pionier Beat Rölli. Auf seinem Berghof ob Malters geht er deshalb neue Wege – und überfordert damit die Behörden.
Raphael Zemp
Seine Beerensträucher gelten nicht als landwirtschaftliche Kulturen: Permakultur-Bauer Beat Rölli auf seinem Hof Chuderboden. (Bild: Corinne Glanzmann (Malters, 25. Juni 2018))

Seine Beerensträucher gelten nicht als landwirtschaftliche Kulturen: Permakultur-Bauer Beat Rölli auf seinem Hof Chuderboden. (Bild: Corinne Glanzmann (Malters, 25. Juni 2018))

«Die sind noch ein wenig zu sauer.» Beat Rölli verzieht kurz sein Gesicht und schiebt sich die restlichen Cassis-Beeren auf einmal in den Mund. Dann zieht er seinen Cowboyhut tiefer ins Gesicht, greift zur Sense und lässt ihre angerostete, krumme Klinge durch hüfthohes Gras und Brennnesseln gleiten. Schwung um Schwung kämpft er sich vor – bis zum nächsten Beerenstrauch. Grillen zirpen, Vögel zwitschern, Schmetterlinge flattern geräuschlos in der schwülen Sommerluft.

Bloss 200 Höhenmeter, einige enge Kurven und steile Rampen liegen zwischen dem 1,5 Hektar kleinen Malterser «Chuderboden»-Hof und dem Werthensteiner Ortsteil Schachen – und doch Welten. Im Talboden reihen sich sauber geschnittene Wiesen an exakt angelegte Maisfelder an Obstbäume in Reih und Glied. Wer hier oben ankommt, und einen gutschweizerischen Bauernhof vor Augen hat, der ist erst einmal erstaunt ob den scheinbar wild wuchernden Pflanzen. Das ist aber keine Vernachlässigung, sondern beabsichtigt. Hier bauen Rölli und seine Helfer einen Vorzeigehof auf, nach den Prinzipien der Permakultur.

Eine Landwirtschaft für die Ewigkeit

Der Begriff Permakultur setzt sich zusammen aus den Wörtern «permanent» und «Agrikultur» – und genau das will die gleichnamige Bewegung auch erreichen: Eine dauerhafte Landwirtschaft. Sie soll nicht nur ökonomisch, sondern vor allem ökologisch sein und so den Menschen dauerhaft eine Lebensgrundlage sichern. Ein Versprechen, das die konventionelle Landwirtschaft gemäss Rölli nicht einlöst: «Was hinter der scheinbar schönen Fassade der Schweizer Landwirtschaft abläuft, ist wirtschaftlicher Unsinn und eine ökologische Katastrophe.»

Die Leistung der Schweizer Bauern will Rölli dabei nicht schmälern. In den Plantagen etwa reife viel Obst, Kühe lieferten riesige Mengen Milch. Wohl will er aber den Preis dieser Art von Landwirtschaft aufzeigen. Den bezahlten einerseits die Bauern, «die 70 bis 80 Stunden in der Woche chrampfen, um nicht zu verlumpen». Schaden nehme vor allem aber die Natur – und damit wir alle. Unmengen an Energie verschlinge die übermechanisierte Landwirtschaft, verschmutze Boden, Gewässer und Luft mit Abgasen, Pestiziden und Dünger, lasse Humusschichten dahinschmelzen.

Studierter Biologe, langjähriger Kantilehrer

Hat Rölli erst einmal Feuer gefangen, ist er kaum mehr zu bremsen. Schnell hebt die Diskussion ab, lässt den «Chuderbode»-Hof weit hinter sich. Das überrascht wenig. Landwirtschaft, die Natur und deren Schutz; diese Themen begleiten Rölli schon sein gesamtes Leben. Aufgewachsen ist der 53-Jährige in Beromünster auf einem Bauernhof, schon in jungen Jahren treibt ihn das «Waldsterben» in die Arme von Naturschutzorganisationen. Er studiert Biologie, unterrichtet danach während fast zwanzig Jahren an diversen Gymnasien, auch in Beromünster und Stans – meist Teilzeit.

Während das Unterrichten für Rölli zunehmend an Reiz verliert («es wiederholt sich alles»), gewinnt die Permakultur gleichsam an Stellenwert. Es ist kurz nach der Jahrtausendwende, Permakultur-Pioniere wie der Österreicher Sepp Holzer werden erstmals in den Medien herumgereicht, da packt es auch den Bio-Lehrer. Er besucht Kurse in Österreich und Italien, schliesst eine Diplom-Ausbildung in Deutschland ab. Die wird vom Schweizer Staat zwar nicht anerkannt, befähigt ihn aber immerhin dazu, selber Kurse anzubieten. 2009 bricht er endgültig mit dem Brotjob Gymnasiallehrer, das einstige Hobby Permakultur wird zum Beruf. Über 300 Interessenten hat Rölli seither in Kursen unterrichtet, unzählige Landwirte und Private beraten.

Dabei lehrt Rölli vor allem, mit der Natur zu arbeiten, statt gegen sie. Konkret heisst das: weniger und gezielter Maschineneinsatz sowie Verzicht auf Chemikalien. Will der Permakultur-Bauer einen fruchtbareren Boden, so zieht er nicht reflexartig mit schweren Traktoren tiefe Furchen in den Boden und führt Kunstdünger aufs Feld. Sondern er lässt Pflanzen spriessen, die besonders tiefe Wurzeln treiben – und so die Erde auflockern. Oder er lässt geschnittenes Gras liegen, führt so dem Boden Nährstoffe zu und schafft dabei erst noch ideale Bedingungen für Erdkrabbeltierchen, die dessen Fruchtbarkeit zusätzlich verbessern. Er zögert auch nicht, verschieden Kulturen miteinander zu setzen, denn er weiss: Gewisse Pflanzen unterstützen sich gegenseitig. Etwa im Wachstum, oder indem sie «Schädlinge» in Schach halten. «Für jedes Problem gibt es unzählige Lösungen», ist Rölli überzeugt. Es brauche bloss Neugierde, Kreativität – und vor allem: Wissen.

«Falsche Anreize» und «Planwirtschaft»

Es sind gezielte, weniger brachiale Eingriffe in die Natur, die oft erst in ihrer Summe augenfällig werden, weil ungewohnt wild. Statt Monokultur dominieren Mischformen; es spriesst und wuchert. Zweifelsohne komme das der Natur zu gut. Die Biodiversität auf Hof sei sehr hoch, sagt Rölli. Weniger begeistert aber sind die Behörden. Die Landwirtschaftspolitik sei viel zu sehr in ihrer «falsch gesteuerten Planwirtschaft» verhaftet, die mit «falschen Anreizen» letztlich «subventioniertem Raubbau an unserer Lebensgrundlage» betreibe. «Echte Innovation» hingegen würden sie nicht als solche erkennen, ereifert sich Rölli.

Diese heftigen Anschuldigungen sind auch das Resultat vieler unliebsamer Erfahrungen. Jahrelang habe er sich «mit den Behörden herumschlagen müssen», bis sie seinen Berghof als landwirtschaftliches Gewerbe anerkannten. Wobei seine Cassis-, Fels-und Johannisbeeren-Sträucher, die Kirsch-, Quitten- und Mispelbäume nach wie vor nicht als landwirtschaftliche Kulturen gelten, weil sie nicht als Mono-, sondern als Mischkulturen angepflanzt sind - «und somit zu wild für die strikten Vorstellungen der Beamten», sagt Rölli.

«Permakultur ist mehr als eine utopische Träumerei»

Umso mehr hofft Rölli, dass sein Projekt bald an Fahrt gewinnen und – sprichwörtlich – Früchte tragen wird. Um nicht nur die skeptischen Behörden eines Besseren zu belehren, sondern auch den zahlreichen Kritikern zu zeigen: «Permakultur ist mehr als eine utopische Träumerei». Das ökologische Versprechen habe er dabei bereits eingelöst, sagt Rölli. Aber ob sich ein 1,5 Hektar kleiner Hof in rutschgefährdeter Hanglage tatsächlich gewinnbringend betreiben lässt? Rölli ist überzeugt davon. Erstens, weil seine Permakultur-Obstanlage weniger Energie und Aufwand verschlinge. Aber auch weil er Marktlücken besetzen, und seine Produkte dereinst auf dem Hof weiterverarbeiten will («Die Margen fallen sonst zu gering aus.»)

In zwei, drei Jahren sollen der Hof so ebenso vielen Personen ein Auskommen bescheren. Bis es soweit ist, gibt es noch einiges zu tun. Die Remise etwa muss fertiggestellt, ein neues Haupthaus errichtet werden. Weiter sollen sich dereinst ein Verarbeitungsraum und ein Gewächshaus dazugesellen. Viel Zukunftsmusik, in die der Familienvater von drei Jungen nicht nur eigenes Geld, sondern viel Zeit investiert: Nebst Kursen und Beratungen rund die Hälfte seines Arbeitspensums.

Und dennoch denkt Rölli bereits an sein nächstes, ungleich ehrgeizigeres Projekt: Mit seiner Unterstützung sollen in den nächsten zehn Jahren zehn weitere Modellhöfe entstehen. Erste Interessenten hätten sich bereits gemeldet.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.