RÖSSLIMATT: SBB-Flop: Stadt Luzern stellt Weichen neu

Die SBB finden weiterhin keinen Hauptmieter für den geplanten Bürokomplex am Bahnhof Luzern. Die Stadt sieht sich jetzt sogar veranlasst, ihre Wirtschaftspolitik anzupassen.

Robert Knobel
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Die SBB wollen das Rösslimatt-Areal nach wie vor überbauen. Zuerst den Güterschuppen (langes Gebäude, Bildmitte) und danach das Gleisfeld links davon. (Bild: Nadia Schärli (Luzern, 26. Oktober 2017))

Die SBB wollen das Rösslimatt-Areal nach wie vor überbauen. Zuerst den Güterschuppen (langes Gebäude, Bildmitte) und danach das Gleisfeld links davon. (Bild: Nadia Schärli (Luzern, 26. Oktober 2017))

Robert Knobel

robert.knobel@luzernerzeitung.ch

Gleich neben dem Hauptbahnhof Luzern liegt das Rösslimatt-Areal, das den SBB gehört. Die Bundesbahnen wollen dort eine neue Büroüberbauung realisieren. Nun könnte man meinen, dass es nur so von interessierten Firmen wimmelt, die an diese Top-Lage ziehen wollen. Doch dem ist nicht so. Seit Jahren suchen die SBB vergebens einen Hauptmieter für die Überbauung. Solange nicht mindestens 50 Prozent der Büroflächen vergeben sind, wollen sie nicht mit dem Bau beginnen. Deshalb ist das Projekt seit Jahren blockiert.

Aus Sicht der Politik wird der Fall Rösslimatt zunehmend zum Ärgernis – so sehr, dass man sich jetzt die Frage stellt, ob die Ausrichtung der städtischen Wirtschaftspolitik überhaupt noch richtig ist. Denn der Stadtrat hat bisher immer die Wichtigkeit von grossen, zusammenhängenden Büroflächen betont. Solche seien in Luzern Mangelware, was die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt enorm behindere – so lautete insbesondere das Credo des früheren Stadtpräsidenten Stefan Roth. Die Förderung von grossen Büroflächen ist daher auch im städtischen Wirtschaftsbericht festgehalten. Doch das schwache Interesse am Projekt Rösslimatt zeigt, dass der Bedarf an solchen Flächen offenbar gar nicht so gross ist. Auch aus Wirtschaftskreisen war in letzter Zeit immer häufiger zu hören, dass es in Luzern gar keinen Mangel an grossen Büroräumlichkeiten gebe.

Wirtschaftsbericht wird überprüft

So verwundert es nicht, dass sich Finanzdirektorin Franziska Bitzi (CVP) fragt, ob die gegenwärtige Ausrichtung der städtischen Wirtschaftspolitik noch stimmt. «Der Wirtschaftsbericht soll entsprechend überprüft werden», erklärt Bitzi. Schliesslich zeige ja schon die stetig wachsende Zahl von Arbeitsplätzen in der Stadt, dass die Büroflächen kein zentrales Problem darstellen.

Die logische Konsequenz daraus wäre eigentlich, dass die SBB ihr Projekt in der Rösslimatt überarbeiten, findet Grossstadtrat ­Daniel Furrer (SP). Statt grosse Büroflächen zu planen, die offenbar gar niemand will, solle man besser Raum für Start-ups, Ateliers und Gewerbe schaffen. Dass die SBB nach wie vor an ihrem ursprünglichen Projekt festhalten, zeige, dass die Bundesbahnen «nur den grösstmöglichen Profit herausschlagen wollen.» Damit, so Furrer, werde aber die Entwicklung eines ganzen Stadtteils auf Jahre hinaus blockiert. Daniel Furrer hat im Stadtparlament ein Postulat eingereicht, das den Stadtrat auffordert, bei den SBB auf eine rasche Entwicklung des Rösslimatt-Areals einzuwirken. Das Postulat wurde am Donnerstag im Parlament überwiesen – wenngleich die Einflussmöglichkeiten des Stadtrats begrenzt sind. Allerdings gibt es offenbar Anzeichen dafür, dass auch die SBB nicht mehr ewig zuwarten wollen. Albert Schwarzenbach (CVP) hat sich selber bei den SBB umgehört und folgendes erfahren: Sollte nach zwei bis drei Jahren noch immer kein Hauptmieter gefunden sein, überlegt man sich, das ganze Rösslimatt-Areal zu verkaufen.

Beim Projekt, für das die SBB zurzeit einen Hauptmieter suchen, handelt es sich um die erste Etappe der Rösslimatt-Überbauung mit Namen Perron. In späteren Etappen soll auch das restliche Areal des Güterbahnhofs zwischen Citybay und Schü­ür neu überbaut werden. Dort wäre gemäss Ideen von Stadt und SBB auch eine Wohnnutzung denkbar. Dazu müsste das Areal aber zuerst in die Wohnzone umgezont werden. Zudem ist das Areal als Bauplatz für den Tiefbahnhof vorgesehen. Daher kann ein entsprechendes Projekt erst nach Eröffnung des neuen Bahnhofs umgesetzt werden.