ROLLSTUHLSPORT: «Ich hadere nicht mit meinem Schicksal»

Er spielte einst Fussball, fuhr Ski-und Snowboardrennen. Doch seit drei Jahren ist alles anders. Nun nimmt Andrin Deschwanden aus Horw an der Junioren-WM in Nottwil teil. Mit klaren Zielen.

Theres Bühlmann
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Andrin Deschwanden (15) beim Paraplegiker-Zentrum in Nottwil, wo morgen die Junioren-WM beginnt. (Bild: Dominik Wunderli (20. Juli 2017))

Andrin Deschwanden (15) beim Paraplegiker-Zentrum in Nottwil, wo morgen die Junioren-WM beginnt. (Bild: Dominik Wunderli (20. Juli 2017))

Er ist ein aufgestellter Teenager. Einer, der sich gut ausdrücken, mit dem man beim Interviewtermin viel Spass haben kann – und der zu den Talenten im Rollstuhlsport zählt. Mit Engagement bereitet sich der 15-jährige Andrin Deschwanden aus Horw auf die Junioren-WM in Nottwil vom 3. bis 6. August vor und gehört zu jenem Quartett, welches die Schweiz bei diesen Titelkämpfen vertreten wird. Qualifiziert hat er sich über die Distanzen 100, 200 und 400 Meter. Sein Ziel: ein Podestplatz.

Vielleicht wäre er heute Fussballer oder Skifahrer. Doch der 6. Juli 2014 veränderte alles. ­ Im Lager der Jungwacht Horw machte sich eine Gruppe auf die Suche nach Material, um das Vorzelt fertigzustellen. Andrin trug zusammen mit einem Leiter einen Baumstamm auf der Schulter, rutschte aus, und ein Ast bohrte sich auf der rechten Seite in den Hals. Nerven wurden abgedrückt und gequetscht, aber zum Glück nur teilweise durchtrennt. Eine Restfunktion ist vorhanden, man spricht von einer inkompletten Lähmung.

Er schafft es sogar, einige Schritte zu gehen

Andrin wurde erst ins Kinderspital Zürich eingeliefert, dann in die Uniklinik Balgrist und drei Wochen nach dem Unfall ins Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ) nach Nottwil. Acht Monate dauerte die Reha. Dank inten­siver Physio- und Ergotherapie wurden viele Muskeln reaktiviert, und so konnte er Funktionen an Händen und Armen zurückgewinnen. Er schafft es auch wieder, einige Schritte zu gehen. Doch der Rollstuhl bleibt sein täglicher Begleiter. «Nein», sagt er, «ich hadere nicht mit meinem Schicksal. Nur damals, zu Beginn der Reha, da fühlte ich mich in meinem Körper gefangen.»

Er, der einst bei den Horwer D-Junioren als Mittelfeldspieler agierte und Snowboard- sowie Skirennen bestritt, suchte nun eine neue sportliche Herausforderung. Schon während der Reha in Nottwil betrieb er Rollstuhlrugby, fand dann auch zur Rollstuhlleichtathletik und blieb bei dieser Sportart. Vor zwei Jahren bestritt er sein erstes Rennen. Zu fahren war eine Distanz von 3,5 Kilometern, und dies im strömenden Regen. Lustig sei dies gewesen, erinnert sich Andrin Deschwanden.

Langsam stellten sich Erfolge ein: 2015 gewann er an der Schweizer Meisterschaft der Junioren zwei silberne Auszeichnungen, ein Jahr später konnte er sich über 400 und 800 Meter als Sieger ausrufen lassen. Er absolvierte in den letzten beiden Jahren unter anderem auch die Einlagerennen bei «Spitzenleichtathletik Luzern». Für einen Platz ganz vorne reichte es nicht, «aber ich kann so wertvolle Erfahrungen sammeln». Und diese sind wichtig, denn Andrin Deschwanden hat sich einiges vorgenommen. «Ich möchte in zwei Jahren wieder an der Junioren-WM starten und dann an die Europameisterschaft der Elite reisen.» Für eine WM bei den Topathleten müsse er sich noch Zeit geben.

Doch den Traum eines jeden Sportlers, denjenigen von Olympia, hegt auch er: «Einmal an den Paralympics teilnehmen, das wäre schon cool.» Um all diese Ziele zu erreichen, arbeitet er hart, trainiert dreimal in der Woche auf den Leichtathletikanlagen beim SPZ in Nottwil. Zweimal ist in Horw Krafttraining angesagt.

Die Familie gibt ihm Kraft und ist sein Rückhalt

Andrin Deschwanden legt den Fokus nicht nur auf den Sport, sondern auch auf die schulische Ausbildung. Ende Sommer beginnt mit der dritten Oberstufe in Horw sein letztes Schuljahr, und dann möchte er die Talents School der Frei’s Schule in Luzern besuchen, um die kaufmännische Lehre zu absolvieren.

Bei all seinen Tätigkeiten ist ihm die Familie sehr wichtig: Mutter Judith, Vater Paul und Schwester Anuschka. Sie gibt ihm Kraft, ist sein Rückhalt, auf sie kann er sich verlassen. Wenn es seine Zeit erlaubt, trifft er sich mit Kollegen, hört Musik, am liebsten Pop und Rock. Er macht nach wie vor bei der Jungwacht Horw mit. Mit dem Rollstuhl lasse sich fast alles bewerkstelligen. Nur als es auf den Pilatus ging, «da musste ich passen».

Andrin ist übrigens nicht der einzige Horwer Sportler namens Deschwanden. Sein Cousin ist der Skispringer Gregor Deschwanden. «Wir haben ihn auch schon bei Wettkämpfen in Engelberg und Einsiedeln besucht, und ab und zu treffen wir ihn in Horw», sagt Andrin, setzt seinen Helm auf und begibt sich in Nottwil auf die Trainingsrunden. In einem Rennrollstuhl übrigens, der einst seinem grossen Vorbild, dem mehrfachen Paralympics-Sieger, Welt-und Europameister Marcel Hug, gehörte.

Theres Bühlmann

theres.buehlmann@luzernerzeitung.ch