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ROM: «Gardist sein ist eine Hingabe»

Christoph Graf ist seit einer Woche Kommandant der Schweizergarde. Der Familienvater lebt seit 28 Jahren glücklich im Vatikan. Er vermisst nur den Napf und Luzerner Nachwuchsgardisten.
Christoph Graf (ganz links) bei einer Zeremonie im März 2013 im Vatikan. (Bild: Keystone)

Christoph Graf (ganz links) bei einer Zeremonie im März 2013 im Vatikan. (Bild: Keystone)

Roger Rüegger

Am Tag seiner Beförderung weilte Christoph Graf morgens noch in der Schweiz. Er sass in Roggliswil LU mit seiner Mutter Irene Graf und einer Schwester am Zmorgetisch. Wenige Stunden später übernahm der 53-Jährige im Vatikan das Kommando der Schweizergarde. Die Neuigkeit vernahm seine Familie am Radio. «Er hat sich am Morgen nichts anmerken lassen. Aber er wusste wahrscheinlich davon», sagt Irene Graf. Diesen Eindruck bestätigt Kommandant Graf: «Das ist richtig. Ich wusste es. Und natürlich hätte ich es meiner Familie lieber selber erzählt, als dass sie davon aus den Medien erfahren musste. Aber darüber durfte ich nicht reden.»

Ausbruch und Glaube

Dass er dereinst Kommandant werden könnte, war für Christoph Graf, der vor 28 Jahren von Papst Johannes Paul II. vereidigt wurde, nie ein Thema. «Als ich mich mit 25 Jahren beworben hatte, war dies ein Ausbrechen aus dem Alltag. Ich arbeitete auf dem Postbüro in Zofingen und fragte mich, ob das wirklich mein Leben sein sollte», erklärt Graf seinen Entschluss von damals. Grosse Hoffnungen, dass er tatsächlich in die Garde aufgenommen werde, habe er nicht gehegt. Erst ein Jahr später, am 2. März 1987, konnte er einrücken.

Das Ausbrechen aus dem normalen Leben war jedoch nicht der einzige Grund für seine Bewerbung. «Es ist speziell, dass wir Schweizer das Privileg besitzen, den Heiligen Vater zu schützen.» Der religiöse Hintergrund ist für Graf dabei sehr wichtig. Es reiche nicht, dem Papst zu dienen, sagt er. «Man muss ein solides Glaubensfundament haben. Es gibt keinen schöneren Dienst, als in seiner Nähe zu sein. Gardist sein ist eine Hingabe.» Diese Aufgabe hat Graf aufblühen lassen. Deshalb fiel es ihm nicht schwer, sein Umfeld zu verlassen.

«Habe mich nie festgelegt»

Die meisten Schweizergardisten dienen zwei Jahre. Sie absolvieren die obligatorische Dienstzeit. Dass Graf schon 28 Jahre im Vatikan lebt und arbeitet, war so zwar nicht geplant. Sein Ziel war aber auch nicht, nur die Minimaldienstzeit zu absolvieren. «Ich habe mich nie festgelegt. Es hat mir immer gepasst hier. Der Dienst, die Freizeit und die Nähe zum Papst.» Dass er für lange Zeit in Rom bleiben wird, haben seine Familienangehörigen in der Schweiz gespürt. Mutter Irene sagt: «Als er zum Feldweibel befördert wurde, sagte mein Mann: ‹Jetzt kommt er nicht mehr heim.›»

Christoph Graf ist ein Familienmensch. Seine italienische Frau Brigida lernte er im Wallfahrtsort San Giovanni Rotondo kennen. Die Familie mit Tochter Irene (13) und Sohn Francesco (8) verbringt praktisch alle Ferien in der Schweiz, wo Graf acht Geschwister hat. «Die Kinder freuen sich jeweils, wenn sie in Roggliswil, wo es kaum Verkehr hat, über die Wiesen springen können. Das ist schon eine andere Welt als im Vatikan, wo wir innerhalb der Kaserne in einer Dienstwohnung leben», sagt Graf.

Obwohl er glücklich ist in Rom und auch in der dortigen Region seine Hobbys Wandern und Skifahren ausüben kann, vermisst er manchmal die Umgebung rund um Richenthal, wo er aufgewachsen ist. «Von zu Hause aus war ich in zwei Minuten im Wald. Ausserdem ging ich gerne auf den Napf zum Wandern, das fehlt mir schon», sagt er. Heimweh habe er jedoch nicht. Zumal er regelmässig Besuch von Familienmitgliedern erhält. Sein jüngerer Bruder Marcel diente ebenfalls zwei Jahre in der Garde. Nähe zu seinem Heimatkanton würde aufkommen, wenn mehr Luzerner den Weg nach Rom finden würden. Als Graf der Garde beitrat, hätten 25 Luzerner dem Papst gedient. Heute seien es nur noch deren acht.

«Spürte seine Loyalität»

Auch Regierungsrat Guido Graf, der ein Cousin des Vaters des Kommandanten Graf ist, besuchte ihn in Rom. «Ich erlebte Christoph einmal beim Angelus-Gebet in seinem Büro. In diesem Moment spürte ich seine tiefe Hingabe und seine hohe Loyalität. Das hat mich berührt. Ich sah, dass er am richtigen Ort ist. Er hat eine klare Linie, weshalb ich überzeugt bin, dass er der richtige Kommandant für die Garde ist», so der Gesundheitsdirektor.

Einer, der Christoph Graf als Vorgesetzten erlebte, ist Patrick Hemetschwiler. Der Luzerner ist Präsident des Motorrad-Clubs Hells Angels Zürich und diente zwei Jahre in der Schweizergarde. «Christoph Graf war zu der Zeit, als ich der päpstlichen Schweizergarde beitrat, Vizekorporal und einer meiner Ausbildner. Ich habe ihn als ruhigen und kompetenten Gardisten kennen und schätzen gelernt und habe gerne mit ihm zusammen gedient.»

Graf selber sagt über seinen Führungsstil: «In der Garde geht es human zu. Die Gardisten dienen freiwillig. Sie haben sich entschieden, Freunde und Familie für zwei Jahre zu verlassen. Deshalb ist es wichtig, dass sie sich wohlfühlen.» Die Disziplin in der Garde werde aber dennoch hochgehalten. «Schliesslich haben wir den Auftrag, den Stellvertreter Christi auf Erden zu schützen.»

«Der Umgang in der Garde ist freundschaftlich»

Erfahrung Pius Segmüller (62) wuchs in Emmen LU auf und war von 1998 bis 2002 Kommandant der Schweizergarde in Rom. Während dieser Zeit hat er mit dem neuen Kommandanten Christoph Graf zusammengearbeitet. Die beiden pflegen bis heute ein freundschaftliches Verhältnis. Im Interview erzählt Segmüller, der heute Chef vom Schiesswesen und Ausserdienstliche Tätigkeiten beim Verteidigungsdepartement ist, wie er die Zeit bei der Schweizergarde erlebt hat – und welchen Herausforderungen sich ein Kommandant stellen muss.

Pius Segmüller, Christoph Graf ist der neue Kommandant der Schweizergarde. Was sind seine Aufgaben?
Pius Segmüller: In erster Linie ist der Kommandant für den Schutz des Papstes zuständig – also für den Personenschutz. Aber ein Kommandant hat noch weitaus mehr Aufgaben. Er muss sein Korps führen und organisieren. Jedes Jahr müssen neue Gardisten rekrutiert werden. Dafür ist einiges an Propagandaarbeit in der Schweiz notwendig, die Leute müssen motiviert werden. Ausserdem müssen die Gardisten, die ins Kader wollen, Weiterbildungen besuchen. Auch diese muss der Kommandant organisieren.

Inwiefern verändern sich die Aufgaben eines Kommandanten im Laufe der Zeit?
Segmüller: Die Aufgaben an sich bleiben immer die gleichen. Aber die Art und Weise, wie man sie umsetzt, wandelt sich. Denn es gibt immer wieder neue Situationen, auf die ein Kommandant vorbereitet sein muss. Ein Beispiel dafür sind Laserpointer. Sie sind eine neue Erscheinung, und ein Kommandant muss darauf reagieren können.

Papst Franziskus ist sehr offen und geht auf die Menschen zu. Eine Herausforderung für Christoph Graf?
Segmüller: Es ist so, dass man den Personenschutz immer auf die Person ausrichten muss, die man schützt. Aber ja, ein Papst, der in die Masse geht, muss entsprechend anders geschützt werden. Und es ist dann auch die Aufgabe des Kommandanten, diesen Personenschutz anzupassen. Er ist schliesslich jene Person, die dem Papst am nächsten ist.

Graf arbeitet bereits seit 27 Jahren für den Papst. Was waren seine Aufgaben, während Sie Kommandant bei der Schweizergarde waren?
Segmüller: Zuerst war er Korporal, dann wurde er zum Wachmeister und anschliessend noch zum Feldweibel befördert. Zudem war er Ausbildungschef der Garde. Er hat den Jungen beigebracht, was sie können müssen.

Als Sie 1998 Kommandant der Schweizergarde wurden, fanden Sie keine einfache Situation vor. Ihr Vorgänger wurde ermordet.
Segmüller: Das war schon eine spezielle Zeit und eine Herausforderung. Ein solches Erlebnis verunsichert ein Stück weit, und ich musste den Gardisten eine neue Perspektive geben. Gewisse Dinge mussten geändert werden. In der Schweiz wurde eine Rekrutierungsstelle geschaffen, und die Ausbildung wurde intensiviert. So konnte ich während meiner Zeit den Bestand der Gardisten erhöhen. Ausserdem erlebte ich während meiner Zeit als Kommandant das Jahr 2000 – welches als heilig ernannt wurde. Der Papst hat während dieser Zeit tägliche Audienzen und Messen gefeiert. Zudem hat er sehr viele Staatsmänner und kirchliche Repräsentanten empfangen, die ich auch alle getroffen habe. Die Zeit bei der Garde habe ich genossen. Meine Frau und meine Kinder lebten ebenfalls in Rom. In einem andern Land zu leben, vor allem im Umfeld des Vatikans, das war für uns alle eine schöne Erfahrung.

Welcher Führungsstil wird bei der Schweizergarde gepflegt?
Segmüller: Das ist ähnlich wie beim Militär. Befehle müssen zuverlässig ausgeführt werden. Es herrscht zwar kein Kasernenton, aber das Disziplinwesen ist dasselbe. Aber bei der Garde ist man über einen längeren Zeitraum zusammen, und deshalb ist der Umgang in der Freizeit sehr freundschaftlich.

Interview Sarah Weissmann
sarah.weissmann@luzernerzeitung.ch

Schweizer galten als unbesiegbar

Garde rgr. «Sie haben ständig über die Sicherheit des Heiligen Vaters und seiner Residenz zu wachen.» Mit diesen Worten wird die Hauptaufgabe der Schweizergarde auf ihrer Internetseite (www.guardiasvizzera.va) beschrieben. Eine weitere Pflicht ist es, den Papst auf seinen Reisen zu begleiten.

Mehr als 500 Jahre Treue
Die Schweizergarde steht seit mehr als 500 Jahren im Dienste der Päpste. Dass Schweizer Söldner angeworben wurden, kam nicht von ungefähr. Die eidgenössischen Soldaten galten aufgrund ihres Mutes, ihrer edlen Gesinnung und ihrer sprichwörtlichen Treue als unbesiegbar. Begonnen hat alles im Jahre 1506, als die ersten Schweizer auf Anfrage des damaligen Papstes Julius II. in Rom eintrafen. Wer in die Schweizergarde eintreten will, muss das schweizerische Bürgerrecht haben. Weitere Voraussetzung ist der erfolgreiche Abschluss einer Rekrutenschule in der Schweizer Armee. Das Korps der Schweizergarde besteht aus 110 Mitgliedern.

Graf bei seiner Vereidigung als Gardist im März 1987. (Bild: pd)

Graf bei seiner Vereidigung als Gardist im März 1987. (Bild: pd)

Am Tag seiner Vereidigung zusammen mit seinen Eltern bei einer Audienz bei Papst Johannes Paul II. (Bild: pd)

Am Tag seiner Vereidigung zusammen mit seinen Eltern bei einer Audienz bei Papst Johannes Paul II. (Bild: pd)

Mit seinem Bruder Marcel (links), der zwei Jahre in der Garde diente. (Bild: pd)

Mit seinem Bruder Marcel (links), der zwei Jahre in der Garde diente. (Bild: pd)

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