RONTAL: Zu wenig Interesse: Chilbi wird abgesagt

In Gisikon und Honau findet nach 15 Jahren erstmals keine Herbstmesse statt. Für Schausteller und Besucher war der Standort zu unattraktiv. Wird die Chilbi in kleineren Ortschaften zum Auslaufmodell?

Gabriela Jordan
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Im Jahr 2006 lockten die Putschautos an der Chilbi in Honau noch ­einige junge Besucher an. (Bild: PD)

Im Jahr 2006 lockten die Putschautos an der Chilbi in Honau noch ­einige junge Besucher an. (Bild: PD)

Gabriela Jordan

gabriela.jordan@luzernerzeitung.ch

Es ist noch gar nicht allzu lange her, als die Chilbi als wichtiges Jahresereignis des Dorflebens galt. Zwischen Schiessbuden und Putschautos tauschten Bekannte Neuigkeiten aus, junge Heiratswillige gingen «z’Tanz», und Politiker sowie Geschäftsleute knüpften Kontakte. Kurzum: Die Chilbi war ein Ort des Sehens und Gesehenwerdens. Obschon die Anlässe noch heute vielerorts beliebt sind, haben sie die eingangs genannten Funktionen im Zeitalter der Dating-Apps und Networking-Plattformen ein Stück weit verloren. Grössere Jahrmärkte wie die Lozärner Määs werden zwar noch immer gut besucht, kleinere Chilbis kämpfen aber teils mit einem Besucherrückgang.

Besonders betroffen ist die Chilbi Gisikon-Honau, die in den letzten fünfzehn Jahren jeweils im September in Honau durchgeführt wurde. Wie der Homepage der Gemeinde Gisikon zu entnehmen ist, wird sie dieses Jahr zum ersten Mal abgesagt. Leicht fiel die Entscheidung den Zuständigen nicht, wie OK-Präsident und Chilbi-Liebhaber René Wild sagt: «Wir haben noch lange versucht, Schausteller zu überzeugen. Aber Honau ist für sie leider nicht mehr interessant. Manche kamen jeweils nur zu uns, wenn sie sonst nirgends einen Platz gefunden haben.» So hätten im Laufe der Zeit immer weniger Leute die Chilbi besucht, was sich auf die Umsätze und die Moral niedergeschlagen habe. Platzmiete und Beteiligung an Stromkosten wurden daher nicht mehr verlangt. «Weil ich gute Kontakte zu Schaustellern pflege, kamen sie in den letzten Jahren noch mir zuliebe. Die Schausteller-Familie Hunziker Schürmann, die uns jahrelang treu war, kündigte aber schon letztes Jahr an, dass es für sie nicht mehr reicht.»

Neuer Anlass könnte Chilbi ablösen

Ob die Chilbi nächstes Jahr wieder stattfindet, ist laut Wild offen. Noch gibt das OK aber nicht auf: «Wir werden weiterhin versuchen, etwas auf die Beine zu stellen. Ob eine Chilbi oder einen alternativen Anlass werden wir im Herbst besprechen.» Um Junge zu erreichen, wurde etwa schon einmal eine Bar aufgestellt. Eine mögliche Zielgruppe könnten Familien mit Kindern sein.

Chilbi, Chöubi, Kirmes – oder Kirchweih

Das in der Schweiz als Chilbi oder Chöubi bekannte Herbstmesse-Fest hat seinen Ursprung im Mittelalter: Damals wurde die Kirchweih oder das Kirchweihfest anlässlich der jährlichen Wiederkehr der Weihe eines Kirchengebäudes gefeiert. Der Tag der Kirchweihe hatte in der jeweiligen Kirche den Rang eines Hochfests.

Vor allem im ländlichen Raum entwickelte sich das Kirchweihfest im Laufe der Zeit zu einer dörflichen Institution, die besonders für Unverheiratete zu einem wichtigen Ort des Kennenlernens wurde. Eine starke Tradition geniesst das Fest in Deutschland. Regionale Bezeichnungen sind dort etwa Kirmes, Kerwe, Kerwa, Kärwa, Kirb, Kerb oder Kilbi. In Österreich spricht man wiederum vom Kirchtag oder Kirtag.

An manchen Orten in Deutschland wird der Beginn der Kirchweih übrigens mit einem besonderen Ritual zelebriert: Dorfbewohner ziehen durch die Strassen und graben eine Flasche oder ein «Fässlä» (Fass) aus dem Boden, das zuvor zu diesem Zweck dort vergraben worden ist. (red)

Wild zufolge ist die Chilbi in Gisikon und Honau nicht die einzige, die unter einem Besucherrückgang leidet. «Es wird überall schwieriger, wie ich von Schaustellern höre. Die kleinen Anlässe nimmt es natürlich zuerst.» Er nennt folgende Gründe: «Früher kam alles, was Rang und Namen hat, an die Chilbi. Aber heute kennen sich die Leute im Dorf ja kaum noch – und an die Chilbi geht man einfach nicht mehr.» In Deutschland, wo mit der Kirmes eine stärkere Chilbi-Tradition bestehe, sei das noch anders, erklärt Wild (siehe Kasten). Manche Orte in der Schweiz, etwa Olten, Wädenswil oder Buonas in der Zuger Gemeinde Risch, hätten diese Tradition übernommen. Dort sei die Chilbi auch heute noch etabliert. Hinzu kommt laut Wild, dass manche Gemeinden im Rontal stärker als andere Orte die Tendenz zu Schlafgemeinden hätten: Durch den derzeitigen Bauboom gibt es viele Neuzuzüger, die sich mit der Gemeinde nicht verbunden fühlen. «Die Gemeinden sind zwar gewachsen, haben dadurch aber keine Dorfkultur mehr.»

Ebikon: Ausrichtung auf Schulen und Vereine

Tatenlos sehen manche Gemeinden dem Trend aber nicht zu: Erst kürzlich sponserte Gisikon seinen Bürgern einen gemeinsamen Restaurantbesuch, damit sich die Leute kennen lernen können. Was die Chilbi betrifft, läuft es andernorts im Rontal offenbar noch etwas besser als in Honau und Gisikon: Etwa in Ebikon und Root läuft die Chilbi nach Angaben der beiden Gemeinden gut. Die Besucherzahlen seien zwar nicht steigend, aber stabil. Besonders bei Schulen und Vereinen, die mit Ständen ihre Lagerkasse aufbessern, seien die Anlässe beliebt. Ebikon kündigt denn auch an, das Konzept auf das Jahr 2018 stärker auf diese Zielgruppe auszulegen.