ROOT: So wird aus Ihrem Güsel Strom

Die neue Kehrichtverbrennungsanlage in Perlen verbrennt nicht nur Abfall. Sie liefert auch Strom und Abwärme in beachtlichem Ausmass.

Luca Wolf
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Projektleiter Ruedi Kummer steht in der Baugrube der Renergia-Kehrichtverbrennungsanlage in Perlen. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Projektleiter Ruedi Kummer steht in der Baugrube der Renergia-Kehrichtverbrennungsanlage in Perlen. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Renergia Perlen: Der Verbrennungsprozess. (Bild: Neue LZ)

Renergia Perlen: Der Verbrennungsprozess. (Bild: Neue LZ)

Frühling 2015. Die neue Kehrichtverbrennungsanlage Renergia in Perlen geht nach dreijähriger Bauzeit in Betrieb.

Wie jede Woche stellt Herr Meier aus Buchrain seinen Güselsack vors Haus, die Kehrichtabfuhr kommt gleich. Er ahnt nicht, welch spannende Reise seinen Haushaltabfällen neu bevorsteht. Und wie effizient seine Joghurtbecher, Milchkartons und Wurstreste nun verwertet und in Energie umgewandelt werden. Denn das 320-Millionen-Projekt Renergia ist nicht einfach eine Verbrennungsanlage. Sie ist vielmehr das grösste Kraftwerk des Kantons Luzern. Dank ausgefeilter Technik liefert es umgerechnet Strom für 38 000 Haushalte.

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Dampf treibt Turbinen an

Und so – siehe Diagramm oben rechts – funktioniert das Ganze:

Herrn Meiers 35-Liter-Abfallsack wird von der Abfuhrflotte eingesammelt, nach Perlen transportiert und in einen riesigen Bunker der Renergia-Anlage gekippt. Dort wird alles, falls nötig, zerkleinert und ein paar Tage gelagert.

Ein Müll-Greifer unter der Decke packt die Becher von Herrn Meiers Lieblingsjoghurt (Apfel mit Zimt) und schüttet sie via Einfülltrichter in den Ofen. Der Abfall verbrennt dort mit 900 bis 1100 Grad. Dass es so heiss wird, hat einen guten Grund: «Der Inhalt des rund 5 Kilo schweren Meier’schen Abfallsacks entspricht einem Heizwert von etwa 1,5 Liter Heizöl», sagt Renergia-Projektingenieur Adrian Schuler. Übrig bleiben ein paar hundert Gramm Asche (Schlacke), die speziell entsorgt werden.

Interessanter als das, was nach unten fällt, ist jedoch das, was nun über dem Feuerrost passiert. Dort strömen die heissen Gase des Verbrennungsprozesses durch einen riesigen Kessel. Im Kessel sind Rohre gefüllt mit Wasser montiert. Das Wasser wird verdampft und der Dampf auf etwa 40 bar Druck bei 420 Grad Celsius gebracht.

Unter grossem Druck werden die heissen Wasserdämpfe durch Rohre in eine Turbine gepresst. Diese Turbine ist in etwa vergleichbar mit dem Düsentriebwerk eines Jets.

Durch die so entstehende Rotation wird zum einen ein Generator angetrieben, der Strom produziert und diesen ins Stromnetz einspeist. Pro Jahr etwa 155 000 Megawattstunden. Zum anderen wird der Dampf für die benachbarte Papierfabrik und ein noch zu bauendes Fernwärmenetz im Rontal verwendet.

60 Prozent weniger Heizöl

Die Papierfabrik nimmt in diesem Prozess eine grosse Rolle ein.

Perlen Papier AG: Über ein bis zu 800 Meter langes Leitungssystem gelangt der Dampf aus der Turbine zur Papierfabrik. Dort muss das hergestellte Papier mit heissem Dampf getrocknet werden. Bislang erzeugte die Papierfabrik diesen Dampf mit Öl und Gas. Mit dem Renergia-Dampf kann die Papierfabrik 60 Prozent ihres Dampfbedarfs decken.

Fernwärme: Mit einem kleinen Teil des heissen Dampfes aus der Turbine wird eine Fernwärmeanlage beliefert. An dieser Anlage sind (falls alles nach Plan läuft) Dutzende Grossfirmen und Wohnüberbauungen angeschlossen. Sie alle nutzen die Wärme der Renergia, um damit ihre Häuser zu heizen und ihren Warmwasserbedarf zu decken.

Wirkungsvoller als Atomkraftwerke

Insgesamt beträgt der Wirkungsgrad dieses Systems über 70 Prozent. Zum Vergleich: Der Gesamtwirkungsgrad von Solarzellen beträgt 16 bis 20 Prozent. Jener eines Atomkraftwerks etwa 33 Prozent. Von der Wirkungsweise des Renergia-Kraftwerks und insbesondere der engen Zusammenarbeit mit der Papierfabrik profitiert auch die Umwelt. Weil etwa die Papierfabrik 40 000 Millionen Liter weniger Heizöl benötigt, wird die Umwelt um jährlich etwa 90 000 Tonnen CO2 entlastet. Ebenfalls erstaunlich: In Perlen werden ab 2015 jährlich 200 000 Tonnen Abfall aus allen sechs Zentralschweizer Kantonen verbrannt. Und trotzdem verspricht Adrian Schuler, dass die Luft in und um Perlen sauberer sein wird als vorher. Begründung: «Die mehrstufige Rauchgasreinigung der Renergia arbeitet sehr sauber und unterschreitet die Grenzwerte um ein Mehrfaches.» Weil die Papierfabrik viel weniger Öl und Gas verbrennt, macht die Senkung dieser Abgase den Ausstoss aus dem Renergia-Kamin mehr als wett.

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Ein ewiger Kreislauf

Zurück zu Herrn Meier aus Buchrain. Er kommt am Abend müde von der Arbeit zurück, der Güselsack ist längst weg. Er zündet das Licht an, das mit Strom aus seinem Abfall erzeugt wurde, er wäscht sich die Hände mit Wasser, das dank seines Abfalls erwärmt wurde, er schnappt sich ein Joghurt (Apfel mit Zimt), und der Kreislauf beginnt von vorne.

Bis im August ragen bereits die Wände in die Höhe

Zu Beginn der Bauarbeiten an der neuen Kehrichtverbrennungsanlage Renergia im September machten der viele Regen und das Grundwasser Probleme. Mittlerweile jedoch laufen die Arbeiten auf der riesigen Baustelle neben der Papierfabrik in Perlen weitgehend problemlos. «Wir sind im Zeitplan», versichert Projektleiter Ruedi Kummer.

Bereits abgeschlossen sind die Pfählungen und der Aushub. Ins Auge sticht auf der 25 000 Quadratmeter grossen Baustelle jedoch erst ein grosser, in die Höhe ragender Bunker. Darin sollen ab Ende 2015, wenn die Renergia in Betrieb genommen wird, die Schlackerückstände aufgefangen werden. Bis im August wächst die Riesenfabrik – sie wird 190 Meter lang, 60 Meter breit und bis zu 45 Meter hoch – rasant in die Höhe. Die grössten Betonarbeiten an den Wänden und Decken sollen laut Kummer bis dann abgeschlossen sein. Danach gehts an den Einbau der Geräte und Maschinen sowie die Fassadeninstallation.
Derzeit arbeiten rund 60 Personen auf der Baustelle. In Spitzenzeiten werden es an die 200 Arbeiter sein.
900 Pfähle versenkt

Nebst den 900 bis zu 14 Meter langen Pfählen werden für den Bau rund 30 000 Quadratmeter Beton und 5000 Quadratmeter Spundwände verwendet. Rund 25 000 Kubikmeter Auffüllmaterial waren nötig, um das Terrain rund um die Anlage aus Schutz vor Überschwemmungen etwas zu erhöhen.

Der Mitte September erfolgte Spatenstich hat sich aufgrund eines Rechtsstreits etwas verzögert. Der mittlerweile beigelegte Streit soll die Inbetriebnahme der Renergia auf Frühling 2015 jedoch nicht gefährden.