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ROTHENBURG: Auch Drohungen bremsten Rosmarie Dormann nicht

Alt Nationalrätin Rosmarie Dormann (CVP) feiert heute ihren 70. Geburtstag. Sie erzählt, weshalb sie auch heute noch Leserbriefe schreibt und warum sie nicht mehr Nationalrätin sein möchte.
Roseline Troxler
Rosmarie Dormann (70) in ihrer Wohnung in Rothenburg. (Bild: Nadia Schärli (22. März 2017))

Rosmarie Dormann (70) in ihrer Wohnung in Rothenburg. (Bild: Nadia Schärli (22. März 2017))

Roseline Troxler

roseline.troxler@luzernerzeitung.ch

Rosmarie Dormann kann heute auf 70 Jahre zurückblicken. Sie fühle sich als «junge Alte», erzählt die ehemalige Politikerin, die in Rothenburg in einer Grossfamilie aufgewachsen ist. Ein Leben lang hat sich die alt Nationalrätin sozial engagiert. Nun möchte sie kürzertreten.

Vor 14 Jahren gab sie ihren Rücktritt aus dem Nationalrat. Dort hat Dormann während 16 Jahren für die CVP politisiert. In der Politik war sie eine Spät­berufene und zugleich eine Senkrechtstarterin, hatte sie doch vorher kein politisches Amt inne. Mit 40 Jahren liess sie sich von der CVP für den Nationalrat aufstellen, «weil ich wusste, dass ich nicht gewählt werde», wie sie mit einem Schmunzeln anmerkt.

Doch es kam anders: Die diplomierte Sozialarbeiterin und Mediatorin schaffte 1987 sogleich den Sprung in die grosse Kammer. «Ich war am späten Abend des Wahlsonntags leicht schockiert», erzählt sie. Dass sie damals als Frau überhaupt eine Chance hatte, führt sie darauf zurück, dass sie keine Familie hatte. Für das politische Amt zahlte sie aber einen hohen Preis, wie sie selbst sagt; sie verlor die Stelle als Amtsvormund der Ämter Sursee und Hochdorf.

Die Mutter des Antirassismusgesetzes

Ihr Mandat in Bern habe sie schliesslich mit einer Spur Naivität angetreten: «Ich bin damals schon ziemlich ignorant ins Bundeshaus eingezogen.» Sie sei aber von den damaligen Fraktionskolleginnen Josi Meier und Judith Stamm gut eingeführt und enorm unterstützt worden. Rückblickend habe das Positive in ihrer politischen Tätigkeit überwogen. «Ich habe mir immer geschworen aufzuhören, wenn ich nicht mehr schlafen kann. Bei der Antirassismusstrafnorm wurde es kritisch.» Rosmarie Dormann gilt als Mutter dieses Gesetzes, das sie selber als ihren grössten politischen Erfolg erachtet. Die Strafnorm schützt vor rassistischer Diskriminierung, wenn diese in der Öffentlichkeit stattfindet. Sie stellt diejenigen Handlungen unter Strafe, die sich aufgrund der Rasse, der Ethnie oder der Religion gegen Personen richtet.

Das Antirassismusgesetz wurde im September 1994 vom Stimmvolk angenommen – mit einem Ja-Stimmen-Anteil von 54,6 Prozent. Mit einem Ja habe sie – entgegen vielen Mitstreitern – immer gerechnet. «Ich arbeite schliesslich gerne gratis, aber nicht vergebens», sagt sie. Dass sie das eidgenössische Ja-Komitee präsidiert hatte, machte Dormann zur Zielscheibe. Während acht Wochen hat sie Hunderte Briefe erhalten, darunter viele anonyme Drohbriefe. «Dazu gehörten auch sexistische Angriffe», erzählt Dormann. Ein unschöner Vorfall ereignete sich vor der Abstimmung auch im Bahnhof Luzern, wo die ehemalige Nationalrätin von einer Unbekannten angespuckt worden war. «Das war emotional belastend.» Sie wurde gar bei drei Gerichten eingeklagt – von Holocaust-Leugnern, wie sie sagt: Das Ziel der Kläger, ihre Immunität aufzuheben, scheiterte.

Es kam so weit, dass die Bundes­anwaltschaft die Politikerin unter Schutz stellen liess. Sie lebte vorübergehend auswärts und wurde bewacht. Nach dem Abstimmungserfolg hatte Dormann noch einige Zeit mit den Folgen zu kämpfen. «Ich bin ein Nachtmensch und habe gerne spätabends Spaziergänge unternommen. Noch lange liess mich jedes Geräusch zusammenzucken.» Während der kräfteraubenden Zeit (40 Abende am Stück war die CVP-Frau für dieses Geschäft an Veranstaltungen aktiv) habe sie immer versucht, das Positive zu sehen. In Erinnerung bleibe, dass ihr eine Ärztin Vitamine für den Abstimmungskampf zustellte oder eine betagte Frau versprach, für sie täglich ein Vaterunser zu beten. Nach der Abstimmung gab es haufenweise Gratulationen von Auslandschweizern aller Kontinente.

Besonderen Mut möchte sich Dormann für ihr Engagement aber nicht attestieren. «Es war für mich eine Frage der Haltung.» Wenn sie von etwas überzeugt sei, werde sie zur Kämpferin. Für ihre Tätigkeit als Präsidentin des Komitees «Ja zum Antirassismusgesetz» wurde Dormann 1995 mit dem Fischhofpreis geehrt. Für Dormann hat das Gesetz vor allem präventiven Charakter. «Wirklich angewendet werden muss es zum Glück selten.» Sie ist aber überzeugt, dass Holocaust-Leugner aufgrund der Strafnorm praktisch verstummt seien.

Sie wich oft von der Fraktionsmeinung ab

Auch bei den AHV-Revisionen, beim Krankenkassengesetz oder in Forschungsfragen hat sich Dormann engagiert. So ging etwa die Abstimmung über «die Forschung am Menschen» auf eine Motion von ihr zurück.

Dass sie häufig anders stimmte als ihre Fraktion, wurde Dormann mehrmals vorgeworfen. «Ich bin manchmal schon etwas eigenwillig», räumt sie ein. Das sagen auch politische Weggefährten (siehe Kasten). Da sie keine Interessenbindungen eingegangen sei, habe sie unabhängig entscheiden können. Als Richterin sei sie es gewohnt gewesen, den Finger zu heben. «Ich habe mich primär dem sozialen Gewissen verpflichtet gefühlt.» Sie habe dabei gerne mit Mitgliedern jeder politischen Couleur gearbeitet. Dies sei mit ein Grund, weshalb sie heute nicht mehr politisieren möchte. «Die Parteipolitik steht für mich zu sehr im Vordergrund.» Was Dormann heute im Nationalrat ebenso vermisst, ist der soziale Flügel der CVP. «Die eher linken und sozialen Kräfte fehlen der Partei.» Dadurch hätten sich gerade Frauen abgewendet.

2003 verabschiedete sich Dormann nach 16 Jahren von der Politbühne. Als Nationalrätin hat sie rund 2500 Referate gehalten und Hunderte Briefe beantwortet – alle, die bei ihr eingetroffen waren. Das politische Geschehen verfolgt sie weiter. «Ich staune, dass mich noch heute Leute aus dem Volk bei schwierigen Vorlagen anrufen und fragen, wie sie abstimmen sollen.» Dies sei jeweils ein Zeichen, einen Leserbrief zu verfassen.

Die Politik war immer nur ein Standbein von Dormann. Schliesslich sei sie erst spät politisiert worden – zunächst über lokale Themen, dann über ihre Arbeit als Amtsvormund und Laienrichterin. Ihr Einsatz für die Schwachen der Gesellschaft zieht sich denn auch wie ein roter Faden durch ihr Leben. In ihrer Karriere hat sie sich nie beworben. «Ich wurde immer für Stellen angefragt. Einige hätte ich mir gar nicht zugetraut», gesteht sie. Nach dem Rücktritt als Nationalrätin präsidierte sie acht Jahre die Bethlehem-Mission Immensee. «Dies war eine ehrenvolle, aber grosse Aufgabe.» Damals hat sie die Organisation, die nun Comundo heisst, auf neue rechtliche Füsse gestellt und nach Luzern geholt. Nach wie vor präsidiert sie den Verein Traversa, der sich für Menschen mit einer psychischen Erkrankung einsetzt.

Nun aber will sich Dormann «kontinuierlich zurücklehnen». Schliesslich sei ihr Leben hektisch genug gewesen. In den Mittelpunkt rücken Wanderungen, Gymnastik, Aquafit oder Lesen. Auch für Veranstaltungen an der Seniorenuni, Reisen, Jassen oder das Treffen von Freunden sowie der zehn Gottenkinder hat sie nun mehr Zeit.

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