ROTHENBURG: Vom Einzelkämpfer zum Teamplayer

Hyperaktive Kinder, anspruchsvolle Eltern, aber auch viel Schönes – und ein Ausrutscher: Bruno Odoni hat als Lehrer viel erlebt.

Andrea Schelbert
Drucken
Teilen
Von seinen Schülern auf Händen getragen: Bruno Odoni (65) vor dem Schulhaus Hermolingen. (Bild Dominik Wunderli)

Von seinen Schülern auf Händen getragen: Bruno Odoni (65) vor dem Schulhaus Hermolingen. (Bild Dominik Wunderli)

43 Jahre lang hat sich Bruno Odoni an der Primarschule Rothenburg engagiert. Ende Juli geht er nun in Pension und übergibt die Schulleitung im Schulhaus Hermolingen seinem Nachfolger Thomas Güttinger. Odoni hat ein äusserst spannendes Berufsleben, gewaltige Veränderungen, vor allem aber auch «sehr viele schöne und wunderbare Momente» erlebt, erzählt der 65-Jährige.

«Das Schulzimmer war unser Reich»

«Als ich 1969 in Winikon mit dem Unterricht begann, waren wir Lehrer Einzelkämpfer», so Odoni. «Das Schulzimmer war unser Reich. Wir haben die Tür zum Klassenzimmer geschlossen, damit der Nachbar nichts über den Unterricht wusste», erzählt er lachend. Wenn damals aber ein Schulinspektor zu Besuch gekommen sei, habe sich diese Nachricht in Windeseile verbreitet. Die Lehrer hätten sich dies mit subtilen Botschaften wie «die Bestellung ist erschienen» mitgeteilt.

Das Klima an den Schulen hat sich seither enorm verändert. «Heute arbeiten die Lehrer zusammen; ein Einzelgänger wäre verloren», ist der zweifache Familienvater Odoni überzeugt. Dass er ein ausgesprochener Teamplayer ist, beweist die Tatsache, dass ihn die Lehrer 1998 zum Schulleiter wählten. «Damals war kaum vorstellbar, dass einer aus dem Team die Leitung übernehmen würde. Ich hatte Angst und Respekt vor dieser Aufgabe», gesteht Odoni.

«Haben wir noch normale Kinder?»

Sechzehn Jahre lang war er in dieser Funktion tätig. Schwierige Zeiten und kräfteraubende Momente hat er viele erlebt. Die Einführung der integrativen Förderung etwa beanspruchte ihn sehr. «Haben wir denn noch normale Kinder?», habe er als Schulleiter darum auch schon mal provokativ und etwas überspitzt in die Runde gefragt. «Ich habe manchmal den Eindruck, dass Ritalin bald nichts mehr nützen wird und wir uns Neues einfallen lassen müssen», meint er besorgt.

Dass er vor vielen Jahren einen frechen Schüler an den Haaren gerissen hatte, war ihm anschliessend furchtbar peinlich: «Ich habe mich in Grund und Boden geschämt. Kleinlaut habe ich dies damals im Lehrerzimmer gebeichtet.» Seine Kollegen hätten Verständnis gezeigt und von ähnlichen belastenden Situationen erzählt.

Ein Kind, das im Kindergarten mit Spielsachen um sich wirft oder ein Schüler, der ohne Aufsichtsperson nicht mit den Aufgaben beginnt: Solche Fälle haben Odoni teilweise monatelang beschäftigt. Dass daraus schwierige Gespräche mit den Eltern resultierten, überrascht nicht. «Viele Eltern akzeptieren es heute nicht mehr, wenn ihr Kind eine Klasse wiederholen oder zur Logopädin muss. Sie wollen das Beste für ihr Kind, doch oft ist genau dies eben das Schlechteste.»

Solche Diskussionen und Probleme seien ermüdend gewesen. «Es gab Momente, wo ich nicht mehr weiter gewusst und Unterstützung gebraucht habe», sagt Odoni. «Ich bin sehr dankbar, dass wir uns ausgetauscht und gegenseitig geholfen haben.»

Rosen und Dankeskarten

Bruno Odoni trug viel zu einem guten Klima im Schulhaus bei: Am Valentinstag schenkte er jeder Frau an der Schule eine Rose, an Weihnachten dankte er den 27 Lehrpersonen mit einer persönlich geschriebenen Karte. Dass eine Mitarbeiterin weinte, nachdem sie von seiner Pension erfahren hatte, erzählt der Luzerner nebenbei und meint: «Ich denke, dass solche Reaktionen echt sind. Es tut gut zu wissen, dass ich geschätzt wurde.» Er sei zwar «rüüdig» erleichtert, dass er die Verantwortung nun abgeben könne: «Doch ich werde die Schule schon bald vermissen. Ich hätte gut noch ein bis zwei Jahre weitermachen können.»