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Rudolf Baumgartner war 40 Jahre lang Leiter des Steueramtes Reiden: Nur seine Tauben sind steuerfrei

Niemand zahlt gerne Steuern. Auch nicht Rudolf Baumgartner, der 40 Jahre das Steueramt in Reiden leitete. Nun übergibt er das Amt und widmet sich seinen vier Grosskindern – und den Tauben.
Urs-Ueli Schorno
Rudolf Baumgartner räumt nach 40 Jahren sein Büro: Auch das Bild der Taube - Typ Berner Guugger - wird abgehängt. Bilder: Roger Grütter (Reiden, 6. Mai 2019)

Rudolf Baumgartner räumt nach 40 Jahren sein Büro: Auch das Bild der Taube - Typ Berner Guugger - wird abgehängt. Bilder: Roger Grütter (Reiden, 6. Mai 2019)

«Der Mensch, der gerne Steuern zahlt, wird nie geboren.» Das sagt Rudolf Baumgartner, einer der es wissen muss. Der 62-Jährige geht nach 40 Jahren als Leiter des Steueramtes Reiden in Pension. Damals, als 23-Jähriger, kam er nach der Lehre und der Rekrutenschule eher unverhofft zum anspruchsvollen Amt.

Aufgewachsen in Hintermoos in der Gemeinde Wikon absolvierte er nach der Lehre 1977 die Rekrutenschule. Nach einem kurzen Abstecher in die Bankenbranche war es der damalige Gemeindeammann persönlich, der sich bei ihm meldete. Die Stelle des Amtsleiters war verwaist, Fachkräfte rares Gut. Baumgartner packte diese Chance, kam zum Handkuss.

Die Arbeit ist aufwendiger und komplexer geworden

Seine Arbeit sei zwar schon damals anspruchsvoll gewesen, aber doch ein bisschen einfacher. «Meist hiess es im Zweifelsfall: ‹Das ist jetzt so!› Heute müssen wir jeden Fall abwägen.» Das sei gut so – aber auch aufwendiger und seine Arbeit damit komplexer. «Heute wäre es kaum mehr möglich, so jung diesen Job zu übernehmen.» Seinen Nachfolger Markus Peter arbeitet er bereits seit Juli vergangenen Jahres in seinen Job ein.

Rudolf Baumgartner wird als Leiter des Steueramters Reiden nach 40 Jahren im Dienst pensioniert.

Rudolf Baumgartner wird als Leiter des Steueramters Reiden nach 40 Jahren im Dienst pensioniert.

Auf dem Steueramt in Reiden landen die Steuererklärungen von Lohnbezügern, Rentnern und Nichterwerbstätigen. So sind die Daten von rund 3900 Steuerpflichtigen auf Knopfdruck abrufbar. Baumgartner ist also einer derer, die am besten über die finanziellen Verhältnisse seiner Nachbarn, Freunde und Bekannten informiert sind. Mit seinem Wissen prahlen darf er aber nicht. «Der Datenschutz ist heute so streng wie früher.» Nur so viel: Generell sei die Steuermoral heute sicher nicht besser geworden.

Der Steuerfachmann berichtet auch von Momenten, in denen der Umgang mit den sensiblen Daten nicht einfach war. Baumgartner:

«Es gab schon Gemeinderäte, die an Gesprächen mit ‹Steuersündern› teilnahmen – von denen ich aber wusste, dass sie selber ihren Steuerpflichten nicht nachgekommen sind.»

Rote, gelbe und grüne Steuererklärungen

Seine eigene Steuererklärung darf Baumgartner natürlich nicht selbst veranlagen. Das macht für alle Mitarbeiter der Steuerämter der Kanton. Wie die meisten anderen Steuerzahler auch, füllt er sie mit dem Online-Formular aus, von wo aus sie dann eine «Schlaufe» nach Zürich macht, ins Scan-Center. «Die meisten, rund 80 Prozent, geben ihre Steuererklärung noch immer in Papierform ab – nachdem sie sie am Computer ausgefüllt haben.» Via Scan-Center gehen die Unterlagen dann an den Kanton. Von seinem Büro aus kann Rudolf Baumgartner nun auf die Steuererklärungen zugreifen und es wird ihm automatisch eine Einschätzung angezeigt: Rot, gelb oder grün. «So wissen wir, welche Steuererklärungen genauer angeschaut werden müssen.»

Es liegt in der Natur der Sache, dass man als Steuerbeamter mitunter auch Ziel von Aggressionen wird. Schliesslich steht man für eine Pflicht, der niemand mit Freude nachkommt. «In den ganzen 40 Jahren gab es zum Glück nur zwei Situationen, bei denen es zu Handgreiflichkeiten kam.» Baumgartner konnte beide Male eingreifen, bevor es zu einer kompletten Eskalation kam.

Auf die Taube gekommen

Überraschend: Er sei eigentlich kein ausgeprägter Zahlenmensch, sagt Baumgartner über sich. Zum Ausgleich zu seinem kopflastigen Beruf tragen seine Tiere bei: Baumgartner ist passionierter Taubenzüchter. Ein Gemälde mit den Berner Guugger, einer Schweizer Taubenrasse, ist denn auch das letzte Stück, dass er beim Aufräumen seines Büros von der Wand nimmt.

Zur Taubenzucht gekommen ist Baumgartner, als ihm 1973 sein Grossvater sechs Tauben schenkte. Seither haben seine Vögel nicht nur zahlreiche Preise abgeräumt, sondern sind auch bei anderen Züchtern sehr beliebt. Als Nebenverdienst muss der Präsident des Taubenzüchtervereins Wiggertal diese Einkünfte aber nicht deklarieren. Reich werde man damit sowieso nicht: «Bei diesem Hobby zahlt man allein mit dem Futter drauf».

In der nun kommenden Zeit will Baumgartner aber nicht unbedingt sein Hobby weiter intensivieren. «Wichtiger sind meine vier Grosskinder – das jüngste ist eben im April zur Welt gekommen», sagt der stolze Grossvater. Und die obligate Frage zum Schluss, ob er seine Steuererklärung immer rechtzeitig eingereicht habe. «Natürlich.»

Von analog zu digital

Verändert hat sich die Arbeit auf dem Reidener Steueramt seit den 1980er-Jahren auch durch die Technologie. War es bei seinem Amtsantritt noch ein mechanischer Buchungsautomat, kurz darauf der erste Computer, ist heute die Steuersoftware komplett vernetzt. Im Jahr 1995 nahm das Steueramt Reiden an einem Pilotversuch teil, bei dem Steuerveranlagungen autonom gerechnet wurden, zum ersten Mal direkt auf der Gemeinde. Zuvor wurden alle Veranlagungen vom Kanton verfügt. Seit der Gemeindefusion am 1. Januar 2006 werden die Steuerveranlagungen von Reiden, Richental und Langnau auf dem Amt von Rudolf Baumgartner bearbeitet. (uus)

Besser zwei Mal nachdenken

Reiden ist seit 2013 zum zweiten Mal in einem budgetlosen Zustand. Rudolf Baumgartner äussert sich vorsichtig zur Politik. «Aus Sicht des Steuerzahlers kann ich aber sagen, dass man gerade bei Stimmrechtsbeschwerden besser zwei Mal überlegt, bevor man eine solche einreicht.» Statt mehr einzusparen, könne man wegen anfallenden Kosten eben noch höhere auslösen. «Als 2013 das gesamte Budget neu durchgerechnet werden musste, konnte man am Schluss noch rund 100'000 Franken zusätzlich einsparen – Geld, das für den Prozess praktisch wieder anfiel.» Unter dem Strich also, im besten Fall, ein Nullsummenspiel. (uus)

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