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RÜCKBLICK: Die Spuren der Luzerner «Krawallnacht»

Die 68er-Bewegung steht für einen tiefgreifenden gesellschaftspolitischen Umbruch. Auch in der konservativen, eher ländlich geprägten Innerschweiz hat die 68er-Bewegung ihre Spuren hinterlassen.
Oliver Landolt*
Scan Luternauer 2009 (Bilder: Stadtarchiv/Staatsarchiv Luzern)

Scan Luternauer 2009 (Bilder: Stadtarchiv/Staatsarchiv Luzern)

Oliver Landolt*

redaktion@zentralschweizamsonntag.ch

Das Jahr 1968 markiert in der westlichen Zivilisation einen fundamentalen gesellschaftlichen und politischen Umbruch. Die Jugend probt den Aufstand und rebelliert mit heftigen Protesten und Aktionen gegen die festgefahrenen Werte ihrer Eltern. Der Wirtschaftsaufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg hat zu einer eigentlichen Konsumgesellschaft geführt, zumindest in der westlichen Zivilisation. Doch der gestiegene Wohlstand beruht in starkem Masse auf der weltweit ungerechten Verteilung der wirtschaftlichen Ressourcen – und auf der Ausbeutung der Natur. Vor allem die Jugend steht der von traditionellen Werten bestimmten Gesellschaft zunehmend kritisch gegenüber.

Das Umbruchjahr 1968 brach nicht schlagartig über die westliche Zivilisation herein, sondern kündigte sich im Laufe der 1960er-Jahre allmählich an. Obwohl die «68er-Bewegung» ein internationales Phänomen war, lassen sich die Ursachen für diese Proteste durchaus auf nationaler Ebene festmachen. So erwies sich etwa die nicht aufgearbeitete nationalsozialistische Vergangenheit und die politische Karriere von Altnazis in der Bundesrepublik Deutschland als eine schwere Hypothek. Ihre Unantastbarkeit stiess speziell der studentischen Jugend sauer auf – und lieferte Munition für Protestaktionen.

In der Schweiz wurde von einem Teil der Intellektuellen Kritik an der selbstgenügsamen und auf sich selbst bezogenen Welt der Aktivdienstgeneration laut. Die Wortführer dieser kritischen Einstellungen zur Schweiz der Nachkriegszeit waren Figuren, die damals über grosses Renommee verfügten. So etwa die Schriftsteller Max Frisch (1911–1991) oder Friedrich Dürrenmatt (1921–1990).

Der jugendliche Protest machte auch vor der damals gesellschaftlich wie politisch konservativen Zentralschweiz nicht Halt, sondern fand hier ebenfalls einen fruchtbaren Nährboden. Auch wenn die «1968er-Bewegung» weitgehend ein sogenannter «urban event» war, lassen sich die gesellschaftlichen Umwälzungen dieser Zeit auch in der ländlich geprägten Innerschweiz feststellen. Dies vor dem Hintergrund, dass sich der urbane Lebensstil – beflügelt durch die Medien – im Laufe der 50er- und 60er-Jahre auch zunehmend in ländlichen Kulturen durchsetzte.

Gewaltsame Eskalation in der Stadt Luzern

Bisherige Autoritäten wie Kirche, Politik und Militär wurden immer stärker hinterfragt. Die sich entwickelnde Jugendkultur war gegenüber diesen Einflüssen offen. Wie in anderen Ländern kam es auch in der Schweiz im Frühjahr und Sommer 1968 zu Protesten Jugendlicher, wobei hauptsächlich die grösseren Städte eigentliche Katalysatoren dieser Aktionen waren. Die sogenannten «Globus-Krawalle» in Zürich im Juni 1968 erlangten eine landesweite mediale Aufmerksamkeit, als die Forderungen nach einem autonomen Jugendzentrum durch überforderte Polizeikräfte gewaltsam niedergeknüppelt wurden. Zusammen mit weiteren Jugendunruhen weltweit strahlten diese Ereignisse auch in die Zentralschweizer Kantone aus.

Das konnten auch kleinere Aktionen sein, wie ein Beispiel aus dem Kanton Uri zeigt: Nachdem in Flüelen die «Charly-Bar», ein beliebter Jugendtreffpunkt und einziges täglich geöffnetes Dancing, auf Behördenanordnung geschlossen wurde, veröffentlichten Urner Jugendliche im August 1968 ein Protestflugblatt. Darin forderten sie die Wiedereröffnung des Dancings sowie eine Modernisierung des kantonalen Tanzgesetzes. Mit Häme kommentierte die liberale «Gotthard-Post» diese Ereignisse: «Endlich hat auch der Kanton Uri sein Jugendproblem. Doch wir wollen der Jugend verzeihen, dass sie in Mittel und Ton über das Ziel herausgeschossen ist.»

Zu grösseren gewaltsamen Aktionen kam es Anfang Januar 1969 in der Stadt Luzern. Nach dem zunächst mysteriösen Tod eines junges Mannes in Polizeigewahrsam im Dezember 1968 rief ein Aktionskomitee «Freier Bürger» zu einer behördlich bewilligten friedlichen Demonstration auf. Allerdings wurde diese Demonstration kurzfristig durch den Veranstalter abgesagt, nachdem sich im Vorfeld eine Eskalation der Ereignisse abzeichnete. Tatsächlich versammelten sich in der Nacht vom 4. auf den 5. Januar 1969 mehrere hundert Personen vor der Hauptwache der Luzerner Stadtpolizei. Diese versuchten die Polizeiwache zu erstürmen, was aber nicht gelang. Es kam zu grösseren Sachbeschädigungen, und die Polizei ging mit Wasser aus Feuerwehrschläuchen gegen die De­mon­stranten vor. In bürgerlichen Kreisen war die Empörung über die «Krawallnacht» gross. Nicht nur die Luzerner, auch die Schweizer Zeitungen überschlugen sich. Zunächst wollte man ein Exempel statuieren und die Jugendlichen sogar wegen Hochverrats anklagen. Strafrechtlich verfolgt wurden dann schliesslich 106 Personen wegen Landfriedensbruchs, wobei sie solidarisch zur Zahlung der angefallenen Sachbeschädigungen verurteilt wurden.

Mittelschulen als Seismografen des jugendlichen Protests

Vor allem die Mittelschulen waren im Raum Zentralschweiz ein eigentlicher Seismograf für die Rezeption der 68er-Bewegung. Sehr häufig waren diese Mittelschulen noch klerikal geführte Institutionen, wo – zumindest ein Teil des Lehrkörpers – noch Kleriker waren und häufig Mädchen noch gar nicht zugelassen wurden. So kam es im Kollegium Maria Hilf in Schwyz zu einem eigentlichen Eklat, nachdem im Frühjahr 1969 in der Maturazeitung verschiedene Beiträge erschienen waren, die nach den Worten des damaligen Rektors als «unschicklich, frech, ja beleidigend taxiert werden» müssen. Vier Maturanden wurden von den Maturprüfungen ausgeschlossen, was im Nachhinein aber gegen Protest des Rektorats wieder rückgängig gemacht wurde.

In der Stiftsschule Einsiedeln erregte neben intellektuellen Auseinandersetzungen das Tragen der Kutte als Schuluniform durch die internen Gymnasiasten Unmut. Dass die Mittelschulen auch in der Öffentlichkeit als Zentren jugendlichen Protests wahrgenommen wurden, manifestierte im Herbst 1970 im knappen Ja der Urner Stimmbürger für den Ausbau der Mittelschule. Ein gegnerisches Flugblatt hielt fest: «Kollegiumsbau Nein. Wir bezahlen keinen Rappen an diese Rauschgifthöhle.» Die Gleichsetzung der 68er-Bewegung mit «Drögelern» war in grossen Teilen damaliger bürgerlicher Kreise weit verbreitet.

Langzeitfolgen in der Zentralschweiz

1968 stiess einen soziokulturellen Aufbruch an, der auch in der als behäbig betrachteten Innerschweiz zu starken Veränderungen in der Gesellschaft führte. Ein kritisches Umdenken führte zu einem neuen kulturellen, ökologischen und politischen Bewusstsein, das sich in verschiedenen, politisch links orientierten Bewegungen (Umwelt- und Landschaftsschutz, Problematik der Geschlechterverhältnisse, Drittweltorganisationen, Friedensaktivisten, alternative «Szenen») manifestierte. Die stark durch den Katholizismus geprägte Welt der Innerschweiz «implodierte». 1968 und seine Folgen bedeutete aber auch für das Rechtsbürgertum einen nachhaltigen negativen «Erinnerungsort». Durch diese Kreise als negativ empfundene gesellschaftspolitische Entwicklungen wurden und werden der 68er-Bewegung bis heute in die Schuhe geschoben.

Fachtagung des Historischen Vereins

Der Historische Verein Zentralschweiz nimmt den 50. Jahrestag zum Anlass, sich mit dem Einfluss der 68er-Bewegung auf die Zentralschweiz auseinanderzusetzen. An einer Tagung nächsten Samstag, 27. Januar 2018, 9.30–16.00 Uhr (Universität Luzern, Raum 8) wird Bilanz gezogen über die hierdurch verursachten Veränderungen im Bereich der Gesellschaft, Kultur, Politik und Religion. Die Anmeldefrist ist abgelaufen, es wird vor Ort aber eine Tageskasse geben. Weitere Infos: www.hvz.ch

Bilder: Stadtarchiv/Staatsarchiv Luzern

Bilder: Stadtarchiv/Staatsarchiv Luzern

Demonstranten versuchten in der Nacht vom 4. Januar 1969 die Polizeiwache zu stürmen. Später nummerierten die Ermittler identifizierte Teilnehmer auf den originalen Fahndungsbildern. (Bilder: Stadtarchiv/Staatsarchiv Luzern)

Demonstranten versuchten in der Nacht vom 4. Januar 1969 die Polizeiwache zu stürmen. Später nummerierten die Ermittler identifizierte Teilnehmer auf den originalen Fahndungsbildern. (Bilder: Stadtarchiv/Staatsarchiv Luzern)

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