RÜCKTRITT: «Die erste Zeit war schwierig»

Lathan Suntharalingam (SP) zieht sich nach neun Jahren aus der Politik zurück. Er war der erste Secondo in Stadt- und Kantonsparlament. Im Interview zieht er Bilanz.

Interview Florian Weingartner
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Kantonsrat Lathan Suntharalingam am Schweizerhofquai, in der Stadt Luzern.

Kantonsrat Lathan Suntharalingam am Schweizerhofquai, in der Stadt Luzern.

Lathan Suntharalingam, Sie treten Ende Juni von Ihrem Amt als Kantonsrat zurück. Warum?

Lathan Suntharalingam: Im Herbst beginne ich neben meiner Arbeit am Kantonsspital an der Universität Luzern ein Masterstudium in Gesundheitswissenschaften mit Schwerpunkt Ökonomie. Da meine Frau eine Ausbildung zur Fachangestellten Gesundheit absolviert, muss ich mich zudem stärker als bisher unseren drei Kindern widmen, zumal die älteste Tochter inzwischen Erstklässlerin ist. Darum diesen Schritt.

Mit welchen Gefühlen werden Sie aus dem Kantonsparlament scheiden?

Suntharalingam: Die Arbeit hat mir viel Spass gemacht, besonders die Kommissionsarbeit, die stark von inhaltlichen Argumenten geprägt ist. Ich bin stolz, Teil der gesetzgebenden Kraft unseres Kantons gewesen zu sein.

Sind Sie zufrieden mit dem, was Sie während Ihrer sechs Jahre im Rat erreichten?

Suntharalingam: Als Teil einer Fraktion, die meist in der Minderheit ist, kann man nie ganz zufrieden sein. Trotzdem konnte ich mehrere Anliegen umsetzen, etwa das Massnahmenpaket gegen Zwangsheiraten. Auch gelang es mir, andere für bestimmte Themen zu sensibilisieren. Vorstösse von mir zum Personalmangel im Gesundheitswesen erfolgten, lange bevor die Ratsmehrheit die Dringlichkeit des Problems erkannte.

Welche Entscheide Ihrer Ratskollegen haben Sie am meisten geärgert?

Suntharalingam: Es waren weniger einzelne Entscheide, mehr Grundsätzliches. Ich verstehe zum Beispiel nicht, dass die breite Bevölkerung das Ratsgeschehen nicht stärker verfolgt und sich gegen Entscheide nicht wehrt. Etwa im letzten Sparpaket bei einer kleinen Massnahme, die den Übertritt von der Sek ans Gymnasium nur noch ab der 2. Sek erlaubt hätte. Davon wären so viele junge Menschen betroffen gewesen, die erst nach der 3. Sekundarklasse für den Wechsel bereit sind. Glücklicherweise wurde diese Sparmassnahme abgelehnt. Auf nationaler Ebene nervt mich ein kürzlicher Entscheid für strengere Einbürgerungsregeln. Neu sollen nur noch Ausländer mit einer Niederlassungsbewilligung eingebürgert werden dürfen; ich wurde mit B-Bewilligung Schweizer. Es macht mich wütend, wenn wegen eines Prozents ungebührlicher Ausländer immer alles verschärft wird.

Vor Ihrer Wahl in den Kantonsrat 2007 waren Sie bereits drei Jahre im Grossen Stadtrat. Wie kamen Sie eigentlich in die Politik?

Suntharalingam: Ich engagierte mich bereits intensiv für die Bildung von Migranten. Unter anderem habe ich das Zentrum für interkulturelle Bildung mitgegründet, das benachteiligte Migrantenkinder unterstützt. Bildung ist der Schlüssel für Erfolg und Integration. Die Tatsache, dass die Politik sich oft nur auf die negativen Seiten der Migration konzentrierte, motivierte mich dazu, selber einzusteigen. Mein politischer Ziehvater und Freund Walter Horcher von der damaligen Liberalen Partei Luzern riet mir, mich der SP anzuschliessen, da diese meine Anliegen teile.

Und die SP hat Sie mit offenen Armen empfangen?

Suntharalingam: Die ersten Kontakte waren schwierig. Da hat mit Walter Horcher sehr geholfen. Ich versuchte deswegen nachher, anderen den Einstieg in die Politik zu erleichtern, und gründete Second@s Plus, eine Organisation der SP nur für Migranten.

Sie wurden 2004 auf Anhieb mit dem zweitbesten Resultat aller Grossstadträte gewählt. Wie erklären Sie sich das?

Suntharalingam: Man kannte mich offenbar von meiner Freiwilligenarbeit her. Ich bin allerdings 2004 auf der SP-Liste 800-mal gestrichen worden, erreichte aber viele grüne und CVP-Stimmen. Trotzdem war das eine Sensation.

Sie waren der erste Secondo im Stadtparlament. Wie wurden sie aufgenommen?

Suntharalingam: Es war nicht einfach, Vertreter der SVP etwa ignorierten mich konsequent. Das erste Jahr war besonders schwierig, denn die Erwartungen an mich waren gross. Ich wollte also vieles erreichen. Gleichzeitig hatte ich keinen Hintergrund, der mich auf diese Arbeit vorbereitet hätte. In meiner Familie hatte der Vater das letzte Wort, da wurde meine Rhetorik nicht gefördert. Diese Situation bedrückte mich lange, und ich litt darunter. Dennoch bin ich froh um diese Erfahrung: Ich erkannte auch deswegen, welche Defizite wettzumachen sind, wofür ich mich engagieren musste, beispielsweise für den zweijährigen Kindergarten in der Stadt Luzern und die flächendeckende Quartierarbeit.

Mit dem ehemaligen SVP-Grossstadtrat René Kuhn führten Sie einen jahrelangen Rechtsstreit wegen einer Äusserung von Ihnen. Letztlich wurden Sie wegen übler Nachrede verurteilt. Würden Sie rückblickend nochmals gleich handeln?

Suntharalingam: Eine seiner beiden Klagen gegen mich hat er ja verloren. Wichtiger aber: 2009 ist er nicht Stadtrat geworden, etwas anderes hatte ich nie beabsichtigt. Das hat allerdings viel Kraft gekostet.

Seit Ihrer Wahl in den Kantonsrat wurden zwei weitere Amtsträger mit Migrationshintergrund gewählt. Die Second@s Plus sind etabliert. Nun ziehen Sie sich komplett aus der Politik zurück. Sind Sie zuversichtlich, dass das Erreichte Bestand haben wird?

Suntharalingam: Zunächst: Ich habe nie gesagt, ich würde mich komplett aus der Politik zurückziehen. Ich setze mittelfristig andere Prioritäten. Was wir mit Second@s Plus erreicht haben, ist grossartig. Das hat einen enormen Sensibilisierungsprozess im ganzen Kanton in Gang gesetzt. So erhält eine ganze Generation von Zugewanderten die Chance, aktiv in die Politik einzusteigen und mitzumachen.