RUEDI LUSTENBERGER: «Ich bin in diesem Jahr viel offener geworden»

Heute wählt der Grosse Rat seinen neuen Präsidenten für das Jahr 1999. Voraussichtlich einziger und unbestrittener Kandidat ist der bisherige Vizepräsident, Ruedi Lustenberger (CVP) Romoos).

Hans Moos
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Ein Handwerker und Kleinunternehmer, dem die Politik zur Leidenschaft geworden ist: Ruedi Lustenberger, Romoos. (Bild: Peter Fischli / Neue Luzerner Zeitung)

Ein Handwerker und Kleinunternehmer, dem die Politik zur Leidenschaft geworden ist: Ruedi Lustenberger, Romoos. (Bild: Peter Fischli / Neue Luzerner Zeitung)

Kaffeerunde an Schreinermeisters Stubentisch. Das blanke Tischblatt mit seinen starken Hell-Dunkel-Kontrasten gibt dem Holzlaien Rätsel auf. Ruedi Lustenberger kommt der Frage zuvor, eher strahlend als nur schmunzelnd. Es ist Eibe - Eye sagt der Entlebucher. Der leidenschaftliche Waldgänger hat sie zusammen mit dem Förster ausgesucht und in der eigenen Werkstatt zu dicken, schmalen Furnierplatten verarbeitet. Geworden ist daraus der Tisch, an den sich die grosse Familie setzt. Nicht mehr täglich vollzählig zwar, aber immer noch regelmässig.

Seit der Älteste auswärts studiert, ist der Sonntagmittag zum festen Termin geworden. Keine Frage: Für Ruedi und Marie-Theres Lustenberger-Duss bedeutet die Familie viel, oder besser gesagt: ein und alles. Ein Sohn und vier Töchter, alle noch in der Ausbildung. Jedes anders und dennoch zu einer Lebensgemeinschaft zusammengeschmiedet. Der Vater liebt die Gespräche und zuweilen hitzigen Diskussionen am Familientisch. Und er glaubt, dass auch die Kinder von seinem zeitraubenden politischen Einsatz letzdich profitiert haben, denn «ich bin in diesen Jahren viel offener geworden».

Frühreif oder spätberufen -auf Ruedi Lustenberger trifft beides zu. Mit 22 Jahren übernahm der gelernte Schreiner von seinem Vater, der zum Gemeindeammann gewählt worden war, den Familienbetrieb. Zupacken war angesagt. Erst zehn Jahre später kann er sich freischaufeln, um in Bern die Ausbildung zum Schreinermeister und die Meisterprüfung nachzuholen. Heute beschäftigt Ruedi Lustenberger in seiner Bau- und Möbelschreinerei drei Berufsleute und bildet zwei Lehrlinge aus. Der Gewerbebetrieb lässt den politischen Nebenberuf zu, weil Ruedi Lustenberger auf ausgezeichnete Mitarbeiter zählen kann. Einer von ihnen wird für die Dauer des Präsidialjahrs die Betriebsleitung übernehmen, damit der Chef den öffentlichen Verpflichtungen des höchsten Luzerners ungeschmälert nachkommen kann. Doch wer spricht da von Pflichten - für Ruedi Lustenberger wird es reines Vergnügen sein. Daraus macht er kein Hehl.

Als vor acht Jahren der bestandene Berufsmann in die kantonale Politik einstieg, galt er allerdings noch als unbeschriebenes Blatt. Zwar war Politik von Jugend auf ein Thema am Familientisch gewesen. Doch erst jetzt kam der Ernstfall. Mit einem Glanzresultat wurde er im Frühjahr 1991 in den Grossen Rat gewählt. Dort verhält er sich zunächst eher still. Mit dem ihm eigenen Eifer lernt er, hört zu, macht sich vertraut mit seiner Fraktion, aber auch über Parteigrenzen hinweg mit Leuten aller Schattierungen, mit der Verwaltung, mit Fachleuten. Berührungsängste legt er rasch ab. Obwohl Gewerbler von Kopf bis Fuss und überdies Berggebietsvertreter, sträubt er sich gegen Vereinnahmung und einseitige Interessenvertretung. Wie ihm dann der Vorsitz wichtiger Kommissionen anvertraut wird, blüht der Mann aus Romoos erst so richtig auf. Zunächst ist es das neue Landwirtschaftsgesetz, dann die Revision des Personalrechts, für die er sich ins Zeug legt, dass die Späne fliegen.

Er versteht seine Aufgabenicht bloss als Moderation. «Lösungen müssen erarbeitet und Mehrheiten erkämpft werden», lautet seine Devise. Deshalb greift er als Kommissionspräsident immer wieder in die Debatte ein, statt die Sache einfach «schütteln» zu lassen.

Zurück nach Romoos. Hier ist Ruedi Lustenberger aufgewachsen, verwurzelt, bekannt, verhängt auch durch vielfältige familiäre, berufliche, politische Bande. Von den rund 840 Einwohnerinnen und Einwohnern kennt er zumindest sämtliche Erwachsenen beim Namen und ist mit fast allen auf Du. Wie es in der weitläufigen Napfgemeinde der Brauch ist. Früher blies er noch Posaune in der Dorfmusik und war eine Stütze der Schützen. Heute steht er der örtlichen CVP vor, die hier so eindeutig Mehrheitspartei ist wie nur noch in wenigen Luzerner Gemeinden. Überdies präsidiert er die Raiffeisenbank Romoos-Doppleschwand.

Ein Dorfkönig also?Das Klischee passt schlecht zu seiner schlichten und suchenden Art. Auf unserem Spaziergang durch den Bergwald oberhalb Holzwegen spüre ich, wie er um Einsichten und eigene Meinungen ringt. Von Jugend auf lässt ihn die Geschichte nicht los. Grundfragen des Staates, der staatlichen Aufgaben und Organisation treiben ihn um. «Staatspolitik ist meine Leidenschaft», bekennt er und überrascht damit jene, die in ihm den hemdsärmjigen Gewerbepolitiker vermuten. Und trägt er sich mit einer Frage, einem Gedanken, so scheut er die Mühe nicht, Briefe zu schreiben oder Leute, die er bisher nicht näher kannte, zum klärenden Gespräch einzuladen.

Nicht unberührtlässt ihn auch die Zukunft seiner Partei auf schweizerischer Ebene. Seine Meinung: «Abgrenzung nach rechts und links ist notwendig.» Die Partei dürfe ihre Werte und ihr Profil nicht kurzlebiger Popularität opfern; so zum Beispiel in der Asylpolitik, wo allenfalls Verluste auf der rechten Seite des politischen Spektrums in Kauf genommen werden müssten.

Überflüssig zu sagen, dass Ruedi Lustenberger sein Romoos, die Leute, die Natur, das Holz, seine Heimat liebt. Und gerade deshalb auch seine «Ausbrüche» in die kantonale Politik braucht. Sie ermöglichen ihm Kontakte, die er sonst kaum (anknüpfen könnte, und verlangen zudem immer wieder die Überprüfung eigener Standpunkte. Rückblickend stellt er beispielsweise fest, dass er ökologischen Projekten wie «Lebensraum Entlebuch» anfänglich misstraute. Sie schienen ihm auch «gar grün». Heute steht er voll hinter den Bemühungen um eine möglichst intakte und lebendige Region. Ebensowenig verschliesst er sich den Anliegen der Strukturreform Luzern '99, der Wirkungsorientierten Verwaltung (WOV), dem Zusammenwachsen der Zentralschweiz - solange nicht blosse Krämerseelen am Werk sind. «Optimierung ist ein Unwort, ich hüte mich davor», sagt er und fährt provozierend fort: «Oder ist etwa das optimal, was unter dem Strich zwei Batzen weniger kostet?»

Freude und ein wenig Stolz empfindet Ruedi Lustenberger, wenn ihn das Kantonsparlament heute zu seinem Präsidenten für das Jahr 1999 erküren wird. Stolz nicht zuletzt deswegen, weil seit langem wieder einmal einer, «der noch das Übergwändli trägt», oben sitzt. 1999 muss sich das Parlament, das vom Juni an nur noch 120 Mitglieder zählt, ein Stück weit neu organisieren und überdies seine veränderte Rolle im Kontext der Wirkungsorientierten Verwaltung finden. Ruedi Lustenberger hatte die Verkleinerung des Rats und die Schaffung zusätzlicher ständiger Kommissionen klar befürwortet. Jetzt geht es für ihn darum, einer übermässigen Spezialisierung der einzelnen Ratsmitglieder entgegenzuwirken.

Vor der Mehrarbeit des Präsidialjahrs fürchtet er sich nicht, obwohl er auch nach der Entlastung im Betrieb noch immer genug am Hals hat. Ruedi Lustenberger hat breite Schultern. Und eine Frau und Familie, die mittragen. Wer dennoch zu Mitleid neigt, den erinnert er respektvoll an seinen (einzigen) Romooser Vorgänger auf dem Präsidentenstuhl. Josef Duss war 1964 gleichzeitig Grossratspräsident, Gemeindepräsident, Nationalrat, Lehrer. «Das waren noch Zeiten», schmunzelt er. Nein, er strahlt.

Seit 125 Jahren der zehnte Entlebucher

Zur Person Ruedi Lustenberger wurde am 2. April 1950 in Romoos geboren, wo sein Vater eine Schreinerei betrieb und später während Jahren als Gemeindeammann wirkte. In Romoos besuchte er die Primarschule, in Wolhusen die Sekundärschule. 1965-69 absolvierte er die Schreinerlehre in Entlebuch, 1974 übernahm er als selbständigerwerbender Inhaber die Schreinerei seines Vaters. 1983 erwarb er nach einer Ausbildung an der Schreinermeisterschule in Bern das Meisterdiplom. Seit 1985 ist er als nebenamtlicher Fachlehrer an der Berufsschule Willisau tätig.

Ruedi Lustenberger ist verheiratet mit Marie-Theres Duss und hat fünf Kinder zwischen 21 und 10 Jahren. 1991 wurde er erstmals auf der Liste der CVP in den Grossen Rat gewählt, 1997 bestimmte ihn das Parlament zum Vizepräsidenten. Er präsidiert die CVP Romoos sowie die Raiffeisenbank Romoos-Doppleschwand. Beim Schreinermeisterverband Amt Entlebuch und Umgebung fungiert er als Vizepräsident.

Zum Amt Der Grosse Rat bestellt regelmässig in der letzten Session des Jahres sein Präsidium und Büro für das kommende Kalenderjahr. Dabei wird ein Turnus nach Parteien und deren Stärke beobachtet. Bis zu einem gewissen Grad miteinbezogen wird auch die regionale Herkunft aufgrund des Wohnorts. Ruedi Lustenberger ist seit dem Inkrafttreten der heute noch geltenden Staatsverfassung von 1875 der zehnte Vertreter des Amtes Entlebuch und der zweite der Gemeinde Romoos an der Spitze des kantonalen Parlaments. H.M.